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Oberbürgermeister Peter Feldmann ist einer der Redner bei der AWO-Jubiläumsfeier.

Paulskirche

Anstoßen auf die „AWO-Familie“ - trotz Ermittlungen der Staatsanwaltschaft

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Der Festakt zur Gründung des Wohlfahrtsverbands vor hundert Jahren ignoriert die aktuellen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen Verdachts auf Betrug und Untreue.

Im Mittelpunkt stand am Samstagnachmittag in der Paulskirche eine Frau: Marie Juchacz. Vor 100 Jahren hatte die SPD-Politikerin und Vorkämpferin für Frauenrechte die Arbeiterwohlfahrt, kurz AWO, gegründet. Zu einem Festakt waren rund 400 Gäste in den Rundbau gekommen, um auf dieses Jubiläum anzustoßen.

Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) berichtete, dass erst kürzlich ein Platz im Riederwald nach der „lernbegierigen Schneiderin“ benannt worden sei, die 1879 in Landsberg geboren und 1956 in Düsseldorf gestorben war. Feldmann nannte als Beispiel für ihren Wissensdurst die vielen Sprachen, die Juchacz gelernt habe. Dabei sei es nicht geblieben. Die spätere Sozialreformerin habe sich mit ihren Mitstreiterinnen einmischen wollen. „Wenn Frauen sich einmal organisieren, ändert sich die Welt“, sagte Feldmann in seiner Ansprache.

AWO in Frankfurt: Ermittlungen nicht thematisiert

Die 335.000 Mitglieder bundesweit sowie Haupt- und Ehrenamtliche des Wohlfahrtsverbands bezeichnete Feldmann als „Weltverbesserer“. Er sagte: „Es sind diejenigen, die glauben, sie müssten heute noch die Welt retten“. Und dies sei „doch eigentlich nichts Schlechtes“. In Frankfurt habe die AWO mit dafür gesorgt, dass Kinder kostenfrei die öffentlichen Schwimmbäder nutzen könnten und wirke daran mit, dass dies künftig ebenfalls für den Zoo und Museen gelten solle. Neben Kindern, Menschen mit Beeinträchtigungen und Senioren habe die AWO „vor einigen Jahren auch Geflüchtete in den Mittelpunkt gerückt“, so der Oberbürgermeister.

Zu den staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen wegen des Verdachts auf Betrug und Untreue gegen Verantwortliche des Frankfurter AWO-Kreisverbands, die vor kurzem bekannt wurden, äußerte sich am Samstag keiner der geladenen Rednerinnen und Rednern direkt. OB Feldmann sagte lediglich: „Es wird immer mal wieder diskutiert, ob sie das alles so richtig macht“.

AWO in Frankfurt: Frauenrechte und Armutsbekämpfung - „es gibt noch viel zu tun“

Anne Janz (Grüne), Staatssekretärin des hessischen Sozialministeriums, sagte in ihrer Rede: „Die AWO ist eine Stütze für sozialen Kit“. Es gebe jedoch noch viel zu tun. „Insbesondere Frauenrechte und Armutsbekämpfung verbinden die AWO mit der hessischen Sozialpolitik“, berichtete Janz. Bei der Bezahlung von Frauen und den damit verbundenen Rentenansprüchen sowie bei der „gläsernen Decke, die bei Führungspositionen wirkt“, müsse weiter für Gleichberechtigung gestritten werden. Der Wohlfahrtsverband sei dabei ein „verlässlicher Partner an unserer Seite“, ergänzte die Staatssekretärin. Landtagsvizepräsidentin Heike Hofmann (SPD) hob die rund 66 000 Ehrenamtlichen hervor, die sie als „Seele der AWO“ bezeichnete. In Bezug auf die Gründerin sagte sie, Juchaczs Ziel sei es gewesen, „Not nicht nur zu lindern, sondern auch gesellschaftspolitische Veränderungen herbeizuführen“.

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AWO in Frankfurt: Jost sorgt für ein Schmunzeln

Für Schmunzeln im Publikum sorgte der Vorsitzende des Bezirks Hessen-Süd, Wilhelm Jost, als er davon sprach, dass „sie die Mutter ist, aus der wir entstanden sind“, was so klang, als hätte er damit die frisch gewählte Vorsitzende der hessischen SPD, Nancy Faeser, gemeint. Er korrigierte sich und sagte: „Wir stammen aus der SPD, darüber sind wir uns klar“.

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Faeser, die daraufhin sprach, bezeichnete Marie Juchacz als „eine der bedeutendsten Frauen“ und erinnerte daran, dass Juchacz noch zwei Jahre vor Gründung der AWO die erste Frau im Bundesvorstand der SPD gewesen sei. Dabei sei der von ihr gegründete Wohlfahrtsverband immer „parteiunabhängig“ gewesen und gleichzeitig mit der sozialdemokratischen Partei „untrennbar verbunden“.

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