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Prozess vor dem Amtsgericht Frankfurt.

Frankfurt

Prozess gegen Bandenkriminelle in Frankfurt: Bewusstlosen in den Main getreten

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Am Amtsgericht beginnt der Prozess um den brutalen Angriff einer Bande. Es begann mit einer Kneipentour in Sachsenhausen.

Eine Frage stellt sich Tobias S. seit dem Abend des 20. August 2017 immer wieder: „Was für Menschen leben auf diesem Planeten?“ Bis heute hat der 25-Jährige die Antwort nicht gefunden.

Dafür ist einigermaßen klar, wer auf der Anklagebank sitzt: Andrej Y., 26 Jahre alt. Er muss sich vor dem Amtsgericht wegen gefährlicher Körperverletzung, Nötigung und Bedrohung verantworten. Da hat er Glück, denn man könnte aus der Anklageschrift auch ohne viel Fantasie ein versuchtes Tötungsdelikt herauslesen.

Frauen in Bauch getreten

An besagtem Abend lungert Y. mit etwa anderthalb Dutzend Kumpels am Mainufer herum. Tobias S., der mit seiner Schwester und sechs Freunden eine Kneipentour durch Alt-Sachsenhausen hinter sich hat, läuft an ihnen vorbei. Sie streicheln Andrej Y.s Hund, weil sie ihn niedlich finden, und gehen weiter – als sie ohne jeden Anlass hinterrücks von dem Mob attackiert werden.

Die Überzahl ist gewaltig, die Angegriffenen sind in Sekundenschnelle niedergeschlagen. Doch dann geht es erst richtig los: Streng nach Geschlechtern getrennt, treten die Angreifer den am Boden liegenden Männern gegen die Köpfe, den Frauen in die Bäuche. Einer der Angegriffenen wird in den Main geworfen, ist dabei aber wenigstens noch bei Bewusstsein. Tobias S. sind längst die Sinne geschwunden, als er in den Main getreten wird.

Eines der Opfer rappelt sich auf, zückt sein Handy und ruft die Polizei. Laut Anklage zum Prozessauftakt baut sich Andrej Y. vor ihm auf, bedroht ihn mit einem Messer und verlangt von ihm, dass er „auf die Knie“ sinken und um „Entschuldigung“ flehen solle – doch der denkt nicht dran. Daraufhin flieht der Mob vor der heranrückenden Polizei. Andrej Y. und ein Kumpel, gegen den demnächst gesondert verhandelt wird, flüchten in eine Kneipe an der Konstablerwache, wo sie kurz darauf festgenommen werden. Der Rest der Bande ist flüchtig.

Am Mainufer ein paar Kameraden getroffen

Sein Mandant sei ein guter Junge, sagt Andrej Y.s Anwalt. Er habe ihn schon in zahllosen Strafverfahren verteidigt, und wenngleich er bereits wegen Bagatelldelikten wie Körperverletzung, Beleidigung oder Waffenbesitz verurteilt worden sei, seien die meisten Verfahren gegen ihn eingestellt worden oder hätten in den Berufungsprozessen mit einem Freispruch geendet. In die Sache sei er hineingeschlittert, er habe nur mit seinem Freund und dem Hund Gassi gehen wollen und dann am Mainufer ein paar Kameraden getroffen, in deren Gesellschaft er kurz verweilen wollte. Den Gewaltexzess bestätigt und bedauert er, die Gründe seien ihm auch nicht ganz klar, mitgemacht habe er auch nicht.

„Die haben mit meinem Kopf Fußball gespielt“ – das ist das letzte, woran sich Tobias S. erinnert, bevor er „im Main unter Wasser wieder aufwacht“. Er kommt zwar mit einer Gehirnerschütterung und Prellungen davon, aber der Anblick, der sich ihm beim Auftauchen geboten habe, habe sich ihm wohl für ewig in die Netzhaut gebrannt: „Die haben meiner Schwester in den Bauch getreten, das hat mir im Herzen wehgetan.“ Die Schwester kam noch am Abend ins Krankenhaus. „Es wurde nichts gestohlen, es gab kein Motiv, es kam aus heiterem Himmel“ – seitdem lebe er in der Gewissheit, „dass so etwas immer wieder und überall“ passieren könne.

Stefan Behr

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