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Auf Plastiktour durch Europa: Das Greenpeace-Schiff sammelt auch am Holbeinsteg Daten.

„Beluga II“

Frankfurt: Greenpeace sammelt Wasserproben im Main

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Die „Beluga II“ von Greenpeace hat für einen Tag in Frankfurt Station gemacht und Wasserproben vom Main genommen. Die Ergebnisse werden im Juni oder Juli veröffentlicht.

Zwischen den Masten der „Beluga II“ prangt riesengroß das Wort „Nestlé“. Aber dies ist keine Werbung, der Text geht noch weiter. „Nestlé no excuse stop single use“, haben die Greenpeace-Leute geflaggt. „Und was heißt das auf Deutsch?“, fragt eine Passantin am Montag am Mainufer. „Nestlé soll aufhören, Einwegverpackungen aus Plastik herzustellen“, erläutert ein Mann. „Klasse, dass ihr das macht“, sagt die Frau und zieht weiter, unter dem Arm eine Flasche Apfelsinensaft – aus Wegwerfplastik.

Die Welt lässt sich eben nicht an einem Tag retten. Die Männer auf der „Beluga II“ nehmen sich deshalb einige Wochen Zeit dafür. Sie sind den Rhein hinaufgefahren bis Köln, haben mit einem sogenannten Manta Trawl die Wasseroberfläche abgefischt und wollen auswerten, was ihnen ins Netz geht. Momentan ist die Crew um Käpt’n Mike Klee in Richtung Mosel unterwegs und macht am Montag Station am Holbeinsteg. „Frankfurt als Standort der Nestlé-Zentrale schien uns ein guter Etappenstandort auf unserer Reise zu sein“, sagt Greenpeace-Sprecher Björn Jettka.

Unter Deck sitzt der Chemiker Manfred Santen und schaut auf einen großen Monitor. Da treibt ein gigantischer Gesteinsbrocken im Weltall und ... nein? Nein. Es ist ein winziges Stück Polyethylen, 1,5 Millimeter lang, unterm Mikroskop auf Bildschirmformat vergrößert. 2015 fand ein Forscherteam bei einer ähnlichen Aktion etwa 500 solcher Partikel pro Kubikmeter im südlichen Rheinverlauf, weiter nördlich dann mehrere Tausend pro Einheit. Seither gab es keine vergleichbaren Studien; deshalb ist Greenpeace nun unterwegs. Aktuelle Daten braucht das Land.

Manfred Santen legt ein neues Präparat unters Mikroskop. „Mikroplastik ist ein großes Problem für kleine Wasserorganismen wie Krebse“, sagt er. Bekannt seien ja die Fotos von Walen, die an 20 Kilogramm Kunststoff im Magen verenden, und Bilder von Wasserschildkröten, die Plastiktüten mit Quallen, ihrer Leibspeise, verwechseln. „Aber die Kleinstlebewesen als Teile der Nahrungskette landen mit ihren winzig kleinen Plastikteilchen schließlich auch in unseren Mägen.“

Chemiker Manfred Santen unter Deck in seinem Labor.

Die Greenpeace-Leute waren in Südostasien auf den Philippinen unterwegs. Was sie dort fanden, ist erschütternd. Santen schüttet einen Sack Plastikverpackungen auf den Tisch: „Das haben wir dort binnen einer Viertelstunde aus dem Meer gefischt.“ Auf den Tüten steht „Bärenmarke Schokomilch“, „Nestlé Magic Sarap“, „Nescafé Original 3 in 1“, „Nescafé Creamy White“. 17 Prozent des Plastikmülls im Meer der Philippinen stammten von Nestlé, gefolgt von Unilever mit zehn Prozent, ermittelte Greenpeace 2017. „Diese Firmen sind verantwortlich als Verursacher“, sagt Santen. „Wir bringen das Plastik von den Philippinen zurück nach Europa.“

Natürlich nicht die ganze Menge. Wenn in Manila nur jeder zweite der zwölf Millionen Einwohner täglich zwei Tassen Kaffee mit den dort üblichen Einmal-Päckchen zubereite, seien das zwölf Millionen Tütchen – am Tag. Aber das Plastik kommt auch von selbst zurück, kleingerieben in Mikroteilchen. „Wir finden Mikroplastik in jeder Probe“, sagt der Chemiker und zieht seine Schlüsse. „Diese Unmengen an Wegwerfverpackungen sind nicht nötig. Es gibt alternative Lösungen wie etwa Unverpackt-Läden. Wir fordern, dass die großen Firmen ihre Produktion umstellen.“

Am Dienstag legt die „Beluga II“ wieder in Frankfurt ab, Richtung Rhein, dann auf die Mosel. Die Ergebnisse der Wasseruntersuchungen in Main und Rhein werden noch mit den Kollegen aus den Niederlanden koordiniert und nicht vor Juni oder Juli veröffentlicht.

FR-Diskussion

Beim Forum Entwicklung von Frankfurter Rundschau, hr-info und Deutscher Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) geht es an diesem Dienstag, 16. April, um die Frage, wie die Plastikflut aufzuhalten ist.

Auf dem Podium im Saalbau Frankfurt, Hedderichstraße 51, diskutieren von 18.30 Uhr an Shary Reeves (Botschafterin der UN-Dekade Biologische Vielfalt), Rüdiger Baunemann (Verband der Kunststofferzeuger), Erich Groever (NGO One Earth, One Ocean) und Ellen Gunsilius (GIZ). Moderation: FR-Redakteur Tobias Schwab. Der Eintritt ist frei. (FR)

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