Nachruf

Journalistin Jutta W. Thomasius ist tot

Mode, Gesang und nackter Boxer: Ein abwechslungsreiches Leben geht zu Ende.

Ihr Kürzel und Markenzeichen waren die drei Buchstaben jwt. Sie war Reporterin für Gesellschaft, Zoo und Flughafen, gute Seele der Leberecht-Stiftung und die Grande Dame der „Frankfurter Neuen Presse“. Jwt, das war Jutta W. Thomasius. Sie hielt es bis zuletzt so preußisch wie möglich, so wie sie, einzige Tochter, erzogen worden ist. Jetzt hat sich der Kreis dieses Lebens geschlossen, das 1923 in Bad Hersfeld begann, ihr eine Kindheit im Luxus, in einem Haus mit vielen Zimmern und einem großen Garten bot. Sie dachte zuletzt immer häufiger an den Tod. Und hatte einen Wunsch: „Ich will mit Anstand sterben.“

Ein reiches Leben wurde ihr bescheinigt, wann immer man sie würdigte. Von der Legende war bald die Rede. Sie selbst machte keine großen Worte um sich, schon gar nicht um ihr Werk. Wie in ihren Berichten richtete sie den Glanz auf die Menschen, denen sie begegnete. Die deutschen Hollywoodschauspieler Gert Fröbe und Peter van Eyck hat sie wie auch viele Lokalprominente in ihrer ersten Frankfurter Wohnung bewirtet, klein war diese, unterm Dach. Ihre Begegnung mit Cassius Clay gehört zur Stadtgeschichte, wie sie erst Mutter Clay zur Modenschau mitschleppte und Mutter Clay dann sie zum Boxtraining, wo die Thomasius den Champion unter der Dusche erblickte. „Ein schöneres Mannsbild habe ich nie gesehen.“

Sie war es auch, die Jürgen Schneiders Betrügereien aufdeckte, was ihr Vergnügen bereitete, weil sie den Baulöwen wie alle hochmütigen Gecken nicht leiden mochte. Sie hatte eine Leidenschaft für die Haute Couture. Sie hat den Frankfurter Modekreis gegründet. Die Oper war schon in jungen Jahren nur ein Traum, dabei sang sie gut, 250 Arien und Lieder konnte sie auswendig. Studiert hat sie Germanistik, Musik und Kunstgeschichte, las viel. All diese Neigungen kamen zu kurz im Berufsalltag, blieben verbannt ins Private. Sie habe eben nie Zeit gehabt, sagte sie. Rund um die Uhr war sie auf Achse.

Sie galt als treu, als zuverlässig ohnehin, mehr als 60 Jahre war sie bei der „Frankfurter Neuen Presse“ und sie ist in den Blütezeiten selbst zu einem Teil der Lokalprominenz geworden, erhielt viele Preise, auch das Bundesverdienstkreuz. Stets war sie elegant gekleidet, trug Hut oder Baskenmütze, 13 treue Hunde haben sie durchs halbe Leben begleitet.

„Ein leidenschaftlicher Journalist muss Single sein“, sagte sie einmal, aber auch: „Ich hätte gerne sechs Kinder gehabt ohne Mann.“ Ihre Ehe Ende der 40er Jahre hielt nur zwei Jahre. Zu jener Zeit musste sie auch für die Mutter sorgen. Der Vater war bald nach dem Krieg gestorben, am Bodensee, wohin es die Familie verschlagen hatte, war der Mutter nicht viel geblieben. Eine Familie, kleine Leute, halfen ihnen. Seither war ihr die Solidarität mit denen, die am Boden liegen, mehr als ein politisches Anliegen. Und der Bodensee ihre Heimat.

Von dort tingelte sie als Jazzsängerin durch Bars, arbeitete als Fremdsprachenkorrespondentin, als Dolmetscherin für die französischen Besatzer, saß wegen eines Missverständnisses sogar ein halbes Jahr lang im französischen Militärgefängnis. Eine Freundin animierte sie, nach Frankfurt zu kommen. Jutta begann, für ein Frauenjournal zu schreiben, kam zur „Abendpost“ Nachtausgabe. Und dann, 1953, zur „Frankfurter Neuen Presse“. Dass sie vor 16 Jahren zurück an den Bodensee gezogen ist, dafür nannte vor allem einen Grund: die teuren Mieten in Frankfurt. 30 Jahre hatte sie am Dornbusch gelebt, standesbewusst auf 110 Quadratmetern. Aber sie hatte in den vielen Jahren als freie Zeitungsmitarbeiterin nie vorgesorgt, ein festes Honorar, endlich als Anerkennung, wie sie sagt, erhielt sie erst spät, ihre Rente war entsprechend schmal. 2018 dann spielte ihre Gesundheit nicht mehr mit; nach einer Operation zog sie vom Bodensee zurück nach Frankfurt, in die Kursana-Seniorenvilla an der Eschersheimer Landstraße.

Jutta W. Thomasius, die eine Adoptivtochter hinterlässt, wird im Friedwald Dietzenbach beigesetzt. Zuvor gibt es eine Trauerfeier in der Katharinenkirche. Der Termin wird noch bekanntgegeben.

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