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Am Ende bekommen die Besucher rote Rosen. Foto: Michael Schick

Frankfurt

Frankfurt: Aids-Hilfe erinnert an Achtung für alle Menschen

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Zum Welt-Aids-Tag erinnern viele in Frankfurt an Respekt, Liebe und Solidarität und gedenken der Toten durch HIV.

Achtung: Für Immanuel Kant bedeutete der Begriff die Anerkennung einer Würde, sagt Christian Setzepfandt, Vorstand der Aids-Hilfe Frankfurt, den Menschen in der Katharinenkirche. Es ist der Auftakt zu einem Sonntagabend, an dem viele Menschen zu Wort kommen, um ihre eigene Auffassung von Achtung mitzuteilen, dem Motto der Veranstaltung. Zu einem Sonntagabend auch, an dem zum 25. Mal der Weggefährten, Freunde und Geliebten gedacht wird, die diese Stadt an das HI-Virus verloren hat.

Für die Berliner Geschlechterforscherin Patsy l’Amour laLove ist Achtung der Respekt vor jenen, die für Werte wie Freiheit und Gerechtigkeit kämpften, als Aids die Diskriminierung ganzer Gesellschaftsgruppen leicht machte. Für die Sexarbeiterin Stephanie Klee wäre es ein Zeichen der Achtung, das sogenannte Prostituiertenschutzgesetz von 2017 zurückzunehmen, das einer ganzen Berufsgruppe das Leben erschwere.

Für die polyamor lebende Jasmin Logaric bedeutet Achtung: „Ich achte mich selbst als frei – und alle anderen genauso. Du gehörst mir nicht, ich habe nicht über dich zu bestimmen.“ Für den Comedian Gianni Jovanovic ist Achtung: anzuerkennen, dass Menschen wie er eine Lebenswirklichkeit hier in Deutschland haben – als zugleich Roma, Deutsche, Schwule, Väter, Großväter, alles in einem: „Es geht darum, allen einen Achtungsvorschuss zu geben.“ Großer Applaus in der Kirche.

Mit einem Gottesdienst hat die Veranstaltung begonnen, mit einem Appell von Setzepfandt ist sie weitergegangen: „Eine plurale Gesellschaft braucht ständigen Dialog. Es lebe die Neugier und die Differenz.“

Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne) feiert anschließend, dass sich sie evangelische Kirche im Umgang mit HIV, auch mit Homosexualität, weit geöffnet habe und beispielsweise die Katharinenkirche bereitstelle. Er verurteilt hingegen eine Rückwärtsentwicklung, die viele Menschen ihren Hass offen austragen lasse. „Schade, dass es für die Hassenden noch keine antiretrovirale Therapie gibt“, sagt er, also eine Behandlung, wie sie der Vermehrung der HIV-Zellen entgegenwirkt. Gelächter im Kirchenschiff. Und wieder Applaus: „Lassen wir dem Hass keinen Raum.“

Schon am Samstag hatten Gesundheitsamt, Caritasverband, Aids-Hilfe, die Stiftung Waldmühle und das Franziskushaus in der B-Ebene der Hauptwache an einem Infostand Fragen beantwortet und Besucher beraten. Die Gutscheine für einen kostenlosen HIV-Test, die es dort gab, sind einlösbar bis zum 31. Januar nach Terminvereinbarung beim Gesundheitsamt.

In Frankfurt wurden im Jahr 2018 insgesamt 53 HIV-Erstdiagnosen festgestellt, etwas weniger als im Vorjahr (72). Bundesweit leben nach Schätzungen 87 900 Menschen mit HIV oder Aids. Im vorigen Jahr infizierten sich etwa 2800, auch diese Zahl ging leicht zurück. Etwa 440 Menschen starben in Deutschland 2018 an den Folgen ihrer HIV-Infektion, 10 600 wissen nach Hochrechnungen noch gar nichts von ihrer Infektion. Weltweit haben fast 38 Millionen Menschen HIV; jährlich infizieren sich rund 1,7 Millionen Menschen neu.

In der Katharinenkirche sind all diese Fakten stets präsent, aber sie stehen zurück hinter einem großen Gefühl. Besser: hinter vielen Gefühlen. Zusammengehörigkeit. Liebe. Verständnis. Respekt natürlich. Und Trauer. Mehr als 50 Personen sind in Frankfurt in diesem Jahr zu Grabe getragen worden, deren HIV-Infektion bekannt war; wie viele unerkannt hinzukamen, weiß niemand. „Ich achte dich, ich achte auf dich“, sagt Agatino Sciurti und singt anrührend zu Gitarrenbegleitung. Später, als die Frauenrechtlerin und Rechtsanwältin Seyran Ates gesprochen hat, geht die ganze Gesellschaft auf einen Trauermarsch zum Peterskirchhof, um der Verstorbenen zu gedenken.

Die Anfänge von Aids im vorigen Jahrhundert hätten den bloßen Gedanken an Sex mit dem Tod verknüpft, sagt Patsy l’Amour laLove. Achtung bedeute auch Solidarität mit jenen, die sich trotz allem entschlossen hätten, körperliche Liebe ohne Vorsichtsmaßnahmen zu leben.

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