+
Sohn Kai Hoffmann in der Bibliothek mit einer alten Fotografie seines Vaters.

Erbe

Frankfurt: Nachlass von Hilmar Hoffmann ist geregelt

  • schließen

Der Nachlass des Kulturpolitikers Hilmar Hoffmann ist geregelt. Ein Besuch in seiner Villa in Oberrad.

Auf dem schweren Eichentisch liegt aufgeschlagen ein riesiges Buch. Es ist der Band mit Fotografien, den die Regisseurin Leni Riefenstahl über das afrikanische Volk der Nuba herausgegeben hat. Auf der offenen Seite ist eine handschriftliche Widmung zu entziffern. „Lieber Hilmar, in freundschaftlicher Verbundenheit widme ich Dir dieses Buch, Herzlichst Deine Leni“. Bis zu seinem Tod 2018 schwankte Hilmar Hoffmann zwischen Faszination und Abscheu, was die Filmregisseurin anbelangte. Er verabscheute sie wegen ihrer Propagandafilme als „ideologische Kurtisane Hitlers“. Zugleich war er angetan von der „genialen Filmästhetin“.

Das Buch mit der Widmung Riefenstahls, für die sich der Kulturpolitiker Hoffmann immer einerseits schämte, während er andererseits ein wenig stolz war – es gehört zum umfangreichen Nachlass des langjährigen Frankfurter Kulturdezernenten. Am 1. Juni 2018 war er im Alter von 92 Jahren gestorben. Jetzt sieht sich Hoffmanns Sohn Kai mit der Aufgabe konfrontiert, das überbordende Erbe seines Vaters zu ordnen. – Ein Besuch in der Villa am Waldrand von Oberrad im Frankfurter Osten, in der Hilmar Hoffmann seit dem Ende der 70er Jahre lebte.

Das zweistöckige Haus ist bis unters Dach angefüllt mit Büchern, Gemälden, Grafiken, Fotografien, Schallplatten Aktenordnern. „Mein Vater war ein Sammler ohne Ende“, erinnert sich der Sohn. Seit den 50er Jahren zum Beispiel pflegte der spätere Präsident des Goethe-Instituts Filmkritiken aus Zeitungen auszuschneiden und aufzuheben.

Wie viele Bücher sich im Haus ansammelten, ist unklar. Bei etwa 15 000 hatte Hoffmann selbst aufgehört, zu schätzen – das war vor Jahren. In der Bibliothek im Erdgeschoss stehen Hunderte von filmwissenschaftlichen Bänden aus Jahrzehnten in den Regalen. Einige Standardwerke hat der Autor Hoffmann selbst verfasst. Zum Beispiel „Und die Fahne führt uns in die Ewigkeit“ über Propaganda im NS-Film von 1988 oder „Mythos Olympia – Autonomie und Unterwerfung von Sport und Kultur“ von 1993.

Hans-Peter Reichmann, der Archivleiter des Deutschen Filmmuseums, hat die „Filmbibliothek“ mit vielen Erstausgaben schon in Augenschein genommen. Diese Bücher werden in den Besitz des Filmmuseums übergehen.

Das Institut für Stadtgeschichte hat andere wichtige Teile des Nachlasses bereits abgeholt. Zum Beispiel die Terminkalender. Seit den 50er Jahren führte Hoffmann die Kladden – sie kommen einem Tagebuch in Kurzform gleich. Für Historiker werden sie eine wichtige Quelle sein. In den 50er Jahren war Hoffmann zunächst Direktor der Volkshochschule in Oberhausen, dann Gründer der Internationalen Kurzfilmtage der Stadt, später dann der Kulturdezernent der Ruhrgebiets-Kommune. In diese Zeit fallen viele Ereignisse, die Geschichte machten, etwa 1962 das Manifest der jungen Regisseure, die gegen „Opas Kino“ rebellierten.

Auch Hunderte von Briefen sind schon ans Institut für Stadtgeschichte gegangen. Und dann natürlich die alte Reiseschreibmaschine. Mit ihr hatte der Kulturpolitiker unzählige Schriftstücke verfasst. Auch tippte er die Rohfassungen von mehr als 50 Büchern ab, die er zunächst per Hand geschrieben hatte.

