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Frankfurt: Als Jüdin und Jude nicht geduldet

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Von: Anja Laud

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Mitglieder Mitte der 30er unterwegs zur Einweihung des neuen Sektionsheims in Oberreifenberg im Taunus.
Mitglieder Mitte der 30er unterwegs zur Einweihung des neuen Sektionsheims in Oberreifenberg im Taunus. © Archiv der Sektion Frankfurt

Die Frankfurter Sektion des Deutschen Alpenvereins erforscht ein dunkles Kapitel des Vereinsgeschichte.

Anfang der 1930er Jahre sorgte Mathilde Maier dafür, dass Arbeitslose in Frankfurt ein warmes Essen bekamen. Die Jüdin, eine Nachfahrin von Seckel Löb Wormser, dem „Wunderrabbi von Michelstadt“, war Vorsitzende des Trägervereins der Erwerbslosenküchen. Ihre Mildtätigkeit schützte sie nach der Machtergreifung Adolf Hitlers nicht vor Ausgrenzung und Verfolgung. Ihr Schicksal und das anderer im Dritten Reich verfolgter Mitglieder erforscht eine Projektgruppe der Frankfurter Sektion des Deutschen Alpenvereins (DAV). Erste Ergebnisse liegen jetzt vor.

Mathilde Maier liebte es, an Sonntagen Wanderungen in den Vogelsberg oder Odenwald zu machen. Sie überlebte, weil ihr die Flucht nach Brasilien gelang. „Sie war eine spannende Frau und tief in der Frankfurter Jüdischen Gemeinde verankert. Es gibt ein Foto von ihr und dem Vater von Anne Frank“, sagt Jens Hoppe, der der sechsköpfigen Projektgruppe „Spurensuche Nationalsozialismus“ angehört. Maier, eine promovierte Chemikerin, war eine von etwa 120 Jüdinnen und Juden, die im Januar 1933, als Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde, wohl Mitglieder in der Sektion waren.

Die Spurensuche nach ihnen erwies sich für die Projektgruppe als schwierig. Viele Dokumente der Sektion waren bei den Fliegerangriffen auf Frankfurt gegen Ende des Zweiten Weltkriegs vernichtet worden. So musste sie auf ein Mitgliederverzeichnis aus dem Jahr 1925 zurückgreifen. Die in ihr enthaltenen Namen glich Heike Drummer vom Jüdischen Museum Frankfurt mit der dortigen Datenbank Frankfurter Holocaust-Opfer ab. „Etwa 50 Personen konnten so identifiziert werden“, sagt Ursula Rüssmann, die die Spurensuche in der Sektion nach dem 150-jährigen Vereinsjubiläum 2019 initiierte. „Die Online-Dokumentation der Projektgruppe ist eine ideale Ergänzung unserer mehrbändigen Sektionschronik, die gerade entsteht“, sagt Sektionsvorsitzender Daniel Sterner.

Mathilde Maier in Rolandia, Brasilien.
Mathilde Maier in Rolandia, Brasilien. © Initiative Stolpersteine Frankfurt

Wie der damalige Sektionsvorstand, der sich nach der von den Nationalsozialisten forcierten Gleichschaltung der Sportvereine 1933 neu formierte, mit jüdischen Mitgliedern umging, ist bisher nur in einem Fall schriftlich belegt. Ernst Meissinger, nach der Nazi-Ideologie ein „Mischling ersten Grades“, wollte sich nicht aus der Sektion drängen lassen. Der damalige „Sektionsführer“ Rudolf Seng, der seit April 1933 NSDAP-Mitglied war, schrieb am 9. Juli 1935 an den Verwaltungsausschuss: „Auf Ihr Schreiben (...) teile ich Ihnen mit, dass ich Herrn Meissinger durch einen seiner Freunde habe auffordern lassen, seinen Austritt aus der Sektion zu erklären. Nachdem er dieses abgelehnt hatte, habe ich ihn mit Schreiben vom 26. Juni aus der Sektion ausgeschlossen.“ Damit ging Seng sogar über die damals gültigen „Arierbestimmungen“ im Alpenverein hinaus, die den Ausschluss sogenannter „Mischlinge“ nicht zuließen.

Alpenverein

Die Forschungsergebnisse des Arbeitskreises der Frankfurter Sektion des Deutschen Alpenvereins finden sich über folgenden Link: spurensuche.dav-frankfurt-main.de

Wer Fotos oder Informationen zu jüdischen Mitgliedern der Frankfurter DAV-Sektion hat, kann sich unter folgende E-Mail-Adresse beim Arbeitskreis melden: spurensuche @dav-frankfurtmain.de lad

Schon 1933 hatten viele jüdische Mitglieder die Sektion verlassen, wie aus dem damaligen „Nachrichten-Blatt“ der Sektion hervorgeht. Ob sie, ähnlich wie Meissinger, aus der Sektion formal ausgeschlossen wurden, Aufforderungen nachkamen, den Verein „freiwillig“ zu verlassen oder nach dessen Neuausrichtung auf das „Führerprinzip“ austraten, weil sie dort für sich keine Gemeinschaft mehr sahen, hat die „Spurensuche“-Projektgruppe im Einzelfall bisher nicht herausfinden können. Jedenfalls bedeutete das Jahr 1933 eine Zäsur für den Frankfurter Verein, der bis 1933 offen und liberal gewesen war. Anders als andere Alpenvereins-Sektionen führten die Frankfurter den „Arierparagraphen“ erst 1933/34 ein.

Der Einschnitt traf auch den Frankfurter Arzt Arthur Kutz, seit 1901 Sektionsmitglied und lange im Vorstand. Er gab 1933 sein Amt wohl auf Drängen der Sektionsführung auf, die davon ausging, dass der Verein von den Nationalsozialisten nicht behelligt werde, wenn der Vorstand „judenrein“ sei. Neben den Verfolgten hat die Projektgruppe auch die Biografien von Funktionären wie Seng erforscht, der den Verein auf NS-Linie brachte. Dieser starb am 26. März 1945, als die Alliierten in Sachsenhausen einrückten. Nach seiner Sterbeurkunde wurde er erschossen.

Kontakt zu Nachfahren

Die Beleuchtung der dunkelsten Kapitel in der Vereinsgeschichte erlebt Armin Prass, auch er ein Mitglied der Projektgruppe, als eine Bereicherung. „Ich habe viel über die Stadtgeschichte und die Geschichte der Jüdischen Gemeinde erfahren“, sagt er. Er verweist als Beispiel auf Eugen Cahen-Brach, der zusammen mit seiner Frau im Konzentrationslager Theresienstadt starb. Der Kinderarzt, Mitglied in der Sektion seit 1893, engagierte sich für die Armenklinik und die Säuglingsfürsorge in der Stadt und leitete bis 1922 das Dr. Christ’sche Kinderhospital, aus dem sich das heutige Clementine Kinderhospital entwickelte.

Die Projektgruppe hat Kontakt zu Nachfahren der Verfolgten aufgenommen, beispielsweise zum Enkel von Eugen Cahen-Brach und zu einer Nichte von Ernst Meissinger, der von den Nazis zum Kampf an der Front gezwungen wurde und 1940 in Frankreich fiel.

Alle Mitglieder der Projektgruppe sind sich einig: Sie wollen mit den Recherchen zur Geschichte der Sektion im Dritten Reich weitermachen. Sie hoffen, sich dazu mit anderen Frankfurter Vereinen vernetzen zu können, denn einige der verfolgten Mitglieder waren vermutlich in mehr als einem Club aktiv.

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