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Veranstalterin Susanne Schröter (vorne) in dem bis auf den letzten Platz gefüllten Konferenzsaal.

Kopftuch-Konferenz

Das Kopftuch - zwischen Unterdrückung und Befreiung

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Eine Konferenz an der Frankfurter Goethe-Uni thematisiert die Bedeutung des islamischen Kopftuchs. Ein Besuch.

Als Susanne Schröter an diesem Tag das erste Mal in ein Mikrofon spricht, blickt sie in gleich vier Fernsehkameras. Es ist neun Uhr morgens, im fünften Stock des Gebäudes des Exzellenzclusters „Normative Ordnungen“ hat die Ethnologin zu einer Pressekonferenz geladen. Der Raum ist voll mit Journalisten, die hören wollen, was Schröter zu sagen hat. Und dabei geht es weniger um die Konferenz zum islamischen Kopftuch, die die Wissenschaftlerin organisiert hat, sondern vielmehr um diegroße Aufregung, die es im Vorfeld der Veranstaltung gegeben hat.

Es sei eine massive Kampagne gegen die Konferenz und ihre Person losgetreten worden, sagt Schröter. Sie bezieht sich auf die studentische Initiative, die ihr im Vorfeld vorgeworfen hatte, Rassismus gegen Muslime zu schüren – und auf Instagram den Slogan „Schröter raus“ benutzt hatte. Es sei versucht worden, sie einzuschüchtern, sagt die Professorin. Und sie sei froh, dass diese Kampagne „komplett im Abseits gelandet ist“. Dies sei der breiten Unterstützung aus der Öffentlichkeit, vor allem aber der Unileitung zu verdanken, die sich vorbehaltlos für die Wissenschaftsfreiheit ausgesprochen habe.

Unipräsidentin Wolff: Wissenschaft funktioniert nur mit sachlichem Diskurs

Sie finde es bedauerlich, sagt Unipräsidentin Birgitta Wolff, die ebenfalls zur Pressekonferenz gekommen ist, dass man heute wieder Selbstverständlichkeiten betonen müsse. „Die Goethe-Universität ist ein Ort argumentativer Auseinandersetzung.“ Wissenschaft funktioniere nur mit sachlichem Diskurs und offenem Visier – anonyme Anwürfe hätten da keinen Platz. Deshalb freue sie sich, dass das Interesse an der Konferenz so groß sei. Leider passten längst nicht alle 700 Interessierten in den Konferenzsaal, aber man habe dafür gesorgt, dass alle Vorträge live im Internet und im Foyer des Unipräsidiums übertragen würden. „Möglichst viele sollen die Chance haben, sich selbst ein Bild zu machen.“

Die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer.

Als Susanne Schröter an diesem Tag zum zweiten Mal in ein Mikrofon spricht, blickt sie in einen rappelvollen Saal. Kein Sitzplatz ist mehr frei, als die Konferenz beginnt. Und Schröter erntet begeisterten Applaus, als sie noch einmal betont, dass ihre Universität heute ein „Leuchtturm“ der Wissenschaftsfreiheit sei, der weit über Frankfurt wahrgenommen werde. In ihrem Eingangsvortrag schildert Schröter dann am Beispiel von Indonesien, dass die Einführung strenger Kleidervorschriften für Frauen oft von Beschränkungen ihrer Rechte begleitet würden. „Die Änderung von Bekleidungsregeln endet in vielen Ländern fürchterlich“, sagt Schröter. In Indonesien oder auch Thailand, wo der Islam lange als moderat gegolten habe, erlebe man derzeit eine „Fundamentalisierung“, die mit der Pflicht zum Kopftuch einhergehe.

Schröter: „Ich ziehe hier nicht gegen Kopftuchträgerinnen zu Felde“

Von der individuellen Ebene müsse man solche Beobachtungen immer scharf trennen, betont Schröter. So wie man keine Frau zwingen dürfe, sich zu verhüllen, so dürfe man auch keine Frau diskriminieren, nur weil sie es tue. „Das muss klar sein, dass ich hier nicht gegen Kopftuchträgerinnen zu Felde ziehe.“ Ebenso sei jede Feindseligkeit gegenüber Muslimen inakzeptabel. Man könne aber in vielen islamischen Ländern einen „Rollback“ beobachten, der unter anderem dadurch verstärkt werde, dass säkulare Regime in islamisch geprägten Ländern häufig Diktaturen gewesen seien – was es Islamisten oft leichtgemacht habe, den Widerstand zu kapern. Auch in Europa sei ein Erstarken des politisierten Islams und verstärktes Werben für das Kopftuch in den islamischen Communities zu erleben.

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Den Zusammenhang zwischen Kopftuch und Islamismus stellt auch die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer in ihrem Vortrag her. „Millionen Frauen auf der Welt sind zwangsverschleiert und entrechtet“, sagt Schwarzer. Sie kritisiere ausdrücklich nicht den Islam, auch nicht Frauen, die sich aus freien Stücken entschieden, ein Kopftuch zu tragen, sondern ausschließlich „den politisierten Islam, in dessen Zentrum das Kopftuch steht“. Der Islamismus sei seit der Islamischen Revolution im Iran 1979 weltweit auf dem Vormarsch, seit den 90er Jahren auch in Deutschland, sagt Schwarzer. Viele Islamverbände wie der 1994 gegründete „Zentralrat der Muslime in Deutschland“ seien von islamistischen Akteuren beeinflusst. „Im Namen einer falschen Toleranz“ und einer „verordneten Fremdenliebe“ würden diese Entwicklungen aber ignoriert. Das islamische Kopftuch sei ein politisches, kein religiöses Symbol, so Schwarzer.

Junge Menschen protestieren vor der Uni gegen „antimuslimischen Rassismus“

Während Alice Schwarzer drinnen Applaus erntet, wird es draußen vor dem Gebäude laut. Etwa 15 junge Menschen stehen im Nieselregen, um gegen die Konferenz zu protestieren. „My body my choice“ steht auf dem Schild einer Frau, die selbst Kopftuch trägt. Sie befürchte, „dass die Konferenz einen Raum schafft für antimuslimischen Rassismus“, sagt Zuher Jazmati, ein Student aus Marburg, der die Kundgebung angemeldet hat. Es gebe dort eine „Schieflage“, es seien zu wenige Kopftuchträgerinnen eingeladen. Dass seine Initiative gegen Wissenschaftsfreiheit sei, sei „vollkommener Unsinn“, sagt Jazmati. Niemals habe man gesagt, Susanne Schröter solle nicht frei forschen dürfen. Aber wenn etwa Alice Schwarzer das islamische Kopftuch mit dem „Judenstern“ zur Zeit des Nationalsozialismus vergleiche, dann sei das eine „Verharmlosung der Shoah“ und keine Wissenschaft.

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Drinnen spricht inzwischen die Theologin Dina El-Omari von der Uni Münster. Anhand einschlägiger Suren erläutert sie, dass der Koran keine Pflicht zum Kopftuch kenne – auch wenn diese Ansicht im islamischen Mainstream bis heute vorherrschend sei. Wenn man den Text historisch-kritisch analysiere, erkenne man, dass der Koran lediglich Empfehlungen bereithalte, Frauen in bestimmten Situationen etwa vor Übergriffen zu schützen. Letztlich müssten Frauen Zugang zu kritischer Koranexegese bekommen und dann selbst entscheiden, ob und wann sie ein Kopftuch trügen.

In diese Kerbe schlägt auch der Freiburger Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi. Das Kopftuch sei kein religiöses Gebot, sondern ein „historisches Produkt der männlichen Herrschaft“, sagt er. Mädchen würden von ihren Eltern und ihrem Umfeld gezwungen, es zu tragen. Im Koran komme das arabische Wort „Hijab“ sieben Mal vor, aber an keiner Stelle bezeichne es ein Kopftuch. Überhaupt sollten Muslime sich nicht mehr an Koranexegeten aus dem achten oder neunten Jahrhundert orientieren, fordert Ourghi. „Die Muslime müssen den Mut aufbringen zu sagen: Solch ein Koran passt nicht mehr in unsere Zeit.“

Den Gegenpunkt setzt die Publizistin Khola Maryam Hübsch, die der islamischen Ahmadiyya-Gemeinschaft angehört und selbst Kopftuch trägt. Es gebe „gewichtige Gründe“, ein Kopftuchgebot aus dem Koran herauszulesen, sagt Hübsch. Und es störe sie, dass westliche Feministinnen sich als „Retter der muslimischen Frau“ aufspielten und damit einer kolonialen Logik folgten. Das Kopftuch werde in der Tat oft politisch instrumentalisiert, aber viele Musliminnen trügen es als Ausdruck ihres Glaubens und ihrer Spiritualität. Und wenn eine Frau sich als Zeichen ihres Glaubens bedecke, sei es „ein zutiefst antifeministischer Akt, ihre Entscheidung zu problematisieren“. Sittsame Kleidung sei zudem ein Weg, sich dem männlichen Blick auf Frauenkörper zu entziehen – in einer Gesellschaft voller sexualisierter Bilder könne das befreiend sein. Aus dem Publikum kommt missmutiges Gemurmel, erste Zuhörer melden sich mit ihren Fragen. Die Luft im Saal wird stickig. Die Debatte geht weiter.

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