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Die Ausstellung „Paulskirche - ein Denkmal unter Druck“ ist ab dem 7. September im Deutschen Architekturmuseum zu sehen. 

Paulskirche

Paulskirche - Frankfurt bekennt sich gegen rechts

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Die Zukunft der Paulskirche: Eine Architektur-Ausstellung über den kirchlichen Hort der Demokratie in Frankfurt blickt auf Historie wie Zukunft des Denkmals. 

Frankfurt - Auf schwarzem Grund wirken die gelben Schrifttafeln und schwarz-weißen Fotografien wie eingebrannt. Ein Gang durch die Geschichte eines Frankfurter Gebäudes, dessen Bedeutung und Zukunft gerade bundesweit diskutiert werden: die Paulskirche.

Am 25. Juni 1963, als US-Präsident John F. Kennedy in dem Kuppelbau am Rednerpult stand, nannte er ihn „die Wiege der deutschen Demokratie“. Das Foto dieses Auftritts wirkt nach beim Besuch der Ausstellung des Deutschen Architekturmuseum (DAM). Und noch ein anderes Bild: die Ruine des Gebäudes, ein ausgeglühtes Gerippe im Gegenlicht des Jahres 1945.

Paulskirche in Frankfurt: Ausstellung wird zum politischen Bekenntnis gegen die AfD

„Paulskirche – eine politische Architekturgeschichte“ haben die Kuratoren Maximilian Liesner und Philipp Sturm ihre Arbeit schlicht genannt. Doch die Gegenwart lädt den Rückblick zusätzlich auf. Nach den Erfolgen der rechtspopulistischen AfD bei den Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen macht Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) die Ausstellungseröffnung zum politischen Bekenntnis. Er spricht von einer „Phase, in der die Demokratie radikal infrage gestellt wird“.

„Paulskirche – Ein Denkmal unter Druck“ heißt die Ausstellung, die im Deutschen Architekturmuseum, Schaumainkai 43, in Frankfurt am Main vom 7. September bis zum 16. Februar 2020 zu sehen ist. Dieses Projekt erzählt die Baugeschichte der Paulskirche entlang der politischen und gesellschaftlichen Strömungen.

Die Öffnungszeiten sind dienstags sowie donnerstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr. Mittwochs ist das Haus von 10 bis 20 Uhr geöffnet.

Am 24. und 25. Dezember bleibt das Museum geschlossen. jg

Vor diesem Hintergrund positioniert der Sozialdemokrat seine Pläne, die Paulskirche zum nationalen Symbol für Redefreiheit und demokratische Grundrechte aufzuwerten. Ende des Jahres will er eine Kampagne mit „30 Frankfurter Jugendverbänden“ beginnen, fortan selbst einmal im Monat eine Schule besuchen und dort für diese Ideen werben. Der OB präsentiert noch einmal das „Demokratiezentrum“, das als Bauwerk neben der Kirche entstehen soll. Dort will er Veranstaltungen organisieren, „politische Bildung“ gegen rechts. Bald trifft Feldmann den hessischen Kultusminister Alexander Lorz (CDU), um mit ihm über die Einbeziehung der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung zu sprechen.

Am 15. September 2018 hatten die Globalisierungsgegner von Attac die Paulskirche aus Protest besetzt. Jetzt hat der Oberbürgermeister Attac für 2020 zu einer Veranstaltung im Kuppelbau eingeladen. Die Rechtspopulisten von AfD und BFF (Bürger für Frankfurt) werben derzeit für eine historische Rekonstruktion der Paulskirche in der Gestalt des 19. Jahrhunderts. Also mit prachtvoll geschmücktem Innenraum und umlaufender Empore.

Paulskirche in Frankfurt: Pflege des Denkmals soll Vorrang bekommen

Alle an diesem Morgen positionieren sich klar gegen diese Forderung. „Wir halten diese Position aus, aber wir teilen sie nicht“, sagt der Oberbürgermeister. „Wir plädieren stark dafür, nicht mit Rekonstruktion zu arbeiten, sondern das Denkmal zu pflegen“, erklärt Peter Cachola Schmal, Direktor des Deutschen Architekturmuseums (DAM).

Philip Kurz, Geschäftsführer der Wüstenrot-Stiftung, verdeutlicht, was eine Rekonstruktion der Gestalt des 19. Jahrhunderts mit sich brächte: „Das würde bedeuten, dass wir die Paulskirche bis auf die Grundmauern abreißen müssten.“ Auch DAM-Direktor Schmal betont: „Eine Wiederherstellung des 19. Jahrhunderts hieße die komplette Zerstörung von dem, was heute ist.“

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Die Wüstenrot-Stiftung sponsert die Ausstellung „wegen der nationalen Bedeutung“ der Paulskirche. Kurz geht mit dem Ist-Zustand hart ins Gericht: „Sie sieht ein bisschen schäbig aus, ihrer Bedeutung nicht angemessen.“ Eine Rekonstruktion, macht auch der Mit-Kurator der Ausstellung, Philipp Sturm, deutlich, würde den 1948 eröffneten Nachkriegsbau der Paulskirche „eliminieren“.

Bescheidenheit nach dem Nationalsozialismus

Der Kölner Architekturprofessor Rudolf Schwarz stand damals an der Spitze der „Planungsgemeinschaft Paulskirche“. Sie trat für einen bewusst bescheidenen Wiederaufbau* ein – er sollte den demokratischen Neuanfang nach den Jahren des Nationalsozialismus symbolisieren. Schon damals protestierten Traditionalisten wie der „Bund tätiger Altstadtfreunde“.

Erst auf die Nachfrage einer Journalistin verdeutlicht DAM-Chef Schmal: „Nicht jede Rekonstruktion ist rechtspopulistisch.“ Er erläutert die Aufgabe, die jenseits eines Demokratiezentrums beim Paulskirchen-Bau von 1948 ansteht: Er muss saniert werden.

Paulskirche in Frankfurt: Die Bauaufsicht lässt nur noch wenige Besucher zu

Schon gegenwärtig ist es so, dass die städtische Bauaufsicht wegen der problematischen Fluchtwege die zulässige Zahl der Besucherinnen und Besucher reduziert hat. Die Bestuhlung unter der Kuppel umfasst 970 Sitzplätze. Doch seit vergangenem Jahr sind bei den großen Ereignissen im Gebäude nur noch 660 Gäste zugelassen. Schmal fasst zusammen, was sonst noch erneuert werden muss: „Klima, Akustik. Licht.“ Die Statik der Kuppel, das haben Untersuchungen ergeben, ist noch tragfähig – sie muss nicht erneuert werden.

Im Jahr 2023 feiert die erste freigewählte deutsche Nationalversammlung, die 1848 in der Paulskirche zusammenkam, ihren 175. Geburtstag. Der Frankfurter Oberbürgermeister macht überraschenderweise deutlich, dass er bis dahin das angestrebte Demokratiezentrum noch nicht vollendet sieht.

Feldmann hofft aber zumindest auf einen „Konsens“ der Politik über die Pläne. Die Diskussion mit den Menschen „in Fabriken, Schulen und Fußballvereinen“ gehe vor.

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