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Was aussieht wie alltägliches Besteck, wurde speziell für an Tremor Erkrankte entwickelt.

Ausstellung

Frankfurt: Im Altersanzug selbst den Muskelabbau spüren

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Eine Ausstellung lässt Besucher am eigenen Körper erfahren, wie wichtig Barrierefreiheit für beeinträchtigte Menschen ist.

Tritt mich, wenn du Füße hast, steht auf einem Zettel, der neben einem kleinen gelben Mülleimer hängt. Anspielungen wie diese machen die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung „Hallo Freiheit! Zusammen über Barrieren“ aufmerksam auf oft unbemerkte Hürden im Alltag. Das können so viele sein: vom Spiegel der zu hoch hängt, bis zur Dose Mais, die sich für einen Blinden nicht von einer anderen Dose unterscheiden lässt,

Die Ausstellung hat der Sozialverband Hessen-Thüringen zusammen mit der Frankfurter Stiftung für Gehörlose sowie der University of Applied Sciences konzipiert. Gemeinsam wollen sie auf vermeidbare Barrieren aufmerksam machen und Besucherinnen und Besucher für die Thematik sensibilisieren.

Laut des Statistischen Bundesamts betrug die Zahl der als schwerbehindert geltenden Menschen Ende 2017 rund acht Millionen. „Das spiegelt aber nicht die Menschen wider, die von Barrierefreiheit profitieren“, sagt Pflegewirtin Katinka Götz von der VDK. Deswegen habe man sich hier darauf geeinigt, von Menschen mit Beeinträchtigung zu sprechen. „Es gibt Zahlen von fast 17 Millionen Betroffenen in Deutschland, wenn man von Menschen mit Beeinträchtigung spricht“, sagt sie. Behinderung sei ein sozial konstruiert Begriff. „Die Menschen, die es betrifft, sind nicht behindert durch ihre Krankheit, sondern werden es durch ihre Umgebung, die nicht barrierefrei ist“, sagt Götz. Interessierte, die in die Ausstellung kommen, haben hier die Möglichkeit, die verschiedensten Beeinträchtigungen am eigenen Körper hautnah zu erfahren. Der Ausstellungsraum ist einer Wohnung nachempfunden, die zeigt, wie alltägliche Barrieren genommen werden können.

Roboter auf Rädern

Zum Beispiel gibt es verschiedene Brillen, die unterschiedliche Augenerkrankungen simulieren. Ein gerontologischer Trainingsanzug, genannt Gert, kann den Muskelabbau im Alter erfahrbar machen, „Im Alter versteift doch einiges“, sagt Götz. Auch spezielles Geschirr und Besteck lässt sich in der barrierefreien Küche entdecken, etwa eine metallbeschwerte Gabel für Parkinson-Erkrankte, Das ergonomische Besteck unterstützt die Betroffenen, es besser halten zu können.

Oft seien es Kleinigkeiten, die den Alltag von Betroffenen erschweren. Ein Feuermelder, der nicht barrierefrei gestaltet ist, kann für eine gehörlose Person zu einer tödlichen Falle werden. In solchen Fällen werde auf das Zwei- Sinne-Prinzip Akustik und Licht zurückgegriffen. „Licht nützt den Menschen aber da, wo sie schlafen natürlich nichts“, sagt Götz. Dafür gibt es ebenfalls eine Lösung: Ein Kissen mit Vibration schafft Abhilfe.

Auch modernste Technik findet sich in der virtuellen Wohnung. Etwa ein Pflegebett, welches das Aufstehen erleichtert, oder ein fahrbarer Roboter. „Der Telepräsenzroboter ist ein bisschen wie Skype auf Rädern“, erklärt Götz. So könnte sich mobil mit Angehörigen telefonieren lassen. Oder Schülerinnen und Schülern, die zum Beispiel auf eine Dialyse angewiesen sind, die Teilhabe am Unterricht ermöglicht werden.

„Viele der Ausstellungstücke finden erst langsam Verbreitung in Deutschland, sagt Götz. Obwohl es sie teilweise schon sehr lange gibt, habe selbst sie viele noch nie in der Praxis erlebt. Es brauche viel Zeit, bis solche Dinge Akzeptanz finden und so günstig sind, dass sie auch angeschafft werden können. Die Krankenkassen übernehmen meist nur einen geringen Teil der Kosten. „Technisch gib es fast für jedes Problem eine Lösung. Man muss es nur bezahlen können“, sagt Götz.

Infos zu Barrierefreiheit in den Bereichen Wohnen, Bildung und Arbeit sowie im Inklusionssport gibt es in der Datenbank an ehrenamtlichen Kontaktadressen barrierefrei-leben.org

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