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Frankfurt: Abschied etwas anders

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Von: Sabine Schramek

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Matthias Kiefer in seiner freundlich gestalteten Boutique. Hamerski
Matthias Kiefer in seiner freundlich gestalteten Boutique. Hamerski © Leonhard haer

Matthias Kiefer hat am Liebfrauenberg eine Bestattungs-Boutique eröffnet.

Dass der Tod zum Leben gehört, wird von vielen Menschen verdrängt. Erst wenn das Thema unausweichlich wird, etwa ein naher Verwandter oder Freund stirbt, rückt es ins Bewusstsein. Um dem Thema einen Teil des Schreckens zu nehmen, ist das neue Geschäft „mymoria“ hell und gemütlich gestaltet mit großen, offenen Schaufenstern, hellem Holzboden. Die Wände sind dunkelblau, aquamarin und weiß gestrichen. Birkenstämme reichen vom Boden bis zur Decke. „Wo Abschied lebt“ steht in geschwungener Schreibschrift in weißem Neon auf der blauen Wand, zwei Sessel mit bequemen Schafsfellen laden zum Verweilen ein. Matthias Kiefer (30) trägt Jeans und ein weißes T-Shirt und lächelt.

Kiefer hat Wirtschaftsingenieur studiert. „Dann habe ich umgedacht und eine Ausbildung als Bestatter gemacht. Das Thema Tod beschäftigt mich schon immer“, erklärt er. „Tod muss kein Tabu-Thema hinter verschlossenen Fenstern sein“, ist er überzeugt.

Statt Särgen und Urnen gibt es in seinem Geschäft Grünpflanzen, die den großen Raum mitsamt Kaffeemaschine, frischem Obst, Schokolade und Sitzecken gemütlich machen. Bücher mit den Titeln „Nie mehr Oma-Lina-Tag?“, „Geht Sterben wieder vorbei?“, „Die Brüder Löwenherz“, „Wir Witwen sind ein zähes Volk“, „Wo die Toten tanzen“ oder „Fragen Sie Ihren Bestatter“ liegen im Schaufenster und stehen in einem hellen Bücherregal.

„Ein großer Teil unserer Arbeit ist trauerpsychologisch“, erklärt Kiefer. „Jeder stirbt anders und jeder trauert anders. Ob Kinder ein Elternteil verlieren, der Lebenspartner seine Frau, ob jemand überraschend oder nach langer Krankheit stirbt, Suizid begangen hat oder ob Eltern ihr Kind verlieren – es ist ein riesiger Unterschied.“ Wer wisse, dass ein naher Angehöriger sterben wird, könne anders Abschied nehmen und vorsorgen, als jemand, der vom Tod überrascht wird. Die Bücher helfen Kindern und Erwachsenen, sich mit dem Thema und ihren Fragen auseinanderzusetzen. „Es kommen Leute zu uns, die das Thema an sich interessant finden. Oder Erwachsene, die ihren Kindern und sich selbst in der Trauer Gutes tun wollen“, erzählt Kiefer.

Von der Patientenverfügung über Vorsorgevollmacht, Betreuungsverfügung und Sterbegeldversicherung oder eine Treuhandeinlage bis zum Testament kann bereits zu Lebzeiten vieles erleichtert werden. Kiefer: „Wenn man weiß, was sich der Verstorbene gewünscht hat, ist es für Angehörige viel leichter, die Beerdigung zu gestalten.“ Ob eine Erdbestattung, eine Seebestattung, ob ein Ort im Friedwald, ein anonymes Grab oder eine Urne mit Plakette unter einem Baum – die Wünsche sind breit gestreut.

Bereits die Frage, ob der Verstorbene erdbestattet oder verbrannt werden wollte, ist wichtig. „Es hilft, zu Lebzeiten darüber zu reden und es festzuhalten“, so Kiefer, der alles Gewünschte möglich macht. „Särge und Urnen können sich die Leute auf der Website ansehen oder auch hier auf einem Bildschirm“, sagt er. Das Ambiente in der Beerdigungs-Boutique erinnert eher an einen schickes Geschäft als an ein typisches Beerdigungsinstitut. „Wir wollen, dass sich die Leute wohlfühlen und keine Angst haben. Dazu gehört Tageslicht ebenso wie Transparenz bei allen Überlegungen, Wünschen und Vorschlägen zur Bestattung.“ Das gelte ebenso für die, die gerade keinen Todesfall im engen Umfeld haben, sondern sich mit dem Thema beschäftigen wollen. Keine Frage ist tabu.

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