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Frankfurt: Als es im Treffpunkt „Pressestübchen“ hoch her ging

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Rosen zum Abschied für Jutta W. Thomasius.
Rosen zum Abschied für Jutta W. Thomasius. © Georg Kumpfmüller

Mit dem Zeitungsviertel im Frankfurter Stadtteil Gallus sind Erinnerungen an viele besondere Menschen und Orte verbunden.

Elegant wirkte er stets in seinen dunkelblauen Anzügen, distinguiert, zurückhaltend. Er war ein liberaler Förderer zahlreicher Kulturinstitutionen und zugleich über Jahrzehnte der einflussreichste und mächtigste Verleger im Frankfurter Zeitungsviertel: Hans-Wolfgang Pfeifer, von 1972 an lange Zeit Geschäftsführer, dann Aufsichtsratsvorsitzender der FAZ-Gruppe. Wenn man ihn besuchte im Bürolabyrinth der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, pflegte er stolz die jüngste der Zeichnungen des FR-Karikaturisten Felix Mussil zu zeigen, die seine Sammlung bereicherte. Pfeifer liebte Mussil, „weil er nicht boshaft ist“. Er duzte sich mit Karl Gerold, dem Verleger und Chefredakteur der Frankfurter Rundschau. „Lagerdenken ist mir völlig fremd“: Dieser Satz von ihm bleibt in Erinnerung, weil er zutraf.

Er hatte beim Weilburger Tagblatt als junger Mann Journalismus von Grund auf gelernt, haderte mit politischen Kampagnen in diesem Beruf, die freilich gerade der FAZ nicht fremd waren. Im Alter von nur 71 Jahren verlor Pfeifer 2002 seinen Kampf gegen eine tückische Krankheit. Das strikte Gegenteil von Pfeifer war Werner Wirthle, lange Verleger der Frankfurter Neuen Presse (FNP) bis 1991, als er mit weit über 80 Jahren von seinem Amt zurücktrat. Ein strenger Konservativer. Gefürchtet in der FNP für seine lauten Wutausbrüche, die auch die Redaktion trafen, wenn sich etwas in die Zeitung verirrt hatte, was Wirthle nicht gefiel. Das konnte etwa eine mäßige Kritik für eine Sängerin sein, die der Verleger besonders schätzte. Auch mit streikenden Mitarbeitern stand der Mann aus Blaubeuren im Alb-Donau-Kreis auf dem Kriegsfuß: Einmal wollte er mit dem Schirm auf sie losgehen.

Wichtige Journalisten und Journalistinnen haben im Zeitungsviertel gearbeitet; einige wirkten über Deutschland hinaus. Eine Frau war über Jahrzehnte hinweg die Chronistin ihrer Stadt, mehr als nur eine Gesellschaftsreporterin: Jutta W. Thomasius. Sie starb 2019 im Alter von 96 Jahren. 1953 war sie zur Frankfurter Neuen Presse gekommen. JWT schrieb über Mode und Kunst, über die Stadtgesellschaft in all ihren Ausprägungen. Doch sie war auch die Erste, die den später als Milliardenbetrüger enttarnten Baulöwen Jürgen Schneider kritisierte. Als ihr männliches Pendant bei der FNP wirkte Wendelin Leweke, der Frankfurt mit zahlreichen Büchern ein Denkmal setzte, sein bekanntestes: „Hibb un dribb de Bach“ (1980). Jutta trat stets mit zwei weißen Zwergpudeln auf, sechzehn Tiere begleiteten sie im Laufe ihres Reporterinnenlebens. Wendelin führte immer ein Notizbuch bei sich, in dem er Frankfurter Alltag festhielt.

Marcel Reich-Ranicki, der 1973 zur FAZ gekommen war, prägte die deutsche Literaturkritik über sehr lange Zeit. Seine Bücher, nicht zuletzt seine Autobiografie „Mein Leben“ (1999), aber auch seine Auftritte im Fernsehen wie im Literarischen Quartett von 1988 bis 2001 machten ihn einem breiten Publikum bekannt. Ein Mann mit hoher Selbstdisziplin, der von ätzender Schärfe sein konnte. Ein streitbarer Konservativer von noch größerer politischer Wirkung war Frank Schirrmacher. Er begann 1984 als Hospitant bei der FAZ, war 1985 schon Feuilletonredakteur und wurde 1994 FAZ-Herausgeber. Mit Büchern wie das „Methusalem-Komplott“ (2004) über die drohende Überalterung der deutschen Gesellschaft oder „Ego“ (2013) über den zunehmenden Egoismus ohne Moral setzte er Zeichen. Er öffnete das konservative FAZ-Feuilleton inhaltlich: Bürgerlich sein, das hieß bei ihm, Anstand und Moral zu zeigen. Schirrmacher, der sich nicht schonte, starb 2014 im Alter von nur 54 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts.

Das Frankfurter Zeitungsviertel kannte Treffpunkte wie das „Pressestübchen“ an der Hellerhofstraße. Schon Anfang der 80er Jahre kamen da Setzer und Metteure, aber auch Menschen aus der Redaktion zum Bier zusammen. Ein ziemlich dunkler, langgestreckter Raum, in dem es öfter hoch herging. Nebenan lag die Aral-Tankstelle, an der man Marcel Reich-Ranicki zum Schwätzchen treffen konnte, wenn er da gerade bei seinem Auto den Ölstand prüfen ließ. jg

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