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Justitia hält ein Schwert, der Hausmeister hielt eine Metallstange. 

Prozess

Hier hilft der Hausmeister

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Prozess gegen einen Mann, der hilfesuchende Jugendliche mit einem Stiel schlug

In der Nacht auf den 9. Februar 2018 klingelten die beiden 15 Jahre alten Schüler Justus und Bojan gegen 23.30 Uhr auf der Suche nach Hilfe bei Tihomir P. Ihr Freund Noël war auf dem regennassen Kopfsteinpflaster ausgeglitten und gestürzt und nicht in der Lage weiterzugehen. Das erzählten sie Tihomir P. durch die Gegensprechanlage, und obwohl der Kroate kein Wort Deutsch spricht, war dennoch sein erster Gedanke: „Na, denen werd’ ich helfen!“ Er schnappte sich eine Metallstange, ging hinunter, zog Justus die Stange über den Hinterkopf und Bojan über Rücken und Arm, wo sie laut Anklage „deutlich sichtbare Rötungen“ hinterließ. Das half Noël zwar auch nicht weiter, aber immerhin hatte Sami, ein weiterer Freund, mittlerweile via Handy den Rettungsdienst alarmiert.

Ganz so war es nicht, lässt Tihomir P. über seinen Verteidiger ausrichten. Es seien „keine harten Schläge“ gewesen, und auch nicht mit einem Metallrohr, sondern bloß mit einem hölzernen Besenstiel. Nun habe sein Mandant aber das Pech, so der Anwalt, dass er, wenn er in Frankfurt weile, in der Wohnung der Hausmeisterin eines Hauses nächtige, welches sich in direkter Nachbarschaft zum Goetheplatz befinde, an dem sich jede Nacht „eine Menge junger Menschen, die Alkohol konsumieren“, einfänden. Die machten sich traditionell einen Spaß daraus, an der Hausmeisterklingel zu klingeln. So auch in jener Nacht, denn als er herabgestiegen sei, habe er sich von etwa zehn jugendlichen Rabauken umzingelt gesehen, von denen keiner verletzt, aber alle hackedicht gewesen seien. Einer von denen habe ihm den kleinen Finger gebrochen, da habe er es den Lausejungs mit Zins und Besenstiel heimgezahlt. Ein Attest für den gebrochenen Finger habe er nicht, denn er kenne weder Schmerz noch Krankenversicherung.

Alkohol sei damals nicht im Spiel gewesen, auch keine anderen Drogen, versichert Justus im Zeugenstand glaubwürdig. Das sollte er auch, denn seine Mutter, die Bürgermeisterin einer pittoresken Vorstadtkommune, in der das Böse keine Heimstatt findet, hat ihn heute zum Amtsgericht begleitet. Er und seine Freunde hätten lediglich stocknüchtern die Schönheit der Zeil in einer verregneten Winternacht genießen wollen. Was bis zu dem tragischen Unfall auch geklappt habe.

Sie seien nach dem Unfall vielleicht ein bisschen panisch gewesen, entschuldigt Justus das nächtliche Läuten fremder Klingeln, aber sie hätten das Bein des lahmenden Freundes mit Eis kühlen wollen, da habe man ohne viel nachzudenken bei „Hausmeisterdienst“ geklingelt, aber eine andere Art der Dienstleistung im Sinn gehabt. Die Schläge seien übrigens in der Tat nicht sehr hart gewesen, er selbst habe keinen Schmerz verspürt.

So gehe das trotzdem nicht, urteilt das Amtsgericht, und verurteilt den in Deutschland bislang unbescholtenen Kroaten wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten, die zur Bewährung ausgesetzt wird. Tihomir P. nimmt das Urteil grimmig zur Kenntnis, er macht überhaupt den Eindruck eines grimmigen Mannes, und vielleicht liegt das daran, dass er so oft an dem Fun-Park Goetheplatz schlafen - oder es zumindest versuchen - muss. Das sei ein wilder, ruchloser Ort, der einen nachts ganz meschugge machen könne, meint P. Dabei ist der Genius Loci des Ortes ein ganz anderer. Wenn Tihomir P. aus dem Fenster der Hausmeisterwohnung schaut, schaut er genau auf den Ort, wo einst das Hotel zum Schwan stand, in dem sich am 10. Mai 1871 Frankreich und Deutschland auf den „Friede von Frankfurt“ einigten. Das war allerdings tagsüber, und vermutlich kennt P. die Geschichte gar nicht.

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