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Museumsuferfest Frankfurt: Alles außer Kaugummi

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Von: Stefan Behr

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Schlimme Auswirkungen der Dürre: Die Flusspegel sinken und legen Menschenmassen frei.
Schlimme Auswirkungen der Dürre: Die Flusspegel sinken und legen Menschenmassen frei. © Monika Müller

Kirmes, Kunst, Kultur: aber das Museumsuferfest beantwortet noch andere K-Fragen - ein Rundgang in Miniaturen.

Kaugummi

„Ihr System ist nicht unser System!“ In unmittelbarer Nachbarschaft des Museumsuferfestes informiert ein Redner am Samstagnachmittag sein Publikum über systemrelevante Befindlichkeiten. Etwa zwei Dutzend „Querdenker“ haben sich im Schatten des Goethedenkmals versammelt. Dazu gehört nicht viel Mumm, denn Goethe kann sich nicht mehr wehren. Interessanterweise zeigt das Filmmuseum noch am selben Abend John Carpenters „Sie leben“ (1988). Darin spielt der Ex-Wrestler „Rowdy“ Roddy Piper einen arbeitslosen Querdenker, der die Schuld an seinem Leben verkleideten Außerirdischen gibt, die die Welt unterjocht haben, was im Film auch stimmt. In einer Szene betritt der wütende und schwerbewaffnete Piper eine Bank, die natürlich fest in den Händen der Außerirdischen ist, und spricht vor dem Losballern die unsterblichen Worte: „Ich dachte, ich komm’ mal vorbei, kaue Kaugummi und trete ein paar Leuten in den Arsch. Ich hab’ nur leider kein Kaugummi.“ Das passt prima zum Museumsuferfest. Spezereien aus allen Ländern, aber kein Kaugummi, nirgends. Dafür jede Menge Leute, die man gerne in den Hintern treten würde, weil sie einem auf die Füße treten.

Knalleffekt

Das Experiminta-Showteam betritt die Bühne von Radio Frankfurt und verspricht den Menschen, das zu zeigen, was sie sehen wollen, nämlich „Explosionen“. Man werde, verspricht der Sprengmeister, nun einen Stoff zum Explodieren bringen, „in dem wir gerade alle sitzen“. Interessant, denkt der Betrachter, dem gar nicht klar war, dass Mief auch explodieren kann – denn nach wochenlanger Hitze duftet es am nördlichen Mainufer nicht gerade nach Rosen. Aber es geht gar nicht um Stink-, sondern um Stickstoff. Das Experiminta-Showteam hat einen großen Bottich mit flüssigem Stickstoff mitgebracht. Gießt man kochendes Wasser drauf, explodiert das nicht wirklich, aber dampft und pufft und nebelt. Auch sehr schön. Das liege daran, sagt der Sprengmeister, dass flüssiger Stickstoff eine Temperatur „von minus 200 Grad Celsius“ habe und darum „viermal kälter als es am Nordpol“ sei. Interessant, denkt der Betrachter, wieder was gelernt.

Krebs

Alles hat hier seinen Preis. Nur das Rauchen nicht. Aus unerfindlichen Gründen gibt es zahlreiche Stände auf dem Museumsuferfest, die Zigarillos verhökern. Man kann aber auch schnorren. Einfach an die Ware hinantreten, Interesse heucheln, schon hat man eine Gratis-Probefluppe zwischen den Lippen. Die Wirkung ist verblüffend, denn nur wenige Meter weiter wird der Raucher von einer netten jungen Dame angesprochen. „Sind Sie Raucher?“ „Ja, was hat mich verraten?“ Stumm deutet die Frau auf das kokelnde Zigarillo. Leugnen wäre jetzt nicht nur zwecklos, sondern schädlich, denn mit einem Lächeln überreicht die Frau dem Raucher einen „Glimmstängelfänger“. Einen Taschenaschenbecher von „cleanffm“, gemacht „aus Recyclingplastik und recycelten Kippen“. Und auch der ist für umme. Trotzdem gerät der Raucher ins Grübeln. „Ein unvergessliches Souvenir vom Museumsuferfest“ hatte der Zigarillostand versprochen. Die Kippe konnte nicht gemeint sein, die schmort jetzt im Glimmstängelfänger und ist bereits vergessen. Vielleicht war ja Lungenkrebs gemeint. Vielleicht hat das Rauchen ja doch seinen Preis. Wenigstens ist es umsonst.

