Prozess in Frankfurt

Besoffener Unternehmensberater würgt Taxifahrer 

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„Unhöflich, provokativ, arrogant“: Ein Unternehmensberater benimmt sich im Taxi völlig daneben. 

Man kann es Jürgen W. nicht verübeln, dass er auf der Anklagebank des Amtsgerichts einen verwirrten Eindruck macht. Er sitzt dort, weil die Staatsanwaltschaft ihm vorwirft, „dem Vermögen … eines anderen Nachteil zu(ge)fügt (zu haben), um sich … zu Unrecht zu bereichern“, und das auch noch „unter Anwendung von Drohungen mit gegenwärtiger Gefahr“. Nun arbeitet der 35 Jahre alte W. allerdings als Unternehmensberater, und da wird man sich ja noch fragen dürfen: Wie kann etwas, das bei Tag ein legales Geschäftsmodell ist, bei Nacht räuberische Erpressung sein?

Gute Frage, aber die muss das Amtsgericht nicht klären. Sondern folgenden Sachverhalt: In der Nacht auf den 28. Juni 2018 besteigt W. gegen 2.30 Uhr ein Taxi in der Innenstadt, um sich zum Riedberg fahren zu lassen, wo er wohnt. Vielleicht ist das ja auch der Grund, warum er sich zuvor hackedicht gesoffen hat. Getan hat er es auf jeden Fall.

Provozierende Fragen 

Noch im Taxi, erinnert sich der Taxifahrer Ejaz A. (48) im Zeugenstand, habe ihn sein Fahrgast mit Fragen äußerst profunder Natur „genervt“: „Woher kommst du? Wohin fährst du? Wer bist du eigentlich? Wo und wie hast du deinen Taxischein gemacht?“ Das alles ließe sich noch mit unternehmensberaterischem Interesse erklären, und tatsächlich gibt W. seinem Chauffeur kurz vor Erreichen der Premium-Destination noch einen kostenlosen Tipp vom Profi: alle rausschmeißen, nichts bezahlen. Klingt erst einmal ganz vernünftig, aber als A. realisiert, dass W. beide Vorschläge auf sich bezieht, ist A. damit nicht einverstanden und beharrt auf dem Fahrpreis von 25,80 Euro.

„Unhöflich, provokativ, arrogant und desinteressiert“

Es kommt zu harten Verhandlungen: W. schlägt den Taxifahrer zu Boden, nimmt dessen Brille und schmeißt sie in ein Gebüsch und würgt den Mann. Das ist jetzt kein normales Beratungsgespräch mehr, „das macht man nur, wenn man jemanden ärgern will“, wird später sogar W.s Verteidiger einräumen. Als die von einem Anwohner alarmierte Polizei anrückt, hat sich W. wieder im Griff und begegnetet den Beamten professionell, also „unhöflich, provokativ, arrogant und desinteressiert“, wie die Polizisten im Zeugenstand bestätigen.

„Das ist sonst gar nicht meine Art“, entschuldigt sich W. vor Gericht, aber die Arbeit und der Suff, die rieben den Menschen uff, und weil das allein als Entschuldigung etwas dünn ist, hat er noch 1000 Euro Schmerzensgeld in bar dabei, die Ejaz A. auch annimmt. Ein fairer Deal, denn das letzte Mal, als gegen W. wegen Körperverletzung ermittelt worden war, hatte die Einstellung des Verfahrens nur 800 Euro gekostet. 

Eingestellt wird diesmal aber nichts, auch wenn es ein paar düstere Momente in W.s Leben gibt, die die Tat nicht entschuldigen, aber erklären könnten (Kindheit in München, BWL-Studium, Wohnort Riedberg). Jürgen W. wird zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und zwei Monaten verurteilt, die zur Bewährung ausgesetzt wird, er muss 7200 Euro an den Kinderhospizverein zahlen. Dennoch kann man von einer Win-win-Situation sprechen: Ejaz A. hat bei seiner Taxifahrt ausnahmsweise gut verdient. Und Jürgen W. hat etwas fürs Leben gelernt, und zwar dass „das nicht die Art ist, wie man sich Taxifahrern oder überhaupt Menschen gegenüber benehmen sollte“, jedenfalls nicht nach Feierabend. Und auch sein eigentliches Problem, die Sauferei, werde er jetzt so proaktiv wie möglich angehen: „Ich denke, dass ich mich vielleicht einmal professionell beraten lassen sollte.“

Freiheitsstrafe wird zur Bewährung ausgesetzt. 

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