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Frankfurt: Accounts nach dem Tod löschen

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Mark Röhrig (l.) und Frederic Heigel helfen im Internet Aktiven, über ihre Social-Media-Accounts nach ihrem Tod zu bestimmen.
Mark Röhrig (l.) und Frederic Heigel helfen im Internet Aktiven, über ihre Social-Media-Accounts nach ihrem Tod zu bestimmen. © privat

Vier Freunde kümmern sich nach einem Todesfall um den Ausstieg aus Instagram und Co.

Alles fing damit an, dass Frederic Heigel und seine Freunde kein Blut sehen konnten. Anderen Menschen helfen, das wollten der 22-Jährige und seine Clique schon immer. Arzt zu werden schied aus obigen Gründen aus. Aber was dann?

Nora Weirich interessierte sich für Philosophie, Mark Röhrig für BWL, Nico Hofmann und Heigel selbst für Informatik. Die zündende Idee fehlte – bis den Freunden ein unerfreulicher Zufall zu Hilfe kam. „2019 gab es in unserem Familien- und Bekanntenkreis extrem viele Todesfälle“, sagt Frederic Heigel. Und immer wieder tauchte das gleiche Problem auf: Der digitale Nachlass der Verstorbenen war ungeregelt.

Facebook, Instagram, Twitter, Paypal, iCloud oder Netflix – wenn man die Passwörter nicht kennt, ist es für Angehörige enorm aufwendig, Zugang zu den Social-Media-Accounts eines Toten zu bekommen. „Aber wenn man nichts unternimmt, bucht Netflix einfach weiter ab“, sagt Heigel. Oder die gespeicherten Fotos sind für immer verloren. Den vier jungen Erwachsenen wurde klar, wie sie den Menschen helfen können.

Zunächst probierten sie es bei der Politik. „Aber wir wurden von der Kommune zum Land geschickt, vom Land zur Kommune, einmal auch auf Bundesebene, die uns auf die europäische Ebene verwiesen hat“, sagt Heigel und lacht, sieht dabei aber etwas bekümmert aus. „Man hat gemerkt, dass solche Prozesse extrem langsam sind.“ Zu langsam. Die vier beschlossen, das Problem selbst zu lösen.

Und gingen dahin, wo es am drängendsten ist: ins Hospiz im Nachbarort. „Die Mitarbeiter waren überrascht, dass sich junge Menschen mit so einem Thema auseinandersetzen. Aber als sie verstanden haben, wieso es so wichtig ist, haben sie uns mit offenen Armen aufgenommen“, sagt Heigel. Die vier erklärten den Mitarbeiter:innen, welche Löschmechanismen es auf den verschiedenen Plattformen gibt und wie man sie bedient, damit diese das Thema an die Gäste herantragen konnten.

Etwas rumprogrammiert

Gleichzeitig überlegten sie, wie sie den Vorgang vereinfachen können. Denn jeder Anbieter hat eine eigene Methode, bei manchen muss man sich tief ins Innere der Plattform durchklicken. „Wir haben also ein bisschen rumprogrammiert, getestet und immer wieder gefragt, was die Leute tatsächlich brauchen.“

Als er das erste Mal direkt mit einem Hospizbewohner gesprochen habe, sei das für ihn schwierig gewesen, sagt Heigel, der jetzt in Frankfurt wohnt. „Aber das erste Dankeschön hat dann die Schwelle überwunden, und das hat uns motiviert weiterzumachen.“ Das Ergebnis war „Userwill“ (Nutzerwille), ein Programm, mit dem der Abonnent alle seine Accounts zusammenführen und bestimmen kann, was nach seinem Tod mit ihnen geschehen soll. Das Team von Userwill setzt das Gewünschte um, sobald es von den Angehörigen die Sterbeurkunde bekommt, so dass diese sich zumindest darum nicht mehr zu kümmern brauchen. Mit ihrer selbst programmierten Software bewarben sich die vier bei Startsocial, einem Verein, der Ehrenamtsinitiativen Coaches an die Seite stellt, – und gewannen.

Plötzlich hatte Heigel Teamverantwortung – mit 21, mitten in der Ausbildung zum Fachinformatiker. „Das Gefühl kannte ich so vorher nicht“, sagt er. Deshalb war er froh, als sie 2021 auch noch den „World Summit Award European Young Innovators“ gewannen, einen Preis, der für die Entwicklung nachhaltiger und sozialer digitaler Produkte vergeben wird. Durch den Award lernten die vier einen sogenannten Impact Investor kennen, also einen Investor, der nicht nur auf Rendite aus ist, sondern auch etwas Gutes tun möchte, und die vier seine Frankfurter Räume nutzen lässt. Mittlerweile sind sie auch im Hospiz in Friedrichsdorf aktiv und wurden schon von mehreren anderen Einrichtungen zu Vorträgen eingeladen.

Weil An- und Abreise, IT-Ausrüstung und die Server Geld kosten, soll Userwill mittelfristig bezahlpflichtig werden – aber mit einem solidarischen Modell arbeiten: Gesunde Abonnenten zahlen einen jährlichen Beitrag, von dem nicht nur die laufenden Kosten, sondern auch Notfälle bezahlt werden, also die Unterstützung für jene, die bereits dem Tod nahe sind.

„Ich bin gespannt, ob alles klappt und wie es jetzt weitergeht“, sagt Heigel. Denn sein Ziel sei es, noch viel mehr Menschen zu helfen als bisher. „Dazu braucht es aber noch viel Aufklärung.“ Wenn es klappt mit Userwill, kann er sich deshalb vorstellen, sich nach der Ausbildung ganz dem Projekt zu widmen.

Weitere Informationen, ein Kontaktformular und Zugang zur Software unter: userwill.org

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