Kontrollverlust

Rechts fahren. Rechts laufen. Von Rechts wegen mehr rechts wagen. So regelt die zivilisierte Welt seit Anbeginn der Zeit den Individualverkehr. Nur die Engländer machen da nicht mit. Ihr System ist nicht unser System! Aber auf dem Eisernen Steg gelten zum Fest eiserne Regeln für den Gang von Hibb- nach Dribbdebach und andersrum. Ein Absperrgitter trennt den Rechts- vom Linksverkehr. Zumindest zu Beginn. Dann wird aus dem Gitter eine gezeichnete Linie am Boden. Dann verschwindet auch die Linie. Die Verantwortlichen haben wohl auf die Vernunft des Menschen gesetzt, dabei aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Magisch zieht es etliche Brückengänger nach Ende der Absperrung auf die falsche Seite. Einmal gegen den Mainstream laufen. Einmal ein Geistergänger sein. Oder sich wie ein Engländer fühlen. Marvelous!

Kalk & K-Pop

Vor dem Museum für Kommunikation steht eine riesige Menschentraube. Alle sind ganz aus dem Häuschen. Was gibt es da zu sehen? Nach etwa halbstündiger Suche nach einem Sichtplatz steht der interessierte Boomer vor einem Rätsel. Junge Menschen hopsen zu Musikschnipseln herum, die Choreographie haut einen nicht unbedingt um, aber die meisten Zuschauer:innen scheinen vor Begeisterung nahe am Nervenzusammenbruch. Was ist da los? Ein Blick ins Programmheft bringt auch keine Klarheit. „K-Pop vom Feinsten: ,Shapgang‘ auf der Museumsterrasse und Random Dance Play im Anschluss.“ Genauso gut könnte da „Rembrandt“ stehen. Das ist wohl das Boomer-Los: So richtig versteht man die Welt nicht mehr. Aber so richtig schlimm ist das eigentlich gar nicht.

Korrektheit

Maske trägt auf dem Museumsuferfest niemand. Das ist gar nicht so ungefährlich, denn heutzutage wimmelt die Luft nicht nur von Stickstoff, sondern auch von brandgefährlichen Mikroaggressionsorganismen. Dass es niemand zu dolle treibt, dafür sorgt der Woke-Michel, der auf dem Fest seinen eigenen Stand hat. Wenn jemand aus der Reihe tanzt, dann klebt der Michel die Übeltäter zur Strafe an ein Kunstwerk. Bei leichten Verstößen an Nicolas Poussins „Gewitterlandschaft mit Pyramus und Thisbe“, bei schweren an Joseph Beuys’ „Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch“. Der Woke-Michel ist vermutlich mit dem Holländer-Michel verwandt, jedenfalls haben Standbeschicker:innen eine Heidenangst vor ihm. Selbst die Macher:innen vom „Spieße-Kombinat“, die ihren Russensnack vorsichtshalber „Kaukasischer Fleischspieß“ nennen, gemacht „vom Schwein nach russischer Rezeptur“. Immerhin steht da nicht „vom Russen-Schwein“, denn dann müsste der Woke-Michel kommen und – Moment mal! Das ist ja gar nicht der Woke-Michel. Das ist der Wok-Michel. Und der hat gar keine Heißklebepistole, sondern nur eine gewölbte Pfanne. Lesefehler! Muss wohl an den Mikroaggressionsorganismen liegen.

Eine Million Gäste

Das Museumsuferfest hat in diesem Jahr rund eine Million Menschen angezogen. Bei bestem Wetter seien die Kunst- und Kulturangebote mit zahlreichen Konzerten, Theater und Tanz sowie Gastronomie ausgesprochen gut angenommen worden, sagte Ines Philipp, Sprecherin der Tourismus und Congress GmbH. Das sind nicht so viele wie in den Jahren vor der zweijährigen Corona-Zwangspause, in denen schon mal die Zwei-Millionen-Marke geknackt wurde, das Fest war diesmal aber auch merklich kleiner.

Insgesamt standen mehr als 400 Einzelveranstaltungen auf dem Programm, 25 Museen öffneten seit Freitag ihre Türen und boten Führungen, Workshops und mehr an. Als Eintrittsmarken dienten dabei Anstecknadeln, die im Laufe des Wochenendes vergriffen waren. Am Sonntagabend endete das Fest mit einem Feuerwerk. Die Polizei sprach am Sonntag von einem friedlichen Verlauf. dpa/skb

Saturday Night Fever.
Saturday Night Fever. © Monika Müller

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