Überhaupt die Bücher. Im ersten Obergeschoss zeigt Kai Hoffmann ein besonderes Zimmer. An der einen Wand hängen fein säuberlich gerahmt die Cover der wichtigsten Werke des Sozialdemokraten. Angefangen von „Kultur für alle“ (1976), das über Generationen die Kulturpolitik in Deutschland prägte, über das berühmte „Taubenbuch“ (1982) bis hin zu den Erinnerungen „Ihr naht Euch wieder, schwankende Gestalten“ (1999).

Auf einer Anrichte am Fenster hatte der alte Mann die Schallplatten aufgebaut, die er besonders liebte. Da steht der Klassiker „Bookends“ des Duos Simon and Garfunkel neben der „Abbey Road“ von den Beatles.

Überall im Haus hängen Arbeiten, die Künstler dem Kulturpolitiker gewidmet hatten. Immer wieder Zeichnungen der Familie von dem langjährigen Freund Ferry Ahrlé. Oder Fotos der namhaften Frankfurter Fotografin Barbara Klemm.

Das Jüdische Museum in Frankfurt am Main hat sich die umfangreiche Sammlung von Literatur über die nationalsozialistische Terrorherrschaft gesichert. Das entspricht dem Testament des früheren Kulturdezernenten. Er hatte vor seinem Tod über vieles nachgedacht. Selbst über die Zukunft des Schreibtischs, an dem er seit den späten 70er Jahren gearbeitet hatte. Er geht jetzt in den Besitz eines Enkels über.

Kai Hoffmann ist deutlich anzumerken, wie schwer ihm der Gang durch dieses Haus fällt. Der heute 58-Jährige ist hier aufgewachsen, hat auf dem weitläufigen Grundstück im Gartenhaus gewohnt, bis er über 30 Jahre alt war.

Dem studierten Psychoanalytiker, der heute als Coach und Berater für Führungskräfte arbeitet, ist das Ambiente seiner Jugend schon ans Herz gewachsen. Er und seine Schwester Katrin haben noch nicht entschieden, was mit der Villa und dem Garten, der fast ein Park ist, geschehen soll.

Über Jahrzehnte hatte Hilmar Hoffmann Gartenfeste gegeben, die in Frankfurt gesellschaftliche Ereignisse waren. Hunderte von Prominenten kamen, wenn runde Geburtstage anstanden, an der Spitze etwa der damalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher. Das letzte große Zusammentreffen gab es im Jahre 2005 zum 80. Geburtstag.

In der Villa am Rande des Stadtwalds, die Hoffmann der Kommune abgekauft hatte, nachdem er 1970 Frankfurter Kulturdezernent geworden war, hatte vorher der städtische Forstdirektor gewohnt. Der renommierte Frankfurter Architekt Alois Giefer entwarf dann die behutsame Erweiterung des Hauses.

Wer durch die Zimmer geht, dessen Blick wird stets aufs Neue gefangen genommen. Schränke mit Aktenordnern. „Reden Adolf Hitlers“ ist einer beschriftet. Der Kulturpolitiker Hoffmann arbeitete und schrieb mit großer Selbstdisziplin. Er stand früh auf, frühstückte und setzte sich an den Schreibtisch. „Seine Uhr ging immer zehn Minuten vor“, erinnert sich der Sohn.

Wenn er ein Buch fertiggestellt und beim Verlag abgeliefert hatte, sei sein Vater unruhig geworden, sagt Kai Hoffmann. „Ihn beschäftigte sofort die Frage: ,Was mache ich als Nächstes?‘“ Das Schreiben sei sein Lebenselixier, hatte der frühere Kulturdezernent einmal im Gespräch mit der FR gesagt.

Was wird bleiben vom langen Leben Hoffmanns? Der politische Auftrag, den er mit dem Buch „Kultur für alle“ der Nachwelt übermittelte, ist bis heute nicht vollendet. Noch immer gibt es in der kapitalistischen Gesellschaft Barrieren, die vielen Menschen den Zugang zu Kulturinstituten verwehren. Und der zweite Teil seines Lebenswerks, die Botschaft der Aussöhnung und des Friedens, scheint heute wieder gefährdet.

Sein Sohn Kai und seine Tochter Katrin stimmen dem Plan zu, dass die Untermainbrücke in Frankfurt künftig den Namen ihres Vaters tragen soll. „Das ist in unserem Sinne“, sagt Kai Hoffmann knapp: So wird die Erinnerung wachgehalten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare