Petra Roth, ganz volksnah unterwegs im Ebbelwoi-Express in Frankfurt.
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Petra Roth, ganz volksnah unterwegs im Ebbelwoi-Express in Frankfurt.

Frankfurts erste Bürgermeisterin

Petra Roth droht: „Zu meinem 80. Geburtstag kandidiere ich wieder“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Vor 25 Jahren wurde Petra Roth zur ersten Oberbürgermeisterin Frankfurts gewählt. Sie selbst bezeichnet den damaligen Wahlsieg als "Zeichen für die Frauen".

  • 1995 gewann Petra Roth überraschend die Wahl zur Oberbürgermeisterin in Frankfurt
  • Die inzwischen 71-jährige setzte sich in ihrer Amtszeit für eine moderne Drogenpolitik und bessere Integration von Migranten ein
  • Die Amtsführung ihres Nachfolgers Feldmann kritisiert Roth

Frankfurt - Die letzten Junitage in Frankfurt im Jahr 1995 schienen geradezu unwirklich perfekt, sonnig und warm. Petra Roth sind sie dennoch als eine Zeit großer Anspannung in Erinnerung geblieben. Die CDU-Politikerin forderte am 25. Juni in der ersten Direktwahl eines Frankfurter Stadtoberhaupts den Amtsinhaber Andreas von Schoeler (SPD) heraus. Lange Zeit wirkte das wie eine klare Sache für den Sozialdemokraten. Auch die CDU rechnete nicht mit einem Erfolg. Ihre Granden wie der frühere OB Walter Wallmann und der ehemalige Stadtkämmerer Ernst Gerhardt sahen die Wahl eher als Testlauf, wie es überhaupt um die CDU in der Großstadt Frankfurt stand. „Ich hatte anfangs nur einen Bekanntheitsgrad von 15 Prozent“, erinnert sich die damalige Landtagsabgeordnete Roth im Gespräch mit der FR, 25 Jahre später.

Frankfurt: Petra Roth gewann die Wahl völlig überraschend

Doch plötzlich kippten die Meinungsumfragen zugunsten der damals 51-jährigen Herausforderin. Drei Tage vor der Wahl saßen wir 1995 im Café nahe dem Römer zusammen. Roth beschlich ein mulmiges Gefühl: Was ist, wenn sie wider Erwarten gewinnt? „Ich hatte Muffensausen bekommen“, sagt sie im Rückblick. Der Wahlabend endete mit einem Ergebnis, das die FR als „fast sensationell“ einstuft. Roth siegte mit 51,9 Prozent vor von Schoeler, der nur 45,9 Prozent erreichte. Der Amtsinhaber verließ nach kurzer Zeit still, wie betäubt wirkend die Römerhallen. „Ich muss in den nächsten Tagen über meine Zukunft nachdenken“, sagte er nur noch.

Tatsächlich weist der Wahlsieg Roths in seiner Bedeutung weit über den Tag hinaus. „Es war ein Zeichen für die Frauen“, sagt sie heute. Zum ersten Mal seit dem Inkrafttreten der Frankfurter Magistratsverfassung von 1866 regierte eine Frau die Stadt. Roth hatte im Wahlkampf 1995 noch demütigende Fragen von Journalisten über sich ergehen lassen müssen. Sie war Witwe, ihr Ehemann Erwin Roth war 1994 gestorben, und offiziell gab es keinen Mann an ihrer Seite. „Die Journalisten fragten mich, wie ich denn die Stadt repräsentieren wolle ohne Mann neben mir“, das weiß die Politikerin noch genau.

Auch heute ist die ehemalige Oberbürgermeisterin von Frankfurt noch politisch aktiv und legte sich für die Europawahl für die CDU ins Zeug.*

Auch auf Bundesebene machte die Oberbürgermeisterin aus Frankfurt Karriere

Heute, sagt Roth, sei das zum Glück anders. Und dafür habe auch ihr Wahlsieg von 1995 den Weg geebnet. Die Frankfurter Oberbürgermeisterin machte auch auf Bundesebene Karriere. Dreimal war sie Präsidentin des Deutschen Städtetages: Von 1997 bis 1999, von 2003 bis 2005 und von 2009 bis 2011. Roth stärkte die Stimme der Städte in der Bundespolitik erheblich. 2012 war sie als mögliche Bundespräsidentin im Gespräch, bevor die Union sich dann doch auf Joachim Gauck als Kandidaten verständigte.

Heute sieht die 76-jährige mit großer Sorge: „Die CDU hat Probleme in den Großstädten.“ Die Ursachen lägen ganz klar in einer Politik, die nicht modern genug sei: „Die CDU ist nicht bereit, das Lebensgefühl der Menschen in ihre Programme umzusetzen.“

Was sie damit konkret meint, illustriert die Politikerin am Beispiel der mehr als 40 Ämter der Stadt Frankfurt. „Als ich 1995 Oberbürgermeisterin wurde, gab es zwei Amtsleiterinnen.“ Heute herrsche nahezu Parität an der Spitze der Ämter: „Darauf bin ich stolz.“

Frankfurt: Roth unterstützte in ihrer Amtszeit moderne Drogenpolitik

In den 17 Jahren ihrer Amtszeit bis 2012 folgte Roth nie einem ausgeklügelten Programm, einer schriftlich fixierten Vision für die Stadt. Und doch änderte sich in ihrer Regierungszeit vieles an den politischen Verhältnissen. Strikt im Widerspruch zum Kurs der Bundes-CDU unterstützte Roth in Frankfurt eine moderne Drogenpolitik, die von Grünen und SPD auf den Weg gebracht worden war. Das heißt: Die drogenkranken Menschen wurden nicht repressiv verfolgt, sondern mit medizinischen Hilfsangeboten unterstützt. Roth eröffnete solche Drogeneinrichtungen und wurde dafür von CDU/CSU auf Bundesebene angegriffen.

