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Kolonialismus

Frankfurt: Warum Namen von Straßen, Plätzen und Apotheken in der Kritik stehen

  • Florian Leclerc
    vonFlorian Leclerc
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Die Initiative Frankfurt postkolonial klärt auf, an welchen Orten in der Stadt eine Auseinandersetzung mit der Geschichte nötig ist.

  • In Frankfurt tragen Straßen und Plätze Namen aus der Kolonialzeit
  • Die Initiative „Frankfurt postkolonial“ klärt mit Stadtrundgängen darüber auf
  • Auch in Kinderliteratur gibt es Nachholbedarf

Sebastian Garbe und Friederike Odenwald von der Initiative Frankfurt postkolonial stehen unter dem Euro-Zeichen am Willy-Brandt-Platz und rollen einen Zeitstrahl aus. Der beginnt 1492 mit der Entdeckung Amerikas und endet heute. Dann fragen sie die Teilnehmer des Rundgangs: Welche deutschen Kolonien gab es eigentlich?

Bis die Namen zusammenkommen, dauert es, und die beiden müssen helfen. Tansania, Ruanda, Burundi, Namibia, Togo, Kamerun, Nauru, Samoa, Palau, die Marshallinseln, Neuguinea, Teile von Ghana, Mosambik und Botswana. Kiautschou mit der Hauptstadt Tsingtau. Da, wo das Bier herkommt.

Frankfurt: Der Kolonialismus prägt immer noch die Stadt

„Wieso lernt man in der Schule nicht mehr über deutsche Kolonialgeschichte?“, fragt eine Teilnehmerin. „Das hören wir ständig“, sagt Garbe. Die Kommunale Ausländerinnen- und Ausländervertretung in Frankfurt unterstützt mittlerweile eine Petition, damit deutsche Kolonialgeschichte und Antirassismus in die Lehrpläne der Bundesländer aufgenommen werden.

Die Initiative Frankfurt postkolonial spürt seit 2011 postkoloniale Orte in der Stadt auf. Postkolonial, weil die Kolonialzeit vorbei ist, aber sich immer noch an manchen Stellen manifestiert.

Friederike Odenwald und Sebastian Garbe von Frankfurt postkolonial zeigen, wie viel Kolonialismus noch in Frankfurt steckt. 

Die deutsche Kolonialgeschichte begann auch nicht erst mit dem Wort vom „Platz an der Sonne“. „Ab wann hat sich Brandenburg am transatlantischen Sklavenhandel beteiligt?“, fragen Odenwald und Garbe. 1683. Wann wurde der Vertrag über Hanauisch-Indien in Brasilien geschlossen? 1669. Die Kontinuität reicht über die koloniale Hochphase hinaus. Wann war Konrad Adenauer Vizepräsident der Deutschen Kolonialgesellschaft? 1931 bis 1933.

In dieser Vereinigung gingen die Gesellschaft für Deutsche Kolonisation und der Deutsche Kolonialverein auf. Letzteren hatte Johannes von Miquel, Frankfurter Oberbürgermeister von 1880 bis 1890, mitbegründet.

Die Miquelallee ist nach dem Kolonialvereinsgründer benannt. Überklebt erinnert das Schild an Bürgerrechtlerin Angela Davis.

Die Initiative

Frankfurt postkolonial wurde 2011 gegründet. Die Initiative hat derzeit fünf aktive Mitglieder. Sie organisieren Führungen zu postkolonialen Orten in Frankfurt für Privatleute und Organisationen wie zuletzt den Deutschen Gewerkschafts-Bund (DGB).

Die Gruppe trägt ab Herbst zur Stadtlabor-Ausstellung „Ich sehe was, was Du nicht siehst. Rassismus, Widerstand und Empowerment“ im Historischen Museum Frankfurt bei. Die Ausstellung läuft von Oktober 2020 bis Februar 2021. Sie blickt auf postkoloniale Kontinuitäten und Brüche in Frankfurt.

In Miquels Amtszeit ist nicht nur der Hauptbahnhof entstanden. Sein Lobbyverein trieb die koloniale Expansion voran, verfolgte nationalökonomische Interessen. Die Kolonien sollten als „gute Absatzgebiete“ dienen, „überschüssige Arbeitskräfte aufnehmen und das Deutsche Reich über Partei- und Konfessionsgrenzen hinweg einig machen dem Auslande gegenüber“, wie Miquel beim ersten Treffen des Kolonialvereins 1882 in Frankfurt festhielt.

