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„Wir brauchen Licht, wir brauchen bunt“, sagt Wolfgang Flammersfeld.

Winterlichter

Frankfurt: Fantasie und Farben gegen den Frust

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Die „Winterlichter“ haben wieder den Palmengarten erobert – Balsam für die tiefgekühlte Seele. Besucherinnen und Besucher können selbst die Dunkelheit bemalen.

Klarer Fall: „Wir brauchen Licht, wir brauchen bunt“, sagt Wolfgang Flammersfeld. Wir, die Menschen. „Licht war schon immer faszinierend. Denken Sie ans Feuer!“ Mit Vergnügen. Wir denken ans Feuer und machen einen Streifzug durch die „Winterlichter“, die jetzt wieder den abendlichen Frankfurter Palmengarten erhellen.

Jedes Jahr, wenn es draußen am dunkelsten ist, lädt die Westendoase in einen Zaubergarten voller Lichter ein, mit Musik und bunten Farben. Mag die Witterung auch kalt und eklig sein, Flammersfeld und sein „World of Lights“-Team aus Unna machen’s gemütlich. Aber auch mystisch.

„Ein Großteil der Installationen ist neu“, sagt der 67-jährige Lichtkünstler, „bis auf zwei.“ Winterlichter-Veteranen werden die alten Bekannten sofort wiedererkennen: vor allem die Schneeglöckchen, die wegen ihrer beeindruckenden Größe eigentlich Schneeglocken heißen müssten, wenn nicht sogar Schneekirchenglocken, sie sind wieder da. Und traditionsgemäß ist ein weiteres Exemplar hinzugekommen, das siebte inzwischen für die achte Winterlichter-Schau.

Ebenfalls wieder da: ein Strichmännchen, das bei seinem ersten Auftritt einen Kopfsprung in den Weiher machte (natürlich nur als Lichteffekt). Diesmal wirft es eine Münze in eine Spardose. Was für eine Münze mag es sein? Ein Euro? Eine andere Währung? „Das soll jede und jeder für sich selbst entscheiden“, sagt Flammersfeld, „und es muss auch gar nicht monetär sein.“ Recht hat er. Man könnte (sich) ja so viel sparen heutzutage. Und es würde so guttun, uns selbst, den anderen, der Welt, wenn wir mehr sparten. Nicht nur dieses Kohlendioxid, nicht nur dieses Plastik. Ruhig mal eine Gehässigkeit sparen. Oder?

Ansonsten ist alles neu bei den Winterlichtern. Besonders auffällig: Fünf große beleuchtete Kugeln auf der Wiese vorm Tropicarium stellen die fünf alten Kontinente dar. „Sie sind komplett bunt“, erklärt Flammersfeld, „und so sollen sie auch bleiben – nicht braun werden. Das ist ein persönliches Statement, das immer für uns steht.“ Die Grundidee, für Verständigung und gegen Rassismus, begleitet das Team auf all seinen Wegen, bei Ausstellungen und Performances in der ganzen Republik. „Wir müssen diese Haltung nicht immer explizit zur Schau stellen, aber mit den Kugeln tun wir es mal wieder.“

Skulpturen aus Licht wärmen die tiefgekühlte Seele.

Ein Stück weiter im Palmengarten werden Bambusstäbe mit insgesamt 6000 Kabelbindern zusammengehalten und mit 16 Scheinwerfern angestrahlt – das ist doch … ein Kristall! Überdimensional wie fast alles auf dem Rundgang. „Christal“ heißt die Installation, um genau zu sein. Vielleicht eine Würdigung für eine Frau namens Christa? „Habe ich eine Freundin namens Christa?“, ruft Flammersfeld hinter sich. „Keine Ahnung“, antwortet eine Frauenstimme. „‚Keine Ahnung‘, sagt meine Frau“, gibt er launig weiter und lacht.

31 Pinguine, sehr grell beleuchtete Pinguine, machen eine Parade – und einer von ihnen geht in die andere Richtung. „Rote Riesen“, abstrakte, ganz leicht menschenähnliche Gebilde aus Abluftrohren, stehen Spalier. „Wir mögen einfache Materialien.“ Eine Videoinstallation heißt „Das Auge“. Aha? „Was das Video letztlich zeigt – mal sehen.“ Es muss ja kein Auge sein.

