Schlagender Nachbar

„Am Oberarm gepackt und ins Haus gezogen“: Frankfurterin schildert häusliche Gewalt – und kritisiert die Polizei

  • Stefan Simon
    vonStefan Simon
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Eine Frankfurterin schildert der FR einen Fall von häuslicher Gewalt bei ihren Nachbarn. Sie kritisiert das Verhalten einzelner Polizisten.

  • Frankfurterin wird Zeugin häuslicher Gewalt bei ihren Nachbarn
  • Zeugin will anonym bleiben
  • Kritik an dem Verhalten einzelner Polizisten

Frankfurt - Karin Schuster kann sich noch gut an den Tag erinnern, als ihr Nachbar vor einem Polizisten zugibt, dass er seine Frau schlägt. Er dürfe das ja, habe er dem Beamten gesagt. Wann genau Schuster zum ersten Mal die Polizei rief, weil sie die Schreie ihrer Nachbarin nicht mehr aushielt, das weiß sie nicht mehr. Sie kann sich aber noch gut an den Vorfall erinnern.

Häusliche Gewalt in Frankfurt: Zeugin will anonym bleiben

Karin Schuster heißt in Wirklichkeit anders. Sie möchte anonym bleiben. Die FR kennt die Identität der Frau. Die Gefahr sei zu groß, dass der Täter sie erkenne, sagt Schuster während des Telefongesprächs mit der FR. „Ich dachte wirklich, der schlägt seine Frau tot. Ich musste mehrfach bei der Polizei anrufen, bis die endlich jemanden geschickt haben“, erinnert sie sich.

Besser leben ohne Polizei: Was hinter „Defund the Police“ steckt

Als sechs Polizist*innen schließlich vor Ort in Frankfurt eintreffen, reden die einen mit Schusters Nachbarn, während sie an ihrer offenen Wohnungstür steht und eine Zeugenaussage macht. Ein Polizist habe sie gefragt, ob es sich bei ihren Nachbarn um ein Sexspiel handeln würde. Während Schuster mit den Beamt*innen redet, hört sie das Gespräch zwischen dem Polizeibeamten und ihrem Nachbarn. Nachdem ihr Nachbar zugegeben habe, dass er seine Frau schlage, hätten die Polizist*innen ihn aus der Wohnung verwiesen, berichtet Schuster. Aber nach ein paar Tagen kam er wieder. Ob die Ehefrau sich in der Zeit Hilfe holte, weiß Schuster nicht. Sie vermutet jedoch das Gegenteil. Die Frau lebe völlig isoliert und habe keine Freunde. „Eine Polizistin sagte mir, dass die Frau Angst hätte und sich nicht von ihrem Mann scheiden lassen könne“, sagt Schuster. Sie sieht die Frau nur zwei-, dreimal im Monat oder wenn ihre Nachbarin nachts den Müll rausbringt.

Häusliche Gewalt in Frankfurt: Schreie aus der Nachbarswohnung

Für ein paar Wochen beruhigte sich die Situation bei ihren Nachbarn, dann ging es vor rund zwei Wochen wieder los mit den Schreien aus deren Wohnung. Wieder ruft Schuster die Polizei. Doch dieses Mal reagieren die Beamt*innen anders.

Schuster beobachtet von ihrem Fenster aus, wie ihre Nachbarin auf der Straße steht und Angst davor hat, mit ihrem Ehemann in die Wohnung zu gehen. „Sie hat sich am Zaun festgehalten, geweint und gesagt: ‚Beim letzten Mal habe ich es bereut‘“, erzählt Schuster. Dann habe er sie am „Oberarm gepackt und mit in die Wohnung gezogen“. Schuster hat diesen Vorfall mit ihrem Smartphone gefilmt. Als die Polizist*innen eintreffen, geht eine Beamtin in die Wohnung zur Frau, ihr Kollege steht derweil draußen und redet mit dem Ehemann. „Mein Nachbar erzählte dem Polizisten irgendwas davon, wie Frauen nerven. Der Polizist ist lachend mit eingestiegen.“ Erst denkt Schuster noch, der Beamte wolle ihrem Nachbar deeskalierend in Sicherheit wiegen. Aber dann vermutet sie, dass der Beamte ihm die Geschichte abkauft. Sie hätten sogar gelacht. Als die Polizeibeamtin aus der Wohnung zurückkommt, sagt ihr Kollege, das alles nur ein Missverständnis sei. Obwohl Schuster die Tat filmte und die Polizei rief, musste sie dieses Mal keine Aussage machen.

