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Der Schul- und Bürgergarten im Ostpark: Mehr solcher nachhaltigen Flächen, überall in der Stadt, möchte der Ernährungsrat. 

Essen

Frankfurter Ernährungsrat fordert die Wende

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Frankfurt soll Vorbild werden für eine nachhaltige Art, Essen zu produzieren und zu verteilen. Dem Ernährungsrat schwebt eine ganz neue Form der Beteiligung vor.

Klares Statement: „Essen ist politisch“. Das steht auf dem T-Shirt von Joerg Weber, und das trägt der Sprecher des Frankfurter Ernährungsrats am Dienstag, als er die Pressekonferenz mit Forderungen an die Stadt eröffnet. Per Videoübertragung, versteht sich – alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind zu Hause.

Der Ernährungsrat, vor zweieinhalb Jahren gegründet, will eine grundlegende Wende in der Art, wie wir unser Essen produzieren und verteilen. Dafür muss eine Strategie her – die Stadt soll ein Gutteil dazu beitragen. „Wir haben ein halbes Jahr lang mit mehr als 30 Leuten an den Forderungen gearbeitet“, sagt Weber.

„Frankfurt muss die Power bündeln, die wir dafür brauchen“

Ganz oben auf der Neun-Punkte-Liste: die Strategie und eine zuständige Stelle, die alles rund um nachhaltige Ernährung bündelt. „Das Thema ist total wichtig, aber konkret zuständig fühlt sich bei der Stadt niemand“, sagt Ernährungswissenschaftlerin und Autorin Sarah Schocke. „Frankfurt muss die Power bündeln, die wir dafür brauchen.“ Etwa in einer Stabsstelle, schlägt der Rat vor, angesiedelt zwischen den Dezernaten für Umwelt, Gesundheit und Wirtschaft.

Was könnte solch eine Stabsstelle anleiern? Sie könnte etwa städtische Flächen für den gemeinschaftlichen Obst- und Gemüseanbau bereitstellen – eine weitere der neun Forderungen –, so wie sie der Ernährungsrat bereits im Schulgarten am Ostpark geschaffen hat, die Gemüseheldinnen mit ihren „essbaren Inseln“, die Grüne Lunge am Günthersburgpark.

Sogenannter Food Hub ist zentrales Anliegen

„Wir wünschen uns eine Bewegung, die sich in ganz Frankfurt ausbreitet“, sagt Juliane Ranck von den Gemüseheldinnen. „Die Nachfrage ist groß, und Permakultur ist unglaublich produktiv, damit lässt sich auf sehr kleinem Raum sehr viel erwirtschaften.“ Weber: „Wir suchen dafür ungenutzte Flächen in der Stadt.“ Ein zentrales Anliegen ist ein sogenannter Food Hub – eine Art Hauptquartier der Lebensmittelverteilung. Dort könnten lokale und regionale Produkte gelagert, verarbeitet, verteilt und vermarktet werden. Auf dem Gelände wären idealerweise eine Geschäftsstelle und eine Gemeinschaftsküche, dort träfen alle Beteiligten zusammen, auch Lebensmittelretter und Initiatorinnen interkultureller und nachbarschaftlicher Kochtreffen. „Wir möchten einen Food Hub, der als Arbeits- und Erfahrungsort viele Menschen zusammenbringt, Erfahrungsaustausch ermöglicht und das Thema nachhaltige und regionale Ernährung erlebbar macht“, heißt es in den Forderungen.

Rat-Sprecherin Barbara Praetorius hat das Format Food Hub in den USA kennen- und schätzen gelernt. „Es wird groß!“, sagt sie. Kartoffelschälmaschinen, Gemüsewaschmaschinen kann sie sich dort vorstellen, Dinge, für die Erzeuger oft keinen Platz haben. Denkbar sei, dass Lebensmittelüberschüsse dort an Bedürftige verteilt werden. Und klar: So ein Food Hub braucht Fläche. Aufgelassene Industriegelände etwa in Fechenheim schweben dem Ideenteam vor.

Forderungen sind teils schon bei den Parteien angekommen

„Die Stadt sollte als Vorbild vorangehen“, sagt Barbara Praetorius, auch bei den weiteren Anliegen des Ernährungsrats: Förderung nachhaltiger Ernährung, Mindestanteil regionaler Bioprodukte in den städtischen Einrichtungen und auf den Märkten sowie: Ernährungsbildung. „Bewusstsein schaffen für Müllvermeidung, Mehrweg, plastikfrei“, zählt Jenny Fuhrmann auf. Sie kennt sich aus – sie führt den Unverpacktladen Grammgenau.

Die Forderungen sind teils schon bei den Parteien angekommen, erste Treffen stehen an. „Die Krise zeigt, dass wir mehrere Gänge zurückschalten sollten und dass die Welt besser werden muss“, sagt Weber. Wer daran mitarbeitet und wer nicht, will der Ernährungsrat auch in seinen Wahlprüfsteinen zur Kommunalwahl genau hinterfragen.

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