So geht es rund und kreuz und quer durch den Palmengarten. Discokugeln, voriges Jahr im Bambushain, mobilisieren diesmal den Rhododendrengarten, Riesenblüten und Positiv-negativ-Gesichter warten am Wegesrand. Und einer darf nicht fehlen: der Hydroschild auf dem Oktagonbrunnen. Weiß der Himmel, wie das funktioniert, eine Wasserwand, selbst bei Minustemperaturen, auf die sich Videofilme projizieren lassen. Diesmal erreicht das Bild sogar die Ausläufer an den Rändern der 15 Meter breiten Dauerfontäne, erklärt der Fachmann. Eine neue Technik, ein ganz neues Seh-Erlebnis und ein viel experimentelleres Video als zuvor, macht Flammersfeld seinen Fans den Mund wässerig: „Menschen in allen möglichen Situationen. Die Hintergründe sehr mystisch.“ Dazu Musik.

Es geht halt um Fantasie, immer, überall, wenn die Welt der Lichter im Palmengarten gastiert. „Letztlich sollen die Leute selbst entscheiden, was es ist. Künstler müssen nicht alles vorgeben. Und man darf ruhig auch kritisch damit umgehen.“

Beleuchtetes Herz. 

Neu sind in diesem Jahr eine Videoinstallation in der Palmenhaus-Galerie West und, weil die Jurte, das Märchenzelt, umgezogen ist, ein größeres Winterlichter-Café zum Aufwärmen mit Glühwein, Punsch und Waffeln in der Galerie Ost. Im Palmenhaus selbst sind weiterhin die exotischsten Tierstimmen aus aller Welt zu hören. Die hat der Klangkünstler Lasse-Marc Riek zum 150-jährigen Bestehen des Palmenhauses dort hinterlassen. Snacks und Getränke gibt es auch in der Villa Leonhardi im Nordwesten des Geländes.

Alles im Sinne des Winterlichter-Mottos: durch Stimmungen spazieren, sich berühren lassen. Im vorigen Winter erlebten das knapp 57 000 Besucher, einen ähnlichen Ansturm erwartet der Palmengarten auch diesmal wieder. Sprecher Sebastian Klimek hat für sie einen guten Tipp: lieber mit öffentlichen Verkehrsmitteln kommen. Oder mit dem Rad. Dann gibt’s auch keine Probleme mit der Parkplatzsuche.

Winterlichter

Bis zum 12. Januar zeigt der Palmengarten 18 leuchtende Objekte und sechs Videoinstallationen. Die Ausstellung „Winterlichter“ des Unnaer Lichtkünstlers Wolfgang Flammersfeld gastiert zum achten Mal in Frankfurt. Sie ist täglich von 17 bis 21 Uhr zu sehen außer an Heiligabend (10 bis 15), und Silvester (9 bis 16 Uhr). 

Zwölf Kilometer Kabel und 700 Strahler, meist LED, hat das Team installiert. Mit Leuchtbällen können Kinder und Erwachsene eigene Muster in die Dunkelheit malen. Es gibt ein Märchenzelt, die Postkartenausstellung zum 150-jährigen Bestehen des Palmenhauses läuft noch bis zum 6. Januar – nur eine Weihnachtsausstellung hat der Garten in diesem Jahr nicht im Programm. 

Öffentliche Führungen (eineinhalb Stunden lang) durch die Winterlichter und durch das Tropicarium beginnen jeweils um 17.30 Uhr an den Samstagen, 7., 14., 21. und 28. Dezember, 4. und 11. Januar, sowie freitags, 13., 20., und 27. Dezember, 3. und 10. Januar, außerdem an den Feiertagen, 25., 26. Dezember und 1. Januar, sowie am Sonntag, 12. Januar. Treffpunkt ist jeweils die Kasse Siesmayerstraße, die Teilnahme kostet zwei Euro zuzüglich zum Eintritt. Kartenvorverkauf ebenfalls an der Kasse Siesmayerstraße 63. 

Weitere Führungen können über die Grüne Schule gebucht werden: Telefon: 069/212–33391, E-Mail: gruene.schule@stadt-frankfurt.de. ill

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