Die Oberbürgermeisterin förderte die gesellschaftliche Integration von Migranten in der Einwanderungsstadt Frankfurt. In ihrer Amtszeit nahm auch in der Kommune die Einbürgerung stark zu. Mehr als 30 000 Menschen aus anderen Nationen erwarben die deutsche Staatsbürgerschaft. Roth sprach sich für den Bau von Moscheen in Frankfurt aus und wurde auch dafür angegriffen.

Noch bei den Kommunalwahlen 1989 hatte es in Frankfurt eine klare politische Mehrheit für SPD und Grüne gegeben, die erste rot-grüne Stadtregierung bildete sich. Doch die beiden Parteien brachten nicht die Kraft auf, über eine längere Zeit vertrauensvoll zusammenzuarbeiten. Am 15. März 1995 kündigten die Grünen endgültig die Koalition mit den Sozialdemokraten auf; zuvor war die Wiederwahl der grünen Dezernentin für Frauen und Gesundheit, Margarethe Nimsch, an vier fehlenden Stimmen aus der Koalition gescheitert. Schon am 23. September 1993 war die Wahl des Grünen Lutz Sikorski zum Umweltdezernenten schiefgegangen, weil ebenfalls vier Voten fehlten. Schon an diesem Tag war der rot-grüne Aufbruch von 1989 eigentlich zu Ende, dem rechten Flügel der Sozialdemokraten ging die grüne Reformpolitik einfach zu weit.

Petra Roth setzte beim Wahlkampf in Frankfurt auf Glaubwürdigkeit

Ganz sicher hat Petra Roth bei ihrer Wahl zur Oberbürgermeisterin 1995 vom Scheitern der rot-grünen Koalition profitiert. Doch ohne Zweifel waren es am Ende auch ihre Persönlichkeit und ihr Auftreten, die eine Mehrheit der Menschen überzeugte. Amtsinhaber Andreas von Schoeler wirkte dagegen verbraucht. Er wurde als ehemaliger FDP-Politiker, der erst 1982 zur SPD übergetreten war, auch von vielen Sozialdemokraten nicht unterstützt.

Roth tut sich schwer, über ihre eigene Person zu sprechen, sagt aber am Ende dann doch: „Es ging um Glaubwürdigkeit. Die Menschen haben mir zugetraut, dass ich das, was ich sage, auch anpacke.“ Ein umfangreiches Wahlprogramm besaß sie nicht. Sie setzte auf Themen, die bei einem bürgerlichen Publikum klassischerweise gut ankamen. Zum Beispiel Sauberkeit: Unter dem Motto „Petra Roth räumt auf“ kämpfte sie gegen die angebliche Vermüllung Frankfurts. Da tauchte sie dann demonstrativ zu Presseterminen an Ecken der Stadt auf, in denen alte Kühlschränke in Straßengräben lagen und anderer Sperrmüll sich türmte. Und versprach Besserung. Das gab gute Bilder.

Frankfurt: Roths liberaler Auftritt verdeckte das konservative Profil der CDU

Roths Aufstieg in den Jahren danach wurde vom Niedergang der SPD in der Stadt begleitet, die immer schlechter abschnitt. Wurde es bei der OB-Wahl 2001 gegen Bürgermeister Achim Vandreike (SPD) noch knapp, deklassierte sie 2007 ihren Herausforderer Franz Frey (SPD) geradezu. Er erhielt nur noch 27,5 Prozent der Stimmen.

Roths liberaler Auftritt verdeckte zugleich das noch immer konservative Profil der Frankfurter CDU. Er machte es den Grünen einfacher, sich ab 2006 auf eine Koalition mit der Union im Römer einzulassen. CDU und Grüne wetteiferten um die bürgerliche Mitte. Und als gemeinsames Renommierprojekt erkoren sie sich die neue Altstadt zwischen Dom und Römer, die Rekonstruktion eines bürgerlichen Traums.

Ein Grüner und Mitbegründer der Partei, Bernd Messinger, wurde sogar Roths Büroleiter. Doch 2012, ein Jahr vor der nächsten OB-Wahl, trat sie plötzlich zurück und machte den Platz frei für die jüngere CDU-Generation. Es hatte erheblichen Druck jüngerer Christdemokraten gegeben, etwa von Kämmerer Uwe Becker und Hessens Innenminister Boris Rhein, die beide OB werden wollten. Roth sorgte dafür, dass Rhein antrat. Er verlor krachend gegen den Sozialdemokraten Peter Feldmann.

Den jetzigen Oberbürgermeister von Frankfurt kritisiert Roth

Heute erklärt die frühere Oberbürgermeisterin selbstbewusst: „Wenn ich 2013 kandidiert hätte, ich hätte die Wahl gewonnen!“ Dann lacht sie und droht: „Zu meinem 80. Geburtstag kandidiere ich wieder!“ Das ist Roths Kommentar zu Rhein und auch zur gescheiterten CDU-OB-Kandidatin Bernadette Weyland, die 2018 kläglich verlor.

Die Amtsführung ihres Nachfolgers Feldmann mag Roth zuerst nicht kommentieren. Doch dann fühlt sie sich doch provoziert dadurch, dass Feldmann die Zukunft der Städtischen Bühnen für nicht dringlich erklärt hatte. „Ich bin sehr, sehr traurig; so etwas darf ein OB nie sagen.“ Wer die Kultur und ihre Institutionen in ihrer Bedeutung nicht erkenne, „der gibt der Zukunft der Stadtgesellschaft wenig Chancen“. Punktum.

Als zweite Frau wurde Petra Roth zur Ehrenbürgerin der Stadt Frankfurt ernannt.*

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