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Passanten am späten Nachmittag auf der berger Straße.
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Passanten am späten Nachmittag auf der berger Straße.

Lockdown in Frankfurt

Abschied vom Lieblingsladen

  • George Grodensky
    vonGeorge Grodensky
    schließen

Vor dem Corona-Lockdown in Frankfurt besuchen viele das Nordend. Manche Geschäftsleute gehen mit Groll in die Zwangspause, andere suchen nach neuen Vertriebswegen.

Es ist der letzte Tag vor dem Lockdown, die letzte Gelegenheit, ein Geschenk oder Festgewand zu erstehen. Für viele auch der Abschied vom Lieblingslädchen. Entsprechend bilden sich vor vielen Geschäften Schlangen. Die Menschen schlagen die Kragen hoch, es nieselt und kalt ist es obendrein. Irina Palmer hat das Organicc an der Unteren Berger Straße gerade erst aufgeschlossen und trotzdem schon ein paar Menschen bedient. Was gar nicht zu ihrem Gesichtsausdruck passen mag. Der ist gequält.

„Ich muss schließen“, sagt sie, die Ware bleibe im Regal liegen. Einen Onlineshop hat die Boutique für Kleidung mit Bio- und Fairtradesiegeln nicht. Nicht mehr. Palmer und ihr Mann haben das vor zwölf Jahren ausprobiert, gut gelaufen ist der Webshop nicht. „Dafür ist das Geschäft zu klein, der Aufwand zu groß“, sagt sie. Immerhin: „Die Kunden kommen extra noch mal rein, um uns zu unterstützen“, sagt sie dankbar. Erreichbar bleibe sie, über Telefon, Mail, Instagram. Gutscheine können sie noch anbieten, sagt sie traurig.

Corona-Lockdown: Einzelhandel wirbt um Kunden

Es ist ein Tonfall, den Ernst Schwarz gar nicht gern hört. Der Vorsitzende des Dachverbands der Frankfurter Gewerbevereine hat sich selbst noch nicht vom Schrecken der Lockdownankündigung erholt. Am Montagabend ist er mit versteinerter Miene durch die Innenstadt geschlichen. „Ich habe noch nie so eine tote Stadt gesehen.“ Es sei nicht auszudenken, wenn es künftig immer und überall in den Frankfurter Geschäftsstraßen so trist aussähe.

Am Dienstag hat er seine Lebensgeister zurück. Eindringlich appelliert der Verbandsvorsitzende an die Kundinnen und Kunden, nicht zum „großen Onlinehändler“ zu gehen. Mit dem Einkaufsverhalten gestalte jeder sein Umfeld mit. „Frankfurt füllt den Warenkorb im Einzelhandel“, lautet die Kampagne, die sein Verband gerade erst ersonnen hat. „Die Botschaft ist jetzt noch dringender“, findet Schwarz. Der Handel sei kreativ, beschwört er. Er finde Wege, seine Waren weiter anzubieten. „Es empfiehlt sich, einfach mal anzurufen oder den Kontakt per Mail zu suchen.“

Corinna Bernhart etwa hält ihren Geschenke- und Kleinigkeitenladen „Nima Lieblingsstücke“ an der Koselstraße auf jeden Fall bis 23. Dezember in Betrieb. Sie hat das im ersten Lockdown schon so praktiziert. „Das hat ganz gut funktioniert.“ Kundinnen und Kunden können anrufen und etwas bestellen und abholen. Bernhart schickt Fotos oder läuft mit dem Smartphone durchs Geschäft und filmt. „Wir haben sehr nette Kunden hier“, sagt sie, die sie im Lockdown gerne weiter berate. Wer nach Geschenkideen fragt, bekommt Anregungen. „Es ist ja niemand im Geschäft, da habe ich Zeit für so was.“

Frankfurter Einzelhändler mit neuen Vertriebswegen im Corona-Lockdown

Die Blumenläden bieten Liefer- oder Abholservice an. „Wir werfen die Blümchen jetzt nicht weg“, sagt eine Mitarbeiterin vom Blütentraum an der Berger Straße. Beim Blumen-„Ursprung“ am Oeder Weg empfiehlt der Kollege gar, einfach am Schaufenster vorbei zu flanieren und dann anzurufen. Es dürfe sich nur keine Traube vor der Tür bilden.

Nur die Auslage zu betrachten, das reicht in manchen Fällen aber nicht. Ruth Zetszsche zumindest geht lieber in die Geschäfte hinein, um sich die Ware genau anzuschauen. Oder anzufassen. Oder anzuprobieren. Von der Praxis, Kleider in verschiedenen Größen im Netz zu bestellen und dann die nicht passenden oder einfach alle wieder retour zu senden, hält sie nichts. „Das ist auch ökologisch nicht sinnvoll.“ Ein Einkauf sei eben ein sinnliches Erlebnis. Ganz zu schweigen von der Beratung. „Ich will doch auch Fragen stellen können.“ Und eine Vorauswahl haben, die ein gut geführtes Geschäft anbiete. Im Internet finde sie nur einen unübersichtlichen Wust von Waren, noch dazu überall die gleichen. Darum ist sie schnell noch vor dem Lockdown an die Untere Berger gekommen. „Ich fände es schrecklich, wenn Sie aufgeben würden“, sagt sie zu Adele Beck und verabschiedet sich. Beck ist die Inhaberin der „Collection“. Dort gibt es Mode, Deko, Schmuck, Möbel zu entdecken. Seit 38 Jahren. Bald womöglich nicht mehr. Während des Lockdowns schließt sie zu. „Ich hoffe, dass ich durchkomme.“

„Der Onlinehandel hat uns schon vor Corona sehr geschadet“, sagt Beck. Der Lockdown verschärfe das lediglich. „Ich kann nicht jedes Teelicht abfotografieren und im Internet präsentieren.“ Und dann auch noch kostenfrei verschicken. Dabei müssten gerade die kleinen, inhabergeführten Läden nicht unbedingt pausieren, findet sie. Mehr als sechs Menschen lasse sie gar nicht ins Geschäft. Und sie passe auch auf, dass die sich nicht zu nahe kämen.

„Öde Innenstädte“, sinniert sie noch an die Politik gerichtet, „lassen sich so einfach nicht wieder beleben.“

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