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Proteste der Eintracht-Fans gegen Hessens Innenminister Peter Beuth im März 2019.

Polizeigewalt

Polizeigewalt Eintracht-Stadion: Fan verklagt Land Hessen

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Der Mann fordert Schmerzensgeld wegen eines Lendenwirbelbruchs nach einem Polizeieinsatz. Die Verletzung belastet ihn bis heute.

Wegen eines Polizeieinsatzes im Vorfeld des Europa-League-Spiels Eintracht Frankfurt gegen Schachtjor Donezk muss sich das Land Hessen seit Montag vor Gericht verantworten. Ein Eintracht-Fan, der bei dem Einsatz im Februar dieses Jahres schwer verletzt worden war, klagt auf Schmerzensgeld. Er war von Polizisten über eine Bande geschubst worden und hatte beim Sturz einen Lendenwirbelbruch erlitten.

Der Vorfall hatte hohe Wellen geschlagen. Den Kläger hat das so mitgenommen, dass er seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. Der Informatiker schilderte aber zum Auftakt des Prozesses vor der 4. Zivilkammer des Landgerichts am Montag eindrücklich, wie schwerwiegend die Verletzung und wie weitreichend die Folgen für ihn sind: „Das Leben ist nicht mehr so, wie es davor war.“ Der Kläger, Mitte 30, war an dem Tag bei der Aufbaucrew für die geplante Choreo. Nachdem Eintracht-Präsident Peter Fischer sich im Vorfeld als Einpeitscher versucht und vorgegeben hatte, das Stadion müsse „brennen“, hatte die Polizei einen Vorbereitungsraum der Ultras nach Pyrotechnik durchsucht, aber nichts gefunden. Die Fans wollten das nicht auf sich sitzen lassen und witterten dahinter eine Maßnahme von Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU), einem Vorreiter im Kampf gegen Pyrotechnik im Stadion. Kurzerhand besprühten die Ultras ein Transparent mit der fragwürdigen Botschaft: „Beuth, der Ficker fickt zurück.“

Eintracht-Fan hatte schlimme Zeit in der Klinik

Der Kläger schildert nun, wie die Polizei auf das Transparent zunächst recht gelassen reagiert habe. „Wie aus dem Nichts“ sei dann aber eine behelmte Einheit aufgetaucht und habe „mit lautem Geschrei auf alles eingeprügelt“, um an das Banner zu kommen, was ihr auch gelang. Die Situation hatte sich schon wieder halbwegs beruhigt, als der Kläger versuchte, an dem Banner zu ziehen. „Ich habe gleich gemerkt, dass das blöd war“, gesteht er. Ein Polizist schubste ihn Richtung Werbebande. Vor dieser stand er, als zwei weitere Polizisten auf ihn zukamen und ihn so hart vor die Brust stießen, dass er in einem Purzelbaum rückwärts über die Bande flog. „Ich konnte nicht mehr aus eigener Kraft aufstehen“, erzählt er. Wie schwerwiegend die Verletzung war, konnte er da noch nicht ahnen. „Ich hatte eine sehr, sehr schlimme Zeit im Krankenhaus“, sagt der Informatiker. Nur langsam wurde es besser.

Er bekommt starke Schmerzmittel, die ihm Kreislaufprobleme und Herzrasen verursachen. Der Alltag wird zu einer Herausforderung. „Die ersten Monate war Sitzen überhaupt nicht möglich.“ Längeres Sitzen falle ihm heute noch schwer, er schlafe unruhig, habe Rückenprobleme.

Chancen auf Schmerzensgeld stehen gut

Nach der Aussage des Klägers schauen sich die Prozessbeteiligten ein Video an, auf dem der folgenreiche Schubser zu sehen ist. Das Land Hessen wird im Prozess von zwei Rechtsanwälten einer Frankfurter Kanzlei vertreten und lehnt die Zahlung eines Schmerzensgelds ab. Der Kläger habe „erheblichen Körpereinsatz gegen die Polizei ausgeübt“, sagt einer der Anwälte. Auf dem Video ist davon nichts zu sehen.

Die drei Polizisten, die den Kläger schubsten, machen von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Doch die Chancen des Fans auf Schmerzensgeld scheinen nicht schlecht zu stehen. Richter Florian Günthner sagte zumindest in einer ersten Einschätzung: „Das Schubsen über die Bande wird bislang vom beklagten Land nicht begründet.“ Der Prozess soll im Januar fortgesetzt werden. Bis dahin sollen auch endlich die Akten der Staatsanwaltschaft zu dem strafrechtlichen Verfahren beim Gericht eingetroffen sein.

Von Oliver Teutsch

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