Frankfurt: Straßen erinnern an Verteidiger des Kolonialismus

Die Hauptstraße Miquelallee und die gleichnamige U-Bahn-Station in Frankfurt erinnern noch heute an einen Verteidiger des Kolonialismus.

Sollte man die Straße, die Station umbenennen? „Spannendes Thema“, sagt Sebastian Garbe. Er lehrt Soziologie an der Justus-Liebig-Universität in Gießen und hat gerade seine Dissertation eingereicht. „Wir versuchen, die Menschen zur Reflexion anzuregen. Den Weg müssen sie selbst gehen“, sagt er.

Der Rundgang führt an den Deutsche-Bank-Türmen vorbei. 1870 in Berlin gegründet, war es ein Zweck der Deutschen Bank, die kolonialen Unternehmungen zu finanzieren. Auch die Kolonialtruppen in Deutsch-Südwestafrika, die 1904 bis 1908 den Völkermord an den Herero und Nama begingen. Inwieweit die Deutsche Bank eine Mitschuld daran trägt und Wiedergutmachung leisten muss, soll ein Prozess in New York klären.

Struwwelpeter-Brunnen an der Hauptwache, der die Szene aus der „Geschichte von den schwarzen Buben“ unkritisch zur Schau stellt.

Romantisierung des Kolonialismus in einem Restaurant in Frankfurt

Wer an der Taunusanlage an Elefantenattrappen vorbei und unter Elfenbeinzähnen hindurchläuft, gelangt ins Restaurant „Ivory Club“. Der Elfenbeinclub ist wie ein Club aus der Kolonialzeit eingerichtet und serviert „zeitgenössische Kolonialküche“. Einst warb er dafür, dass „Großwildjäger jeden Metiers“ dort speisen. Was soll man zu dieser Romantisierung des Kolonialismus sagen? „Neben Kulturchauvinismus sehe ich hier eine gute Portion Sexismus am Start“, meint Odenwald, die Geschichte studiert. „Was sagt es über uns aus, wenn wir Ereignisse, die so viel Leid über die Welt gebracht haben, positiv bewerten?“, fragt Garbe.

Nichts Gutes. Garbe sieht eine Kontinuität des Kolonialrevisionismus, der positiven Bezugnahme auf den Kolonialismus, vom Abtreten der deutschen Kolonien 1919 zum von Nazi-Deutschland geführten Expansionskrieg. Kolonialrevisionismus und Eurozentrismus dauern im Elfenbeinclub offensichtlich bis heute an.

An der Hauptwache plätschert der Struwwelpeter-Brunnen. Der Struwwelpeter des Frankfurter Psychiaters und Autors Heinrich Hoffmann ist das meistverkaufte Kinderbuch weltweit. Vor allem für Touristen hat die Stadt das neue Struwwelpeter-Museum in der Altstadt angesiedelt. Der Struwwelpeter hat auch die schwarze Pädagogik salonfähig gemacht: Wenn du x tust, bestrafe ich dich mit y. Am Struwwelpeter-Brunnen taucht Nikolas drei Jungen in dunkelste Tinte, weil sie einen schwarzen Jungen gehänselt haben. So steht es in der „Geschichte von den schwarzen Buben“: „Und hätten sie nicht so gelacht, / Hätt‘ Niklas sie nicht schwarz gemacht.“ Schwarzsein als Bestrafung. Eine inakzeptable Botschaft.

„In der Kinderbuchdebatte wird hinterfragt, inwiefern solche Geschichte noch erzählt werden sollen“, sagt Garbe. Kritikwürdig seien auch die kolonialen Fantasien bei Pippi Langstrumpf. (Florian Leclerc)

Auch in Berlin setzt sich eine Initiative für die Aufarbeitung des Kolonialismus in der Stadt ein: Berlin Postkolonial.

In der Kunsthalle Schirn in Frankfurt gab es im vergangenen Jahr Kritik an der Ausstellung „König der Tiere“: Die Kunsthalle reproduziere den „kolonialdeutschen Macht- und Herrschaftsanspruch“, lasteten Initiativen dem Haus an.

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