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Warum Frauen es so weit kommen lassen, erklärt sich durch eine Mischung aus inneren und äußeren Faktoren, sagen Helfer:innen.
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Warum Frauen es so weit kommen lassen, erklärt sich durch eine Mischung aus inneren und äußeren Faktoren, sagen Helfer:innen.

Häusliche Gewalt

„Ab und zu ein blaues Auge“

Viele Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt werden, scheuen aus diversen Gründen vor einer Anzeige zurück. Das macht es nur noch schlimmer.

Die Geschichte von Linda ist beispielhaft für die Geschichte vieler Frauen, die in Frankfurter Hilfseinrichtungen kommen, weil sie das Leben mit ihrem Partner nicht mehr aushalten. Die 41-Jährige lebt in Frankfurt, heißt in Wirklichkeit anders, und erzählt hat uns ihre Geschichte ihr Anwalt Thorsten Kahl. 1595 Anzeigen wegen häuslicher Gewalt nahm die Frankfurter Polizei im Jahr 2019 auf, Expert:innen gehen von einer Dunkelziffer von bis zu 80 Prozent aus. In rund 80 Prozent dieser Fälle sind die Opfer Frauen.

So wie Linda. Sie hat nach außen hin ein perfektes Leben: Sie hat promoviert, ist gut in ihrem Job, „und eine sehr attraktive Frau“, sagt ihr Anwalt. „Nur, dass sie ab und zu ein blaues Auge hatte, wenn sie zu mir kam.“ Der 66-Jährige bezeichnet sich selbst als Opferanwalt und hat unter anderem ehemalige Schüler der Odenwaldschule vertreten.

Lindas Ehemann Peter (Name ebenfalls geändert) arbeitet im gleichen Job wie sie, ist genauso erfolgreich – und betrügt Linda mit ihrer Schwester. Er beschimpft seine Frau, sagt ihr ständig, dass sie nichts wert sei, nichts könne, ihn enttäusche. Irgendwann schlägt er sie, es werden Prügel daraus. Linda, im Berufsleben durchsetzungsstark und bestimmt, braucht lange, bis sie es schafft, sich an den Anwalt Thorsten Kahl wenden.

Warum Frauen es so weit kommen lassen, erklärt sich durch eine Mischung aus inneren und äußeren Faktoren, sagen Helfer:innen. Wer etwa als Kind gelernt hat, dass Gewalt als normales Mittel gilt, um Konflikte zu lösen, wird das später tendenziell ebenso handhaben, sagt Karin Wagner vom Trauma- und Opferzentrum. Und wer gar in der Tradition aufgewachsen ist, dass Frauen weniger wert sind als Männer, hat es noch schwerer, das Ungleichgewicht zu hinterfragen.

„Bei Migrantinnen erlebe ich sehr häufig, dass, wenn eine Frau sich offenbart, herauskommt, dass es der Nachbarin genauso geht. In deren Heimatgesellschaften ist das Thema häusliche Gewalt oft noch stärker tabuisiert als bei uns“, sagt Ulrich Warncke, der als Anwalt für den Weißen Ring Frankfurt arbeitet, einer Organisation, die sich um Kriminalitätsopfer kümmert. Zwischen 200 und 300 Opfer häuslicher Gewalt betreut die Organisation in Frankfurt pro Jahr.

Laut einer Studie von 2007 leidet nach einer Vergewaltigung rund die Hälfte der Frauen an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Denn verarbeiten kann man traumatische Erfahrungen nur, wenn man die Situation, in der sie geschehen sind, verlässt, sagt Traumaexpertin Wagner: „Es überfordert die Psyche, auf die eigene Sicherheit zu achten und sich gleichzeitig mit etwas auseinanderzusetzen, das einen völlig aus dem Gleichgewicht bringt.“

Die Serie

Diese Recherche ist Teil einer Kooperation mit Correctiv.Lokal, einem Netzwerk für Lokaljournalismus, das datengetriebene und investigative Recherchen gemeinsam mit Lokalredaktionen umsetzt.

Correctiv.Lokal ist Teil des gemeinnützigen Recherchezentrums Correctiv, das sich durch Spenden von Bürgerinnen und Bürgern und Stiftungen finanziert.

Link: correctiv.org/haeusliche-gewalt

Die Frankfurter Rundschau widmet sich in einer kurzen Serie häuslicher Gewalt. Weitere Texte erscheinen in loser Folge im Regionalteil. Als nächstes folgt ein Porträt einer Ehrenamtlichen bei der Hilfsorganisation Weißer Ring.

