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Frankfurt: Am Grab des vergessenen Stifters

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Von: Steven Micksch

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Emma M. Ceren ehrt das Andenken Franz-Anton Gerings.
Emma M. Ceren ehrt das Andenken Franz-Anton Gerings. © Monika Müller

Die Frankfurter Aktivistin Emma M. Ceren setzt sich für das Gedenken an Franz-Anton Gering ein. Der einstige Stadtverordnete hilft mit seiner Stiftung Frauen, die Wohnraum benötigen.

Fast mutterseelenallein ist Emma M. Ceren an der Westmauer des Frankfurter Hauptfriedhofs. Sie steht auf der Wiese in der Nähe eines großen Baumes, abseits der üblichen Gräber. „Hier ist er begraben“, sagt sie und zeigt auf den Boden vor der Mauer. Nichts erinnert hier an eine Grabstätte, es gibt keine Einfassung, keinen Grabstein. Nur ein Bilderrahmen mit einem Stück farbigem Papier darin auf dem der Name Franz-Anton-Gering steht. Den Rahmen hat Ceren aufgehangen, ebenso einen Kranz zur Weihnachtszeit. Diesmal – kurz vor dem Todestag des vor mehr als 120 Jahren verstorbenen Mannes – hat sie Blumen dabei. Ceren findet es furchtbar, dass nichts an ihn erinnert, sie selbst versucht sein Gedenken zu bewahren.

Denn die Frankfurter Aktivistin und Künstlerin wohnt in der Böttgerstraße, dort hat die Franz-Anton-Gering-Stiftung erschwinglichen Wohnraum für bedürftige Frauen ab 60 Jahren geschaffen. An der Fassade des Wohnhauses erinnert ein Schild an den Stifter: Er war Wundarzt und Stadtverordneter, geboren am 16. Mai 1821, gestorben am 3. April 1901.

In den Dokumenten des Stadtarchivs finden sich Informationen zu den Ursprüngen der Stiftung. Über Gering selbst ist nur schwer etwas zu erfahren. Laut Sterberegister ist er in Hargesheim bei Bad Kreuznach in Rheinland-Pfalz geboren. Er hatte laut Unterlagen mindestens einen Bruder, war in Frankfurt verheiratet, aber hatte keine Kinder. Er hatte eine Pflegetochter mit Namen Anna Gerth. Und er hinterließ ein Vermögen von 100 000 bis 110 000 Mark. Gering wohnte im hohen Alter in der Eckenheimer Landstraße 11. Er wird in den Unterlagen als „ein sehr auf das Gemeinwohl bedachter Frankfurter Bürger“ beschrieben.

Das verdeutlicht auch sein Wunsch, dass sein Vermögen nach seinem Tod zur Errichtung von Häusern für alleinstehende, unverheiratete, unbescholtene und vornehmlich verwaiste Mädchen genutzt werden sollte. Gering wünschte sich eine Anstalt „Sophienheim“, die diesen Zweck erfüllen sollte. 1905 wurde damit begonnen, die Häuser in der Böttgerstraße zu errichten. Die Stiftung war zu jener Zeit selbstständig und wurde von einem fünfköpfigen Stiftungsvorstand verwaltet. Dieser setzte sich aus einem Bürger, einem Stadtverordneten, einem Mitglied der Polytechnischen Gesellschaft und des St. Katharinen- und Weißfrauenstifts sowie dem Vorsitzenden des Gemeindewaisenrats zusammen.

Ein Bruch dieser Tradition erfolgte 1943, als die Stadt, auch in Person von Oberbürgermeister Friedrich Krebs, die Stiftungssatzung neufasste. Die zuvor bürgerlich geführte Stiftung wurde unselbstständig und sollte künftig vom Fürsorgeamt verwaltet werden.

Sie sollte nun alleinstehenden, unbescholtenen und „bedürftigen, deutschen Volksgenossinnen“ erschwinglichen Wohnraum bieten. Große Teile der ursprünglichen, von Gering verfassten Satzung wurden als „unwesentliche Bestimmungen“ abgetan und gestrichen. Damit starb auch das Gedenken an Gering, welches er explizit gewünscht hatte. Einmal pro Jahr sollte am Geburtstag seiner Frau (1. Mai) und an seinem eigenen eine Gedächtnisfeier von den Bewohnerinnen veranstaltet werden.

„Das Gedenken an Gering gibt es heute gar nicht mehr“, erzählt Ceren. Einmal habe sie bei einer Feierlichkeit der bedürftigen Stiftsfrauen ihr Glas auf den Gründer erhoben und nur irritierte Blicke und Kopfschütteln geerntet. „Dabei verdanken wir dem Mann so viel.“

Dass die Stiftung in den 40er Jahren dem Bürgertum von den Nazis entrissen wurde, hält sie für einen Skandal. Auch die Stadt ehre Gerings Andenken nicht. In den Dokumenten des Stadtarchivs findet sich folgende Passage: „Dies sei ebenfalls ein Beweis von hohem edlem Bürgersinn, über welchen man gewiss allseits höchst erfreut und dankbar sein werde.“ Man muss wohl eine stille Dankbarkeit annehmen.

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