Mord an Walter Lübcke

Lübcke-Prozess: Fürchte den Zorn eines ruhigen Richters

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Mit dem mutmaßlichen Lübcke-Mörder Stephan Ernst verhandelt Thomas Sagebiel seinen letzten großen Fall – ein Porträt.

Wenn man sich einen Richter backen könnte, würde der vermutlich wie Thomas Sagebiel aussehen. Der Vorsitzende Richter des Staatsschutzsenats am Frankfurter Oberlandesgericht wird allein schon optisch der Würde seines Amtes voll gerecht. Weiße Haare und weißer Bart bezeugen Altersweisheit, aber der 64-Jährige ist körperlich noch bestens beisammen und macht den Eindruck, als könne er mühelos zwei Kästen Bier auf einmal in den Keller schleppen. Die Brille verleiht dem Richter eine vermeintlich intellektuelle Tiefenschärfe. Er kann ein sehr guter Zuhörer sein, wenn er will und man ihn lässt.

Sagebiel urteilt im Mordfall Walter Lübcke

Zu Beginn der meisten Prozesse hält Sagebiel seinen oft sehr jungen Angeklagten gerne mit sanfter Stimme einen eindringlichen Vortrag. Erst mal stellt er klar, dass der Senat bislang noch niemandem den Kopf abgerissen habe, was auch stimmt. Dann weist er daraufhin, dass ein Geständnis, so es denn etwas zu gestehen gäbe, sich immer strafmildernd auswirke – je eher, desto besser. Diese fast schon altväterliche Ansprache führt bei einigen Angeklagten zu der Auffassung, sie könnten dem lieben Gerichtsonkel ungestraft den gröbsten Unfug erzählen oder ihm gar ein freches Maul anhängen. Das ist immer ein furchtbarer Irrtum. Wer die Prozesse des Staatsschutzsenats verfolgt, der weiß, dass Sagebiel kein Richter ist, den man erbosen sollte.

Arid U. kann das bestätigen. Der islamistische Attentäter, der im März 2011 als 21-Jähriger am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten erschossen und zwei andere schwer verletzt hatte, wurde während des ersten großen Prozesses, den Sagebiel als Vorsitzender des Staatsschutzsenats führte, von seiner Verteidigerin als „eigentlich von Grund auf guter Junge“ vorgestellt. Im Laufe des Prozesses präsentierte er sich nur leider als das komplette Gegenteil. Im Februar 2012 verurteilte der Senat Arid U. wegen Mordes und Mordversuchs zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe und stellte die besondere Schwere der Schuld fest.

Sagebiel verhandelte Völkermord in Ruanda - jetzt den Mord um Walter Lübcke

Sagebiel hat es oft mit den grausamsten Taten zu tun. Auch der Völkermord in Ruanda wurde vor seinem Senat verhandelt. Dabei hat er ein feines Gespür dafür entwickelt, zwischen Schwerstverbrechern und Verführten zu unterscheiden – gerade bei IS-Kämpfern gibt es durchaus nicht wenige Angeklagte, die man letzterer Kategorie zuordnen kann. Wer halbwegs glaubhaft Reue zeigt, der kann durchaus auf ein eher mildes Urteil hoffen. Und im besten Fall auf einen launigen Spruch als Dreingabe. So lieferte ein ehemaliger Gotteskrieger, der in Syrien gründlich desillusioniert worden und desertiert war, für sein Tun die etwas merkwürdige Erklärung, er habe eigentlich nur mit dem Dschihad angefangen, weil er sich das Kiffen abgewöhnt hätte. Das sei doch Blödsinn, urteilte der Vorsitzende Richter, er selbst habe sich ja auch irgendwann das Kiffen abgewöhnt und trotzdem nicht mit dem Dschihad angefangen.

Der Flughafenattentäter Arid U. war Sagebiels erster großer Fall, der mutmaßliche Lübcke-Mörder Stephan E. wohl sein letzter. Im Mai kommenden Jahres wird Sagebiel 65 Jahre alt und wird danach die Robe an den Nagel hängen.

Maskenpflicht wegen der Corona-Seuche - auch beim Lübcke-Prozess

Dass mit ihm nicht immer gut Kirschen essen ist, hatte Sagebiel auch in den vergangenen Wochen beim Prozess gegen einen IS-Emir, der ein jesidisches Mädchen zu Tode gefoltert haben soll, bewiesen. Wegen der Corona-Seuche* und des enormen Medieninteresses am ersten Verhandlungstag hatte Sagebiel völlig zu Recht eine Maskenpflicht für Publikum und Presse verfügt. Im Gerichtssaal selbst hält er wenig von Masken – er will das Gesicht der Angeklagten sehen. Nachdem das Publikumsinteresse aber bereits am zweiten Verhandlungstag merklich abgeebbt war, kam es immer wieder zu seltsamen Szenen. 

Walter Lübcke Prozess: Richter Sagebiel sieht alles

Während unten im Saal die Prozessbeteiligten maskenlos Schulter an Schulter saßen, verirrten sich auf die Pressetribüne meist nur zwei, drei Zuhörer, die meterweit voneinander weg saßen. Aber wehe, einer zog mal kurz die Maske unter die Nase, um ein wenig Luft zu schnappen: Sagebiel sah alles und wies den Missetäter sofort freundlich, aber bestimmt auf sein Fehlverhalten hin. Und ruckzuck herrschte wieder Maskenordnung. Denn die Pressemenschen wissen, dass Sagebiel kein Richter ist, den man erbosen sollte.

Von Stefan Behr

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Stephan Ernst kündigt nach dem Widerruf seines Geständnisses eine Aussage im Mordfall Lübcke an.

Lesen Sie hier alles über die Verhandlung im Mordfall Walter Lübcke: Hass vor Gericht.

Rubriklistenbild: © AFP

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