Häusliche Gewalt in Frankfurt: Polizei gibt Auskunft über Vorfall

Hilfestellen

Wer Opfer häuslicher Gewalt wird oder solche beobachtet kann sich an das mehrsprachige Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ wenden: 08000/116 016.

Die Koordinierungsstelle Frauennotrufe Hessen hat die Nummer 069/709494.

Die Hilfe-Nummer für Frauen in Offenbach ist unter 069/816557 zu erreichen.

Pro Familia in Darmstadt hilft unter 06151/45511.

Frauen helfen Frauen Wiesbaden erreicht man unter 0611/51212.

Bei Notfällen kann immer die Polizei unter der 110 gerufen werden.

Die Polizei hat die Möglichkeit, Täter für bis zu 14 Tage der gemeinsamen Wohnung zu verweisen und auch ein Kontaktverbot auszusprechen. Opfer können diesen Zeitraum nutzen, um bei Gericht eine Schutzanordnung nach dem Gewaltschutzgesetz zu beantragen. Platzverweise und Wegweisungen werden erteilt und durchgesetzt. mic

Auf Anfrage der FR heißt es vonseiten der Polizei, dass es sich bei dem geschilderten Sachverhalt um einen verbalen Familienstreit gehandelt habe. „In diesem konkreten Fall waren keine strafbaren Handlungen erkennbar gewesen“, sagt Polizeisprecher Marc Draschl. Hinweise auf einen Fall von häuslicher Gewalt lägen bislang nicht vor. Auch bei der von Schuster beschriebenen Situation einer möglichen „Verharmlosung oder Verbrüderung“ handele es sich „möglicherweise um ein Missverständnis“. Weiter heißt es, dass es notwendig sei, bei einer „konstruktiven Gesprächsführung, auch mit einem möglichen Täter freundlich umzugehen, was nicht heißen soll, dass wir gewalttätige Aktionen verharmlosen“.

Studien zufolge ist in Deutschland jede dritte Frau mindestens einmal in ihrem Leben von Gewalt betroffen. Wenn der geschilderte Fall bei der Polizei bekannt ist und sie öfter als einmal dort waren, dann müsste die Polizei die Frau dort rausholen, sagt Carla Horstkamp von der Beratungsstelle „Frauen helfen Frauen“.

Das seit 2002 geltende Gewaltschutzgesetz bietet die Möglichkeit, Täter für zwei Wochen der Wohnung zu verweisen und ein Kontaktverbot auszusprechen. Im ersten Fall, den Karin Schuster beschrieb, sei eine Anzeige aufgrund einer häuslichen Gewalt aufgenommen worden, sagt Polizeisprecher Draschl. „Dann gilt es, die Ehefrau über ihre Rechte aufzuklären, wo sie sich Hilfe holen und an wen sie sich wenden kann“, sagt Horstkamp.

Häusliche Gewalt in Frankfurt: Kritik an der Polizei

Doch ob die Polizist*innen vor Ort in Frankfurt Schusters Nachbarn der Wohnung verwiesen oder gar ein Kontaktverbot ausgesprochen haben, die Antwort darauf bleibt die Polizei schuldig. Wenn das der Fall wäre, wie soll dann das Gewaltschutzgesetz das Opfer schützen? „Wenn die Frau einmal für uns greifbar ist, können wir sie über ihre Möglichkeiten aufklären. Wir greifen schließlich aktiv ein, wenn die Polizei uns informiert“, sagt Horstkamp.

Schuster will die Schuld nicht allein bei einzelnen Polizisten sehen. „Das Problem ist viel umfassender. Frauenhäuser weisen Frauen ab, weil es zu wenig Plätze gibt.“ Eigentlich sollten die Täter Angst davor haben, dass die Nachbarn das hören, „aber er fühlt sich wohl so sicher. Er weiß, dass sie nichts tun“, sagt Schuster. Auch der Vermieter wisse Bescheid. „Jeder hat Angst vor diesem Typen. Er wirkt bedrohlich“, sagt sie.

Und dann verliert sie doch noch kritische Worte bezüglich der Polizei. „Dein Leben könnte vielleicht davon abhängen, welcher Polizist vor deiner Haustür steht“, sagt sie. Es mache sie müde, dass viele Frauen von ihrem Partner misshandelt oder getötet würden und Nachbarn dies mitbekämen, aber nichts unternähmen. „Das ist wie ein Kampf gegen Windmühlen.“

Von Stefan Simon

Rubriklistenbild: © PantherMedia / Zdyma4

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