Verdi-Gewerkschaftssekretärin Katja Deusser kämpft mit der Belegschaft gegen die Schließung.
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Verdi-Gewerkschaftssekretärin Katja Deusser kämpft mit der Belegschaft gegen die Schließung.

Interview

Der Kampf um Karstadt Zeil: „Es gibt eine echte Chance, das Warenhaus zu erhalten“

  • Christoph Manus
    vonChristoph Manus
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Gewerkschaftssekretärin Katja Deusser spricht  über treue Karstadt-Kundinnen, Strategien für den Handel an der Zeil und Hilfe aus der Politik.

Frankfurt – Verdi-Gewerkschaftssekretärin Katja Deusser kämpft mit der Belegschaft gegen die Schließung der Karstadt Filiale auf der Frankfurter Zeil.

Frau Deusser, was lässt Sie noch hoffen, dass der Karstadt an der Frankfurter Zeil doch nicht schließt?
Die größte Hoffnung setzen wir in Mietverhandlungen. Die Geschäftsführung hatte als Grund für die Schließung des Hauses genannt, dass die Miete zu hoch und der Vermieter nicht auf sie zugekommen sei. Wir wissen aber vom Vermieter persönlich, dass er eine Mietsenkung über mehrere Jahre angeboten hat. Es gibt also eine echte Chance, das Warenhaus und 450 Arbeitsplätze zu erhalten.

Die Unternehmensspitze wirkt nicht sehr gesprächsbereit. Auf das Angebot des Eigentümers, die Miete um eine Million Euro im Jahr zu senken, ist sie offenbar nicht näher eingegangen.
Wir wissen auch aus anderen Bundesländern, dass durchaus noch Gespräche zwischen Geschäftsführung und Vermietern laufen. Insofern versuchen wir ja, hier für Karstadt auf der Zeil Druck auf die Politik zu machen, damit diese auf den Generalbevollmächtigten zugeht und ihn auffordert, mit dem Eigentümer ernsthafte Verhandlungen zu führen. Dass auch Ministerpräsident Volker Bouffier seine Unterstützung versprochen hat, kann eine große Chance sein.

Selbst wenn die Verhandlungen gut laufen: Hat Karstadt auf der Zeil längerfristig überhaupt eine Überlebenschance in Zeiten, in denen der Onlinehandel immer weiter wächst und dem stationären Handel Umsatz entzieht?
Wir glauben, dass die Warenhäuser eine Überlebenschance haben. Natürlich ist es immer schwieriger, junge Menschen ins Warenhaus zu bekommen. Ältere Kunden kaufen aber weiterhin gerne dort ein und nicht online. Es muss aber dringend mehr Personal auf die Fläche.

Mehr Beratung?
Genau. Mehr Beratung anzubieten, ist das beste Mittel, um sich gegen den Onlinehandel zu behaupten.

Vielleicht fehlt selbst auf der Zeil schlicht die Kundschaft für zwei Warenhäuser.
Nein, die Kundschaft gibt es. Die Warenhäuser sind zudem ein Stück auseinander. Und ein Karstadt-Kunde kauft nicht unbedingt bei Kaufhof ein. Die Sortimente unterscheiden sich. Der Kaufhof an der Hauptwache ist etwas moderner, hochpreisiger. Karstadt spricht eine etwas ältere Kundschaft an, die sehr gezielt dort einkauft. Die Touristen kommen wieder, die Messen gehen wieder los. Wenn es auf der Zeil nicht Platz für zwei Warenhäuser gibt, wo denn sonst?

Wie groß ist die Chance, dass auch Karstadt im Main-Taunus-Zentrum, Kaufhof im Hessencenter und Karstadt Sports an der Hauptwache doch noch erhalten bleiben?
Es kommt auch dort darauf an, ob Vermieter und Galeria Karstadt Kaufhof aufeinander zugehen. Nicht nur im Karstadt an der Zeil kämpft die Belegschaft um ihre Arbeitsplätze. Am Samstag gab es eine Aktion in Fulda. Die Belegschaft von Karstadt im Main-Taunus-Zentrum hat den Ministerpräsidenten um Hilfe gebeten. Wo sich etwas entwickelt, gibt es vielleicht einen Funken Hoffnung.

Auch andere Händler, die in der Frankfurter Innenstadt vertreten sind, haben starke Probleme. Droht ein großes Ladensterben?
Ja, das könnte drohen. Die Corona-Krise hat die Situation ja noch verschärft. Viele Unternehmen, die an der Zeil vertreten sind, sind in Schutzschirm-Insolvenz, etwa Appelrath-Cüpper und Esprit. Das hat auch mit falschen Entscheidungen zu tun. Wenn die Unternehmensleitungen weiter nur an der Stellschraube Personalkosten drehen, wird es nie zu mehr Umsatz in den Filialen kommen. Beratung ist das A und O. Sie sollten stattdessen endlich an Konzepten arbeiten, wie der stationäre Handel überlebt.

Was bedeutet die Krise für die Beschäftigten im Einzelhandel? Droht eine stark steigende Arbeitslosigkeit?
Wenn der Einzelhandel nicht gegensteuert, droht das. Zumal es für Beschäftigte, die jetzt ihre Kündigung erhalten, kaum Alternativen gibt. In dieser Situation einen neuen unbefristeten Arbeitsplatz im Einzelhandel zu finden, ist sehr schwierig.

Der Frankfurter Planungsdezernent Mike Josef hält es für vorstellbar, dass die Politik Mieterhöhungen für Geschäfte und Lokale begrenzt. Wäre das hilfreich?
Naja. Niedrigere Mieten allein sind noch kein Zukunftskonzept. Die Unternehmen müssen sich in erster Linie überlegen, wie sie mehr Geld über den Ladentisch verdienen. Etwa welches Sortiment sie an welchem Standort anbieten. Früher waren die Abteilungsleiter der Warenhäuser für den Einkauf zuständig. Heute ist das alles zentral geregelt. Wenn es in einer Großstadtfiliale in Frankfurt die selbe Ware gibt, wie in einer ländlichen Region, ist das aber ein Problem.

Interview: Christoph Manus

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