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Kaum ein Baum weit und breit: der Blick auf die Hauptwache unter der Sonne. Hier soll es mehr Bäume geben

Steinwüste Innenstadt

Klimaschutz in Frankfurt: Kampf der Betonwüste

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Martin Hunscher, Chef des Stadtplanungsamtes, will mehr Wasserspiele und Bäume für die Frankfurter Innenstadt.

Der Klimawandel in der Stadt ist die große Herausforderung für die städtischen Planer. Sie müssen kurzfristig Abhilfe gegen Überhitzung schaffen und mittelfristig Quartiere klimagerecht planen.

Herr Hunscher, Frankfurt erlebte gerade wieder Tage mit Temperaturen von fast 40 Grad und war 2018 bereits Deutschlands heißeste Kommune. Was tut das Stadtplanungsamt gegen den Klimawandel?
Klimaschutz ist seit langem integraler Bestandteil unserer Arbeit. Das gilt für die neuen Stadtquartiere, die derzeit geplant werden, ebenso wie für Planungskonzepte der Stadterneuerung oder Innenentwicklung. Wir sind permanent bemüht, die klimatischen Verhältnisse auch in der bereits gebauten Stadt zu verbessern und etwas für den Klimaschutz zu tun.

Es gibt jetzt den Vorstoß der Grünen, die fordern, dass jedes neue Bauvorhaben einem Klimavorbehalt unterworfen werden soll.
Auf den ersten Blick ist dieser Wunsch nachvollziehbar. Auf den zweiten Blick muss man aus Sicht der Stadtplanung aber feststellen, dass die Überprüfung der Auswirkungen der Planungen auf das Stadtklima bereits seit Jahrzehnten regelmäßig erfolgt, immer dann, wenn neues Baurecht geschaffen wird. Dabei ist auch zu untersuchen, mit welchen Konzepten Auswirkungen möglichst vermieden werden oder wie Maßnahmen gefunden werden, die den Folgen des Klimawandels entgegenwirken.

Zusammenarbeit mit Umwelt- und Grünflächenamt

Sie haben in Ihrem Amt eine eigene Abteilung, die sich um die klimatischen Folgen von Bauvorhaben kümmert.
Nicht nur um die klimatischen Folgen. Wir haben das Team Ökologie und Landschaftsplanung, das sich generell um die Umweltthemen kümmert. Und wir tun das nicht alleine, sondern arbeiten regelmäßig und sehr eng mit den Kolleginnen und Kollegen aus dem Umweltamt und aus dem Grünflächenamt zusammen. Und wir beauftragen natürlich Fachgutachten zu klimatischen Auswirkungen, Flora und Fauna oder zur umweltgerechten Entwässerung.

Es gibt einen gemeinsamen Arbeitskreis, der sich regelmäßig trifft?
Das ist so. Da besprechen wir alle Umweltthemen, im Generellen wie projektbezogen.

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Klimawandel: Paris ist ein Vorbild für Frankfurt

Der Städtebaubeirat, in dem Planer und Architekten die Stadt beraten, hat gerade Paris besucht und sich angeschaut, wie die Kolleginnen und Kollegen dort den Klimawandel bekämpfen. Alle kamen begeistert zurück. Paris baut seine großen Plätze um mit mehr Bäumen, mehr Wasserflächen und weniger Raum für Autos. Ein Vorbild für Frankfurt?
Ja. Das kann man deutlich sagen. Die Pariser Kolleginnen und Kollegen sind an einer Stelle ein Stück weiter, sie haben als steinerne Stadt aber auch einen erheblichen Bedarf. Schon lange ist es in Paris im Sommer deshalb deutlich wärmer als hier. In Paris pflanzen die Kollegen deutlich größere Bäume als wir in Frankfurt und nutzen regelmäßig den Kühlungseffekt von Wasserspielen.

Warum tut das Frankfurt nicht?
Wir sind auf dem Weg dorthin. Stadtplanungsamt, Grünflächenamt und Umweltamt haben den Auftrag der Politik, neue Standards zur Begrünung der Plätze zu entwickeln. Übrigens auch für bereits bestehende Platzanlagen.

