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Frankfurt: Alternativen zur Behindertenwerkstatt

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Menschen mit Behinderung haben es auf dem Arbeitsmarkt nach wie vor schwer. Stefan Puchner/dpa
Menschen mit Behinderung haben es auf dem Arbeitsmarkt nach wie vor schwer. Stefan Puchner/dpa © Stefan Puchner/dpa

Vereine beraten Betroffene beim Übergang von der Schule ins Berufsleben

Diversity ist in aller Munde, insbesondere Unternehmen bezeichnen sich gerne als inklusiv. Alle könnten von mehr Inklusion in ihrem (Arbeits-)Alltag profitieren, denn allein in Frankfurt lebten 2020 über 60 000 Menschen mit Schwerbehinderung. Eine andere berufliche Tätigkeit als die in einer Behindertenwerkstatt ist für sie aber immer noch eher die Ausnahme.

Jorinde Gessner ist Gründerin und Vorständin des Vereins „Gemeinsam Leben Frankfurt“ und erzählt von ihrem Sohn, der bald seinen Schulabschluss mache und nun vor der Frage stehe, was er beruflich machen könne. „Es gibt für meinen Sohn kaum Angebote. Es fühlt sich so an, als gäbe es nur die Option Werkstatt. Dann sehe ich Gleichaltrige, denen nach ihrem Abschluss die Welt offensteht. Und für ihn verengt sich die Welt.“

Der Verein berät Menschen mit Behinderung kostenlos zu allen Fragen der Inklusion. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der schulischen Inklusion und auf dem Übergang von der Schule zur Arbeitswelt. Eines der Angebote ist „Arbeit inklusive“, mit dem er Menschen dabei unterstützen will, eine Alternative zur Arbeit in einer Werkstatt zu finden. Dafür arbeitet er mit individueller Förderung und unterstützt bei der Praktikumsakquise auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Werkstätten scheinen als Arbeitsplatz für Menschen mit Behinderung oft als eine sichere Option – wenn jemand in einer Werkstatt ist, kann er nicht arbeitslos werden, ist voll sozialversichert, kann auch Praktika machen.

Beratung

Gemeinsam leben Frankfurt e.V. unterstützt Menschen mit Behinderung dabei, ihren Berufswunsch auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt umzusetzen. Sie begleiten und beraten Betriebe auch beim Antrag auf finanzielle Fördermittel. Mehr Infos: www.gemeinsamleben-frankfurt.de

Die Projektgruppe des Personalforums Inklusion „Personal.Fachkräfte.Diversity“ veröffentlicht bald eine Broschüre für Unternehmen rund um den Einstieg in die Inklusion.

Die barrierefreie Broschüre finden Sie dann zum Download unter www.personalforum-inklusion.de “

Kein Mindestlohn

Dennoch sieht Agnes Lell-Sieben von der Projektleitung sie kritisch. Einerseits könne eine Werkstatt ein Schonraum sein, der für viele Menschen mit Behinderung notwendig sei. Aber die eigentliche Frage sei, warum er notwendig sei. „Das Grundproblem ist ja, dass es dieses duale System, diese Abgrenzung zwischen Menschen mit und ohne Behinderung gibt. Solange es das gibt, werden sich Menschen mit Behinderung nie in der Mitte der Gesellschaft befinden“, sagt sie. „Außerdem haben die Werkstätten eigentlich den Auftrag, Menschen mit Behinderung auf den Arbeitsmarkt zu vermitteln – das passiert aber nur bei circa ein Prozent der Beschäftigten.“ In Werkstätten gibt es keinen Mindestlohn – das Durchschnittsgehalt liege bei einer Fünftagewoche oft bei ungefähr 200 Euro im Monat. Für viele Unternehmen bleibt es so attraktiver, bestimmte Aufgaben wie etwa das Verpacken von Paketen möglichst kostengünstig an eine Behindertenwerkstatt auszusourcen.

Diese Erfahrung teilt auch Frau von Winning, die als Geschäftsführerin von „Lust auf Besser Leben gGmbh“ Unternehmen zum Thema Inklusion berät: „Im freien Markt wird strukturell kein Anreiz gegeben, wirklich geeignete Stellen zu schaffen.“ Dabei habe das Thema Inklusion am Arbeitsplatz viele Vorteile. „Manche Firmen sind überrascht, wenn sie hören, wie einfach es auch gehen kann, wenn alle an einem Strang ziehen.“

Christian Drosdeck, der das Projekt „Arbeit inklusive“ leitet, sagt, dass vor allem kleinere Unternehmen oft sehr aufgeschlossen seien. Eine Schwierigkeit könne aber sein, sich als Laie in die Fördermöglichkeiten einzuarbeiten. Da gebe es unglaublich viele, vom Finanziellen bis zur Arbeitsplatzausstattung. Dafür bietet der Verein Beratungen besonders für Firmen an, die vielleicht Praktika anbieten wollen. Bei denen gehe es vor allem darum, sich gegenseitig erst mal kennenzulernen.

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