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Tödliches Auto-Rennen in Frankfurt: Gericht verurteilt Fahrer nicht wegen Mordes

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Von: Stefan Behr

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Justitia
Das Landgericht hat den Verantwortlichen für einen tödlichen Unfall im Ostend nicht wegen Mordes verurteilt. © Arne Dedert/dpa/Symbolbild

Bei einem Auto-Rennen sterben zwei Menschen. Das Landgericht Frankfurt verurteilt den Verantwortlichen für den tödlichen Unfall im Ostend nicht wegen Mordes.

Frankfurt - Am Ende des Prozesses fällt eines dieser Urteile, mit denen niemand zufrieden ist: nicht der Täter, nicht die Opfer beziehungsweise deren Hinterbliebene, nicht die Zuschauer und nicht einmal die Strafkammer selbst. Das Frankfurter Landgericht verurteilt den 40 Jahre alten Nebojsa S. wegen verbotenen Kfz-Rennens mit Todesfolge und gefährlicher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von achteinhalb Jahren.

S. hatte am 21. November 2020 mit seinem hochmotorisierten „Dienstwagen“ nach einem missglückten Driftversuch in der Kurve von der Sonnemann- zur Oskar-von-Miller-Straße zwei Männer getötet und eine Frau sehr schwer verletzt.

Achteinhalb Jahre Haft für Todesfahrer in Frankfurt: Fahrer deaktiviert Sicherheitssysteme

Zuvor hatte S. die Sicherheitssysteme des Autos ausgeschaltet - um sportlicher fahren zu können und sich am Krach des Motors zu erfreuen. Er liebe es, wenn das Brüllen des Motors von den Wänden der Häuser widerhalle, hatte S. zu Beginn des Prozesses vor gut drei Monaten zu Protokoll gegeben. Er sei ein „Autonarr“, vor allem dann, wenn deren PS-Zahl im gehobenen dreistelligen Bereich liege.

Symbolbild
Achteinhalb Jahre Haft für Todesfahrer in Frankfurt - Symbolbild © Frank Rumpenhorst / dpa

S. sei „in höchstem Maße asozial“, stellt der Vorsitzende Richter in der Urteilsbegründung fest, sein Fahrstil ein einziges „sinnloses, selbstsüchtiges Imponiergehabe“. Zudem sei die Tat des Rasers „angesichts seiner Persönlichkeit erwartbar, wenn nicht gar unvermeidbar gewesen“.

Achteinhalb Jahre Haft für Todesfahrer in Frankfurt: Korruption und Drogen

Seit S. im Jahr 2000 seinen Führerschein gemacht hat, rast er mit mehr oder weniger schrecklichen Konsequenzen durch Stadt und Land. Viermal wurde ihm bereits der Führerschein entzogen, viermal bestand er die medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU), vermutlich vor allem durch die Bestechung einer Saarbrücker Psychologin. Durch seine Tätigkeit bei einer Baumafia, die höchstwahrscheinlich mit freundlicher Unterstützung der albanischen Kokain-Mafia halb Frankfurt aufgekauft hatte, ist er ein schwerreicher Mann geworden.

Er wurde deshalb allerdings auch vom Landgericht zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt, die er bislang noch nicht angetreten hat. S.s Reichtum ist wohl auch die Basis eines von ihm selbst bestellten Gutachtens, das ihn hätte entlasten sollen. Doch dieser „Sachverständige“ zeigte sich im Prozess von grotesker Inkompetenz und beugte gar die Gesetze der Physik mit solcher Dreistigkeit, dass der Vorsitzende Richter in der Urteilsbegründung der Staatsanwaltschaft dringend empfahl, Ermittlungen gegen den Mann aufzunehmen.

Wie viel S. für MPU und Gutachten bezahlt haben mag, ist unklar, es dürfte aber deutlich über den 10 000 Euro liegen, die er den Hinterbliebenen des getöteten Fahrradkuriers gezahlt hat - angesichts seiner Vermögensverhältnisse ist die Summe eine Frechheit. Die in Indien lebende Familie, die sich verschuldet hatte, um ihren Sohn bei seinem Studium zu unterstützen, hatte das Geld dennoch angenommen. Die Tochter des anderen Getöteten, die seit der Tat im Rollstuhl sitzt und während der Urteilsverkündung ununterbrochen weinte, hatte von S. aus moralischen und ästhetischen Gründen nicht einmal eine Entschuldigung angenommen.

Achteinhalb Jahre Haft für Todesfahrer in Frankfurt: Kein Urteil wegen Mordes

Dass S. nicht wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wurde, verdankt er „formaljuristischen Erwägungen“. Der Kammer blieben geringe Restzweifel, dass S. den Tod anderer Menschen zumindest billigend in Kauf genommen habe.

Das S.s Führerschein jedoch lediglich für fünf Jahre gesperrt bleibt, versteht außer Juristen niemand. Das liege daran, hatte der Vorsitzende Richter erklärt, dass eine lebenslange Sperre erst ausgesprochen werden könne, wenn zuvor zumindest eine lange verhängt worden sei - S.s bisherige Sperren seien dafür zu kurz gewesen. Auch die Staatsanwältin findet das nicht schön, bestätigt aber die Rechtsauffassung der Kammer, die gar nicht anders gekonnt hätte.

Wenn S. nach Verbüßung seiner Haftstrafen wieder frei ist, dürfte er immer noch reich genug sein, sich seinen Führerschein zurückzukaufen. Dass er dann wieder andere Menschenleben gefährden wird, ist erwartbar, wenn nicht gar unvermeidbar. Er kann nicht anders, er will nicht anders - es liegt wohl in seiner zutiefst unerfreulichen Persönlichkeitsstruktur. (Stefan Behr)

Leider ist dies nicht der erste Fall eines rücksichtslosen Autorennens. Anfang 2022 raste ein Autofahrer über die Hanauer Landstraße in Frankfurt.

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