Wir haben zum Beispiel die Platzfolge Goetheplatz/Rathenauplatz, eine vorwiegend steinerne Wüste, die sich im Sommer enorm aufheizt. Geschieht da etwas?
Grünflächenamt und Stadtplanungsamt haben gemeinsam mit der Landschaftsplanerin, die seinerzeit den Wettbewerb gewonnen hatte, ein Qualifizierungskonzept entwickelt. Planungsdezernent Mike Josef und Umweltdezernentin Rosemarie Heilig haben jüngst vor Ort auf die Möglichkeiten hingewiesen und eine Pilotphase ausgerufen.

Mehr Wasser für die Stadt

Würden Sie sagen, es muss mehr Wasser auf Goetheplatz und Rathenauplatz?
Ja. Ich würde sagen, dass in den Hitzeperioden generell der Kühlungseffekt von fließendem oder sprühendem Wasser im öffentlichen Raum viel stärker genutzt werden sollte. Man kann mit improvisierten Wasserspielen arbeiten. Ich habe mir das gerade in Breslau angeschaut. Dort setzt man zeitweise mobile Metallbügel mit Zerstäuberdüsen ein. Das war eine Attraktion, nicht nur für Kinder.

Man muss doch auch Geld in die Hand nehmen. Größere Bäume zu pflanzen, kostet mehr Geld.
Ja, ganz klar. Aber wenn wir über klimagerechten Städtebau reden, muss uns bewusst sein, dass ein Baum, der über Jahre vorgezogen wurde, einfach mehr kostet als ein kleiner Setzling, dafür aber einen tollen Beitrag liefert zur CO2-Bilanz, zur Abkühlung, zur Verschattung und für das Stadtbild.

Martin Hunscher (57), studierter Raumplaner, leitet seit 2014 das Planungsamt der Stadt Frankfurt. Er arbeitet seit 1991 bei der Stadt und war seit 2011 Vize-Amtsleiter.


Wie viele Bäume mehr bräuchte Frankfurt?
Möglichst viele. Aber die Pflanzung im Bestand wird schwierig. Unsere Straßen und Plätze sind im Boden voll mit Infrastruktur-Trassen, etwa Strom, Wasser, Fernwärme. Da haben es Bäume schwer, zu wurzeln. Das wird richtig teuer, wenn wir Leitungen verlegen.

Es müsste auf zentralen Plätzen der Stadt etwas geschehen. Auf der Konstablerwache etwa, auch nicht gerade grün zu nennen.
Wir müssen mit den überhitzten Bereichen und den Hitzeinseln der Stadt anfangen. Dazu zählt zum Beispiel die Hauptwache, wo es auch keine großkronigen Bäume gibt.

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Frankfurt: Komplett autofrei wird die Innenstadt nicht werden können

In der Diskussion geht es stets um die autofreie Innenstadt in Frankfurt. Als ich 1980 als Journalist in Frankfurt begann, war das schon Thema. In den 70er Jahren hatten SPD-Stadtplaner darüber nachgedacht. Geschehen ist bis heute nichts. Müsste man nicht endlich anfangen, die Stadt innerhalb des Anlagenringes von Autos zu befreien?
Ja. Wir beginnen ja damit. Das nördliche Mainufer wird probeweise gesperrt, das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Komplett autofrei wird die Innenstadt nicht werden können. Zumindest den Wirtschaftsverkehr und die Anwohner müssen Sie tolerieren. Wir versuchen aber auch, unsere neuen Stadtquartiere möglichst autoarm zu gestalten.

Wann kommt der autofreie Stadtteil endlich?
Die Debatte ist nicht neu und wurde schon in den 90ern geführt. Aber der Ansatz, den Autoverkehr zu verringern, ist noch immer richtig. Hierfür braucht es einen überzeugenden öffentlichen Nahverkehr und gute Radwege.

Der geplante neue Stadtteil beidseits der Autobahn A5 im Norden könnte fast autofrei werden, er wäre sehr gut von öffentlichen Verkehrsmitteln erschlossen?
Dieser Stadtteil wird per se nur als autoarm funktionieren können. Aber auch schon die Günthersburghöfe, das Hilgenfeld und die Eschersheimer Gärten werden als autoarme Quartiere konzipiert. Beispielsweise werden sie möglichst wenige Tiefgaragen bekommen.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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