Baraa Joubi (mit Brille) befüllt die braunen Pappbecher mit Reis und Gemüse für Drogenabhängige im La Strada.
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Baraa Joubi (mit Brille) befüllt die braunen Pappbecher mit Reis und Gemüse für Drogenabhängige im La Strada.

Engagement

Drogenhilfe in Frankfurt: Geflüchtete kochen für Bedürftige

  • Stefan Simon
    vonStefan Simon
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Die Drogenhilfeeinrichtung La Strada erhält täglich frisch zubereitete Gerichte von Ehrenamtlichen mit Fluchterfahung von dem Integrationsprojekt „Über den Tellerrand“.

Dayan wippt mit seinen Füßen von links nach rechts, während er vor dem Eingang der Drogenhilfeeinrichtung La Strada steht. Er hat sich kurz zuvor in einem der Konsumräume einen Schuss gesetzt – einen Cocktail aus Kokain und Heroin. Dayan will gleich wieder reingehen und sich einen braunen Pappbecher mit warmen Essen abholen. Doch er wartet noch. „Der Hunger kommt erst, wenn der Schuss wirkt“, sagt er.

Zwei Stunden zuvor stehen Baraa Joubi und Ammar Shanan in einer kleinen Küche in den Räumen der gemeinnützigen Organisation „Über den Tellerrand“ in Bockenheim. Dort kochen seit Ende März täglich Ehrenamtliche mit Fluchterfahrung für das La Strada. Die Drogenhilfeeinrichtung wird von der Aids-Hilfe betrieben und musste wegen Abstandsregeln den Betrieb stark einschränken. Die Konsumräume haben jedoch weiter geöffnet.

Das Netzwerk

Über den Tellerrand Frankfurt ist seit 2015 der erste von über 35 Standorten desdeutschlandweiten Netzwerkes der Organisation. Das in Berlin gegründete Netzwerk trägt dazu bei, dass die Integration in die Gesellschaft und soziale Teilhabe von Menschen mit Fluchterfahrung gelingt. „Über den Tellerrand“ wurde mehrfach für ihr Integrationskonzept ausgezeichnet. Mit ihren Kochveranstaltungen und gemeinsamen Aktivitäten ermöglichen sie die Begegnung und Austausch auf Augenhöhe zwischen Menschen mit und ohne Fluchterfahrung.

Noch mindestens zwei Wochen solle es mit der Essenslieferung so weitergehen, sagt Christine Schwake von der Deutschen Bank, die die Lebensmittel durch die CRS-Projekte der Bank finanziert. In Vor-Corona-Zeiten erhielt das La Strada die Lebensmittel von der Tafel. Doch die Hilfe sei weggebrochen, sagt Jürgen Klee, Leiter der Drogenhilfeeinrichtung. „Die Tafel erhält weniger Spenden, weil Restaurants dicht sind und viele Menschen Lebensmittel zu Hause hamstern“, sagt Klee. Dadurch sei eine große Versorgungslücke entstanden, zudem fehle es den Tafeln an ehrenamtlichen Helfern, die oftmals selbst zur Risikogruppe zählten. „Für unsere Klienten ist es wichtig zu wissen, wann die warmen Mahlzeiten täglich kommen. Dadurch wird ihnen eine Stabilität in dieser fragilen Umwelt gegeben“, erläutert Klee.

„Heute gibt es Reis mit mexikanischem Gemüse“, sagt Joubi. Die Auswahl der Gerichte sei international, von Ratatouille über Couscous mit Gemüse hin zu Chili con Carne. „Die Menschen im La Strada fragen täglich, was es am nächsten Tag zu Essen gibt“, freut sich der 33-jährige Syrer. Er ist ausgebildeter Koch und arbeitet normalerweise im Marriott-Hotel in Frankfurt. In Aleppo war er Inhaber von zwei Restaurants, hatte 40 Mitarbeiter und führte einen Cateringservice.

Joubi und Shanan sind vor fünf Jahren von Syrien nach Deutschland geflüchtet und haben hier sehr viel Hilfe erhalten. Nun wollen sie etwas zurückgeben. Shanan kommt auch aus Aleppo und ist eigentlich Schneider. Mittlerweile arbeitet der 45-Jährige bei dem Cateringunternehmen LSG Sky Chefs. Er rührt in einer großen Pfanne Hähnchengeschnetzeltes, während Joubi mit dem köchelnden Gemüse beschäftigt ist. Im Anschluss befüllen sie 50 braune Pappbecher, mit Hähnchen oder vegetarisch.

Zurück in der Drogenhilfeeinrichtung La Strada: Der Schuss scheint zu wirken. Dayan verschwindet in der Einrichtung und kommt kurz danach mit einer Portion Reis mit mexikanischem Gemüse zurück. Aber fleischlos, versteht sich. „Ich bin seit einem Jahr Vegetarier“, sagt er, verabschiedet sich und läuft in Richtung Hauptbahnhof.

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