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Obdachlos in Frankfurt: „Abgehängt vom normalen Leben“

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Von: Clemens Dörrenberg

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Wohnungslos in Frankfurt: Ohne Smartphone ist das in Zeiten der Pandemie noch schwerer als ohnehin schon.
Wohnungslos in Frankfurt: Ohne Smartphone ist das in Zeiten der Pandemie noch schwerer als ohnehin schon. © Boris Roessler/dpa

Regina Klinke vom Beratungszentrum für Wohnungslose, Casa 21, über die Problemeauf der Straße lebender Menschen, die kein Smartphone haben

Frau Klinke, wie helfen Sie derzeit Menschen, die auf der Straße leben oder von Obdachlosigkeit bedroht sind, und wie beeinflusst die seit mittlerweile fast zwei Jahren andauernde Corona-Pandemie Ihre Arbeit?

Wir dürfen seit Ausbruch der Pandemie keine offene Sprechstunde in unseren Räumen anbieten. Das ist für uns anstrengend und aufwendiger, weil wir die Menschen auf der Straße ansprechen müssen.

Inwiefern aufwendiger?

Es ist schwierig, die Leute, die wir ansprechen, auf Termine oder ein Zeitfenster fokussieren zu müssen. Viele von denen, die auf der Straße leben, haben keinen festgelegten Tagesablauf. Termine sind für sie schwer einzuhalten. Da war es früher einfacher, den Leuten zu sagen, sie können einfach mal vorbeikommen.

Welche weiteren Probleme ergeben sich daraus?

Alle Zugänge, beispielsweise zum Sozialamt oder Jobcenter, müssen als Termine online gebucht werden. Das können viele alleine gar nicht, weil sie kein Smartphone besitzen beziehungsweise kein Guthaben oder keinen Internetanschluss und generell kaum digitale Kompetenzen haben.

Regina Klinke (59) ist stellvertretende Leiterin des Zentrums für Wohnungslose der Caritas, „Casa 21“, in der Klingerstraße, unweit der Konstablerwache.
Regina Klinke (59) ist stellvertretende Leiterin des Zentrums für Wohnungslose der Caritas, „Casa 21“, in der Klingerstraße, unweit der Konstablerwache. © Privat

Wie können sie zumindest die Termine vereinbaren?

Sie brauchen dann unser Hilfesystem. Bei der Bahnhofsmission, bei der Diakonie in der Weser5, bei MIA, der Beratungsstelle für EU-Bürger:innen, bei Tagesstätten wie in der Bärenstraße und bei uns können wir zusammen Termine vereinbaren.

Die dann auch eingehalten werden?

Wenn sie mitbekommen haben, dass sie ohne vorherigen Termin nichts erreichen können, setzen die Leute viel Energie ein, die vereinbarten Termine auch wahrzunehmen.

Ist es grundsätzlich problematisch, dass viele Ihrer Klient:innen kein Smartphone haben?

Ja, aufgrund der zunehmenden Digitalisierung in allen Lebensbereichen spüren sie sehr deutlich, dass sie vom normalen Leben abgehängt sind. Sie können ohne vorherige Reservierung nicht zu Behörden oder zu Freizeiteinrichtungen gehen. Die überwiegende Mehrheit unserer Klient:innen ist geimpft und teilweise auch geboostert. Aber viele können das ohne Handy oder bei Verlust des Zertifikats nicht nachweisen und haben dadurch keinen Zutritt zu Geschäften. Mitunter haben sie auch keinerlei Ausweisdokumente, ohne die man unter anderem auch keinen Schnelltest in einem Corona-Testcenter machen kann. Das ist für einzelne Menschen auch ein Problem.

Wie kann dieses Problem gelöst werden?

Die digitale Kompetenz zu verbessern, ist außer für Menschen ohne Wohnung auch für andere Bevölkerungsgruppen, ältere Menschen, bildungsferne Personen und andere erforderlich. Ich könnte mir für unsere Klientel ganz einfache Smartphones vorstellen und Schulungsangebote, die das Jobcenter oder das Sozialamt finanzieren, weil gesellschaftliche Teilhabe nur mit digitalem Zugang möglich ist.

INTERVIEW: CLEMENS DÖRRENBERG

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