+
Ein Anwalt muss sich vor dem Landgericht in Frankfurt verantworten. Es geht um 500 Goldstücke als Morgengabe. 

Anwalt Parteiverrat vorgeworfen 

Kuriose Gerichtsverhandlung in Frankfurt: 500 Goldstücke als Morgengabe und wunderbare Fremdschäm-Momente

  • schließen

In Frankfurt steht ein Anwalt vor Gericht, weil er Parteiverrat begangen haben soll. Die Umstände sind sehr kurios.

Frankfurt - Es war einmal ein Anwalt aus dem Morgenland, und das ist er noch heute. Der Anwalt war in Land- und Amtsgericht bekannt für seine fantasievollen Verteidigungsstrategien und seine blumige Sprache. Nur hin und wieder verdrehte ein genervter Richter die Augen gen Himmel und dachte still „O Herr, erlöse mich von dem Übel“, sprach es aber nicht aus, denn der Anwalt war auch bekannt für seine Befangenheitsanträge. Gestern aber saß der Anwalt als Angeklagter vor dem Landgericht und das kam so:

Vor Jahr und Tag kam ein Mandant zu dem Anwalt und weinte bittere Zähren. Er habe im fernen Persien eine ihm fremde Frau gefreit und dieser, wie es der Ahnen Sitte gebeue, eine „Morgengabe von 500 Goldstücken“ (etwa 150 000 Euro) versprochen. Das sei zwar kein Schnäppchenpreis gewesen, aber, da es sich um eine waschechte Jungfrau gehandelt habe, auch kein Wucher. 

Frankfurt: Anwalt vor Gericht 

Ärgerlich sei aber, dass die Gattin nach etlichen Wochen Ehe immer noch waschechte Jungfrau sei und ihn wohl nur gefreit habe, um sich eine Aufenthaltserlaubnis für das Abendland zu ermogeln. Dafür aber zahle er keine Morgengabe. Kein Problem, das habe man gleich, sagte der Anwalt, kassierte 900 Euro und tat dann nichts, weshalb der Mandant ihm das Mandat wieder entzog.

Zehn Monate danach kam eine Mandantin zu dem Anwalt und weinte bittere Zähren. Ein ihr unbekannter Mann habe sie in ihrer persischen Heimat gefreit und ihr eine Morgengabe von 500 Goldstücken versprochen, doch kaum im Abendland angekommen, habe sie ihr Gatte ins Frauenhaus gedroschen, wolle nun die Scheidung und sei nicht willens, die Morgengabe rauszurücken. Kein Problem, die habe man gleich, sagte der Anwalt, kassierte 700 Euro und tat dann nichts, weshalb die Mandantin ihm das Mandat wieder entzog.

Verhandlung im Landgericht Frankfurt: Anwalt soll Parteiverrat begangen haben

Das Amtsgericht nannte das Parteiverrat, weil – man ahnt es schon – Mandant und Mandantin das Ehepaar waren, und verurteilte den Anwalt zu 150 Tagessätzen à 20 Euro. Der legte Berufung ein, denn ein Anwalt, der zu einer Tagessatzhöhe von 20 Euro verurteilt wird, wird im Kollegenkreis gerne als Hartgeldadvokat gehänselt.

Vor dem Landgericht plädiert der Anwalt auf Unwissenheit und verweist auf ein Menschheitsproblem, das so alt ist wie Adam und Eva: „Das waren zwei verschiedene Menschen mit verschiedenen Namen“ – wie hätte er ahnen können, dass die beiden ein Ehepaar seien? Zudem moniert er, dass er bloß hier sitze, weil er in seiner Eigenschaft als Strafverteidiger bereits diverse Befangenheitsanträge gegen die Vorsitzende Richterin gestellt habe und die sich nun an ihm rächen wolle.

Frankfurt: Anwalt wehrt sich vor Gericht gegen Anschuldigungen 

Will sie nicht. Am Ende eines langen Prozesstages mit vielen wunderbaren Fremdschäm-Momenten wird der Anwalt freigesprochen. Zwar sei der Tatbestand des Parteiverrats gemäß Paragraf 356 StGB „objektiv absolut erfüllt“, sagt die Vorsitzende Richterin, subjektiv aber nicht. Denn dazu bedürfe es eines Vorsatzes, und auch wenn der Anwalt sich der „gröbsten Form der Fahrlässigkeit“ schuldig gemacht habe, so sei ihm ein Vorsatz schlicht nicht nachzuweisen, nicht mal ein bedingter. Man könne nicht ausschließen, dass der Anwalt es schlicht verbockt habe.

„Ich bin Anwalt und ich habe noch nie etwas verbrochen“, sagt der Anwalt. Der Jurist nennt solch eine Aussage eine contradictio in adiecto, der Laie ein Märchen. Die Morgengabefrage ist übrigens bis heute offen, denn trotz mehr als zwei Jahren juristischen Hickhacks hat es das Ehepaar bis heute nicht geschafft, sich scheiden zu lassen – die beiden Unglücklichen sind immer noch miteinander verheiratet.

Bei einer anderen Gerichtsverhandlung in Frankfurt erweist sich ein verurteilter Totschläger als Bewährungs-Totalversager.*

*fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks 

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare