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Ein Einsatzfahrzeug

Prozess

Sanitäterinnen im Einsatz angegriffen

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Steigende Gewalt gegen Einsatzkräfte gefährdet zunehmend Helfer. Ein konkreter Fall  liegt nun dem Frankfurter Amtsgericht vor.

Das ist die Version der Anklage: Am 29. Oktober 2017 gegen 13 Uhr hat ein Mann auf einer Rolltreppe im Hauptbahnhof einen Schwächeanfall. Er stürzt und zieht sich eine Kopfplatzwunde zu. Während zwei Sanitäterinnen des Malteser-Hilfsdienstes den Gestürzten versorgen, sichern zwei Sicherheitsmänner der Bahn die gestoppte Rolltreppe.

Aber sie können sie nicht gegen Alfons L. sichern. „Ich bin Arzt, ich darf durch!“, brüllt der heute 70-Jährige und stürmt treppauf. Der ersten Sanitäterin rammt er seinen Ellenbogen ins Gesicht, die Frau fällt auf ihren Patienten und ein paar Treppenstufen hinunter und erleidet unter anderem eine Gehirnerschütterung. Der zweiten Sanitäterin verdreht er das Handgelenk. Doch die beiden Sicherheitsmänner, die er am Treppenende attackiert, sind ihm körperlich überlegen.

„Ihr Schweine! Ihr sollt wieder in eure Länder, lernt erst mal Deutsch!“, rät ihnen der Arzt. Die Sicherheitsleute überweisen ihn an die Bundespolizei.

Das ist die Version des Angeklagten: An jenem Tag steigt der schwerbehinderte Alfons L. eine Rolltreppe hinauf. Die steht zwar still und es liegt jemand drauf rum und eine Sanitäterin streckt ihm „ihren Hintern entgegen“, aber der geschmeidige Greis nimmt die Hürde körperkontaktfrei. Am Ende der Treppe empfangen ihn zwei Ausländer, die ihn grußlos „halbtot schlagen“ und der Polizei übergeben. Auf der Wache muss er solange rumstehen, bis er sich „einen dreifachen Bruch steht“. Als er ein paar Wochen darauf bei der Polizei Anzeige gegen seine Peiniger erstatten will, lachen ihn die Beamten aus, verhauen ihn und schmeißen ihn die Treppe runter. Fast immer hört man vor dem Amtsgericht zwei Versionen. Oft liegt die Wahrheit nahe der Mitte. In diesem Fall nicht.

Dieser Fall war im vergangenen September bereits anverhandelt worden, aber Alfons L. hatte sämtliche seiner Verteidiger vergrämt, und ob der Höhe der möglichen Strafe ist ein solcher Pflicht. Diesmal hat es Ulrich Endres erwischt, einen Verteidigungsprofi aus der Ersten Liga, der sein Bestes tut: Er attestiert seinem Mandanten „Altersstarrsinn“ und verbietet ihm den Mund, wann immer der jemand beleidigen will, also ständig. Aber auch Endres kann nicht verhindern, dass L. die Sanitäterinnen „schmerzensgeldgeil“ heißt.

Beide Sanitäterinnen waren monatelang krankgeschrieben. Nicht wegen der körperlichen Wunden. Sie arbeite doch in diesem Beruf, „weil ich Menschen helfen will“, sagt die eine. Seit ein paar Monaten arbeitet sie wieder, seitdem ist sie wieder ein paarmal attackiert worden. Die andere weiß bis heute nicht, ob sie je wieder als Sanitäterin arbeiten wird. Derzeit hat sie Angst, wenn Männer ihr zu nahe treten.

Es mache ihm lange nichts mehr aus, „Scheiß-Ausländer“ geschimpft zu werden, das werde er bei seiner Arbeit täglich, sagt einer der Sicherheitsmänner im Zeugenstand in bestem Deutsch. Und die Aufforderung, „wieder in eure Länder“ zu gehen, sei an ihn verschwendet. „Ich bin ja in meinem Land.“ Aber der Angriff auf die Sanitäterinnen sei widerlich.

Alfons L. wird zu einer Freiheitsstrafe von acht Monaten auf Bewährung verurteilt – wegen Körperverletzung, Beleidigung und „tätlichen Angriffs auf Personen, die Vollstreckungsbeamten gleichstehen“. Paragraph 115 des Strafgesetzbuchs wurde 2017 eingeführt, um auf die zunehmende Gewalt gegen Helfer zu reagieren.

Alfons L. sei kein typischer Sanitäter-Schläger, sagt die Richterin. Nur ein bösartiger alter Mann, der „seine Rolltreppe“ beansprucht habe. Sein Charakter werde sich nicht mehr ändern. Alfons L. muss 500 Euro an die Malteser zahlen. „Den Bewährungshelfer lasse ich mal weg, mit dem streiten Sie sich nur herum“, urteilt die Richterin und lässt den Arzt – er ist durch!

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