An der Weseler Werft: Der Polizei reicht’s jetzt. 
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An der Weseler Werft: Der Polizei reicht’s jetzt.  

Proteste

Corona-Demos in Frankfurt: Für wen oder gegen was, bitte schön?

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
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Die samstäglichen Corona-Demos in Frankfurt bringen Verschwörungskritiker, Spaßvögel und Rechtsradikale zusammen.

  • In Frankfurt finden Corona*-Demonstrationen statt. 
  • Demonstriert wird gegen 5G, Impfungen, Maskenschutz, aber für Chemtrails
  • FR-Autor Stefan Behr schildert seine Eindrücke von der Corona-Demo in Frankfurt

Wer am Samstag durch die Stadt geht, den beschleicht das Gefühl, in die Dreharbeiten eines britischen Lustspiels geraten zu sein. Eine dunkle Bedrohung erhebt sich, es gärt im Volke und an allen Ecken köcheln Tumulte. Man weiß nur nicht so genau, ob da gerade die coronische Volksfront oder die Volksfront von Corona* demonstriert und für oder gegen was eigentlich.

Corona-Demos in Frankfurt: Den „Impfzwang abschaffen“

Die Grenzen sind da auch fließend. Vor der Alten Oper etwa wollen ein paar 5G-Mobilfunk-Renegaten und Hysterieskeptiker der interessierten Öffentlichkeit mitteilen, warum sie hier zu protestieren gedenken, aber keiner kann sie hören. Gegendemonstranten in pinkfarbenen Einhornkostümen rühren die Trommel, Unkostümierte skandieren „Verpisst Euch!“. Auch die Spaßvögel von „Die Partei“ haben sich unter das Volk gemischt und wollen laut Lügentransparent den „Impfzwang abschaffen“. Eine echte Impfgegnerin mit handgemaltem Schild geht ihnen auf den Leim. „Wir wollen die guten alten Chemtrails wiederhaben“, erklärt ein „Partei“-Mitglied der immer skeptischer dreinblickenderen Impfskeptikerin. 

Corona in Frankfurt: „Ich weiß nicht, ob die das ernst meinen“

Zu den Chemtrails habe sie keine Meinung, sagt die Frau, aber beim Impfzwang stünde man ja Seit’ an Seit’. So sei es, bestätigt ihr Gesprächspartner, um sich einem weiteren Demonstranten zuzuwenden, den er per Scanner kostenlos und unverbindlich auf „Verchipung“ testet. Der Scanner piepst fünf Mal. „5G!“, lobt der „Partei“-Bonze, „Glückwunsch! Sie sind ausreichend gechipt und von der nächsten Zwangsimpfung befreit.“ Zur Bestätigung gibt es eine Urkunde. „Ich weiß nicht, ob die das ernst meinen“, raunt die Impffeindin ihrem Begleiter zu.

An der Weseler Werft: Der Polizei reicht’s jetzt.

Genau das ist das Problem. An der Weseler Werft empfängt eine Demonstrantin die Besucher mit einem Schild, das sofortige „Freiheit für die Gefangenen in den Seniorenheimen“ fordert. Die gratis verteilte „Express-Zeitung“ informiert über alles, was die Systemmedien verschweigen und Bill Gates nicht hören mag. Einige Teilnehmer tragen Masken mit aufgemalten Botschaften wie „Sklave“ oder „DDR-2.0-Maulkorb“, andere Pappnasen, manche ein originalverpacktes Grundgesetz vor sich her, die meisten gar nichts. Zumindest obenrum.

Corona in Frankfurt: Die meisten tragen Gesichtsschutz 

Organisator Hajo Köhn bittet die Demonstranten, Gesichtsschutz anzulegen. Nicht allen gefällt das, aber die meisten können ihm folgen. Köhn präsentiert sich als angenehm unaufgeregter, nicht unsympathischer Demo-Conférencier, der auch ohne abgedroschenes Vokabular auskommt. Ohne den Begriff „Lügenpresse“ auch nur zu streifen, lobt er die sachliche Berichterstattung der FAZ, ist „wirklich erschüttert“ über die Hetzartikel der FR und wirkt auch ansonsten wie einer, der noch alle Tassen im Schrank hat.

Damit mag er hier und jetzt nicht alleine, aber auch nicht zwingend in der absoluten Mehrheit sein. Im Publikum stehen neben Familien mit Kinderwagen auch per T-Shirt identifizierbare Anhänger der kinderfresserkritischen „Q“-Bewegung aus den USA, die man getrost den Extremverschwörungstheoretikern zurechnen darf.

Polizei geht gegen Maskenmuffel vor

Nach Hajo Köhn hält Wolfgang Schürer, der sich als Vertreter der „Offenbacher Freidenker“ vorstellt, eine Rede mit bemerkenswert wenig Höhepunkten. Bis vielleicht auf diesen: Jedem gesund denkenden Menschen, denkt Schürer, müsse doch klar sein, dass vor der Zahl Fünf die Vier stünde – und nicht etwa die Drei oder gar die Zwei. Ebenso wie auf die Zahl Vier zwingend Numero Fünf folge und nicht die Sechs, geschweige denn die Sieben. Die Acht scheide völlig aus. Die Mehrheit der Anwesenden teilt die These des Offenbacher Freidenkers.

Zur Auflockerung der langen Rede teilt die Polizei per Lautsprecher mit, dass sie jetzt die Schnauze voll von den Maskenmuffeln habe und ab sofort das Tragen eines blanken Gesichts „mit Ordnungswidrigkeiten ahnden“ werde. Das ist vielleicht eine etwas sportliche Ansage, aber kurz darauf führen Polizisten unter den Protestrufen der Umstehenden einen unmaskierten Mann ab. „Dann bringt mich doch in die Gaskammer!“, brüllt der Mann, streckt die Arme seitwärts und beschwört die „Liebe Gottes“. Die Polizei wird im Lauf der Demo noch mindestens zwei weitere Männer abführen, einen maskierten und einen unmaskierten, aber die schweigen sich wenigstens über Jehova aus.

Was die Demonstranten an der Weseler Werft wohl nicht nur an diesem Samstag eint, ist ihr kritischer Blick auf die Corona-Verordnungen. Und weitgehend einig dürften sie auch mit der Vorstellung Hajo Köhns sein, der zu Beginn der Veranstaltung für eine „schwedische Lösung“ plädiert. Doch während die einen den Eindruck machen, bei der „schwedischen Lösung“ an den aktuellen liberalen Umgang der Skandinavier mit der Seuche zu denken, sehen andere so aus, als wären sie gedanklich mittenmang im Dreißigjährigen Krieg.

Von Stefan Behr 

Fast hätte sich unser Kolumnist auf den Weg zu einer Anti-Hygiene-Demo in die Frankfurter Innenstadt* gemacht. Doch dann gehen ihm eine ganze Reihe guter Fragen durch den Kopf.

*fr.de ist Teil des bundeweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks. 

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