Demonstrierende auf dem Römerberg fordern eine Gedenkstätte für das KZ Adlerwerke.
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Demonstrierende auf dem Römerberg fordern eine Gedenkstätte für das KZ Adlerwerke.

Kundgebung an der Paulskirche

Eklat am Tag der Befreiung: Bürgermeister verlässt Gedenkveranstaltung

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Ein Streit um das Nato-Manöver in Osteuropa sorgt dafür, dass Bürgermeister Uwe Becker die Gedenkveranstaltung in Frankfurt verlässt.

  • Auf einer Kundgebung zum Tag der Befreiung in Frankfurt kommt es zum Eklat
  • Der Frankfurter Bürgermeister Uwe Becker (CDU) verlässt die Gedenkveranstaltung an der Paulskirche
  • Grund ist eine Rede zum jüngsten Nato-Manöver in Osteuropa

Frankfurt – Mitten in Bettina Kaminskis Rede reicht es dem Frankfurter Bürgermeister. Uwe Becker verlässt grußlos die Kundgebung an der Frankfurter Paulskirche, die an den 8. Mai 1945, den Tag der Befreiung vom nationalsozialistischen Terrorregime, erinnern soll.

Frankfurt: Eklat am Tag der Befreiung – CDU-Bürgermeister verlässt Kundgebung

Kaminski, Mitglied des Freien Schauspielensembles Frankfurt, hatte den Aufruf eines breiten Bündnisses von Grünen, Linken, DGB und anderen vorgetragen, der das jüngste Nato-Manöver im Osten Europas verurteilte. An dieser Stelle hatte der CDU-Politiker Becker genug, sein Platz blieb fortan leer.

Nicht nur dieser Eklat macht die Gedenkfeier zu einer ganz besonderen. Eigentlich hatte die Stadt zum 75. Jahrestag der Befreiung eine Feierstunde in der Paulskirche geplant. Und das Bündnis 8. Mai wollte ein großes Friedensfest auf dem Römerberg organisieren. Die Corona-Pandemie durchkreuzte all diese Pläne. Maximal 100 Personen mit Mund-Nasen-Bedeckung und großem Abstand untereinander dürfen sich draußen am Mahnmal an die Opfer der Konzentrationslager an der Rückseite der Paulskirche versammeln. Rote Nelken schmücken die Umgebung. Und die Menschen fotografieren sich gegenseitig mit Atemschutzmasken vor der Gedenkstätte. Es sind schließlich historische Fotos, sagt einer von der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes.

Eklat am Tag der Befreiung in Frankfurt – OB Feldmann verurteilt „Hetzer“

Gerade die Linken erwarten sich einiges von der Rede des Oberbürgermeisters. Feldmann werde hoffentlich fordern, dass der 8. Mai zum gesetzlichen Feiertag erklärt werde, sagt Willi van Ooyen, der frühere Fraktionsvorsitzende der Linken im Hessischen Landtag, der „Frankfurter Rundschau“. Doch der OB enttäuscht diese Erwartungen. Feldmann verurteilt die „Hetzer“ und „geistigen Brandstifter“, die versuchten, in Deutschland wieder Oberhand zu gewinnen. Er zitiert die KZ-Überlebende Esther Bejarano, mit der er zuvor Kontakt per Videochat hatte.

„Ihr macht euch schuldig, wenn ihr über diese Zeit nichts wissen wollt“, habe die 95-Jährige ihm gesagt. Feldmann fordert zu „entschiedenem antifaschistischem Auftreten“ auf. Er appelliert, die „Errungenschaften der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu verteidigen“. Doch unter den maskierten Menschen kommt keine kämpferische Stimmung auf.

Tag der Befreiung in Frankfurt: Gedämpfte Stimmung bei Kundgebung

Alles wirkt merkwürdig gedämpft. Auch wenn die Schauspielerin Bettina Kaminski sich alle Mühe gibt, ein wenig Feuer in die Feier zu bringen. Sie fordert dazu auf, „die AfD aufzuhalten“. An dieser Stelle ruft einer laut „Verbieten!“ dazwischen. Für faschistisches Gedankengut sei in Deutschland kein Platz, sagt Kaminski, „schon gar nicht bei Polizei und Bundeswehr“. Großer Beifall. Die 20 Beamtinnen und Beamten der Polizei, die das Gedenken begleiten, hören es, ohne eine Miene zu verziehen.

Die 79-jährige Bruni Freyeisen erinnert sich im Gespräch mit der „Frankfurter Rundschau“ an den 27. Februar 1945. Damals wurde sie bei einem Bombenangriff auf Mainz unter Trümmern verschüttet und gerade noch rechtzeitig ausgegraben, bevor sie erstickte. „Das war mein zweiter Geburtstag“, sagt sie mit leiser Stimme.

Die Versammlung zieht in einzelnen Gruppen von der Paulskirche zum Römerberg, eine Demonstration ist nicht erlaubt worden. Am Balkon des Frankfurter Rathauses wird ein Transparent mit den Worten „Nie wieder!“ angebracht. Der Oberbürgermeister dankt noch einmal allen, die gekommen sind, trotz der Corona-Pandemie. Es ist ein besonderer Gedenktag.

Es lohnt sich, den Tag des Kriegsendes* zu begehen. Auch als Erinnerung an das, was jetzt zu tun ist.

„Die erste Nacht in Freiheit war herrlich“: Die Frankfurter Holocaust-Überlebende* Edith Erbrich berichtet von ihrer Rettung aus dem KZ in Theresienstadt.

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Von Claus-Jürgen Göpfert

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