Was dann oft in Gang kommt, ist ein sich selbst verstärkender Kreislauf der Gewalt. „Die Situation eskaliert, der Täter entschuldigt sich, alles ist wieder schön, bis sich die Situation langsam wieder zuspitzt, und es von vorne losgeht, in immer kürzeren Abständen“, sagt Doris Held vom Autonomen Frauenhaus Frankfurt. Besonders in dieser Phase können äußere Faktoren eine Rolle spielen, zum Beispiel die Angst vor dem finanziellen oder sozialen Abstieg: „Zeigt eine Frau ihren Mann an, könnte es sein, dass er seinen Job verliert, die Wohnung wird plötzlich zu teuer und so weiter“, sagt Warnecke. In Familien mit wenigen Außenkontakten komme es oft vor, dass die Frauen glaubten, mit ihrem Problem allein zu sein. „Dass das ein Massenphänomen ist, ist ihnen nicht bewusst.“ Also suchten sie sich auch keine Hilfe.

Am schlimmsten, da sind sich alle Helfer:innen einig, sei aber die Scham. Als äußerer Faktor, weil die Familie bei einer Anzeige nicht mehr so makellos und liebevoll dastünde, wie man sie gerne präsentieren würde. Und als innerer Faktor. Denn in der Regel kommt die emotionale Gewalt lange vor der physischen. „Der Partner wird kleingemacht und vorgeführt, kann nichts richtig machen, und was er sagt, wird bagatellisiert oder ins Lächerliche gezogen“, sagt Wagner. „Jeder Mensch ist beeinflussbar, wenn man etwas nur oft genug wiederholt“, sagt Held.

Irgendwann habe der Täter das Opfer so weit, dass es glaube, selbst schuld zu sein. „Die Frauen fragen sich dann: Was kann ich tun, damit mein Partner das nächste Mal zufriedener mit mir ist?“, beschreibt Kahl. Komme dann noch die Angst vor Einsamkeit hinzu, werde es fast unmöglich, aus der Gewalterfahrung Konsequenzen zu ziehen.

Auch Linda fragte sich oft, wie sie es ihrem Mann recht machen könnte. Doch als dieser sie im Badezimmer würgte und dann so brutal in die Badewanne stieß, dass sie mehrere Verletzungen erlitt, reichte es ihr: Sie zeigte ihren Mann an. Ein Dreivierteljahr dauerte es bis zur Verfahrenseröffnung. Doch kurz vorher zog Linda ihre Anzeige zurück und verweigerte die Aussage.

Dies tut die Mehrheit der Opfer: 652 Verfahren wegen häuslicher Gewalt gab es laut dem hessischen Justizministerium im Jahr 2019 an Frankfurter Gerichten (2020: 359). Vergleicht man sie mit der Zahl der Anzeigen, folgen nur in rund 41 Prozent der Fälle auch Konsequenzen.

Dann immerhin greift das Rechtssystem: 83 Prozent der Verfahren 2019 endeten mit einer Verurteilung (2020: 92 Prozent). Mit einer Einschränkung: Nur fünf Personen, also nicht einmal ein Prozent der Täter, kamen tatsächlich ins Gefängnis. Die meisten erhielten eine Geldstrafe. Sexualdelikte sowie Mord und Totschlag sind für Gerichte per Definition keine häusliche Gewalt und können auch nicht daraufhin ausgewertet werden, ob Täter und Opfer Partner waren.

Warum aber schrecken viele Frauen vor einer Verhandlung zurück, obwohl der erste Schritt bereits getan ist? Lindas Mann konnte sich gute Anwälte leisten. „Krieg“ nennt ihr Anwalt deren Vorgehen über Monate hinweg. In der Regel sei eher ein innerer Faktor ausschlaggebend. „Sie erklärte, sie habe ihm verziehen, er werde sich bessern.“ Kahls Anwaltskollege Warnecke vom Weißen Ring gibt einer glücklichen Zukunft der beiden wenig Chancen. „Wer so veranlagt ist, dass er seine Frau schlägt, drückt nicht auf einen Knopf und ist plötzlich anders.“ Man müsse aber auch sehen, dass die Konsequenzen einer Anzeige auf kurze Sicht ebenfalls enorm anstrengend seien: Scheidung, Wohnungssuche, Sorgerecht für die Kinder regeln. „Viele sind durch die lange Gewalterfahrung emotional und psychisch so zermürbt, dass sie erst einmal Hilfe brauchen, um überhaupt wieder auf die Beine zu kommen.“ Andererseits sei ein Schlussstrich immer eine Befreiung, sagt Doris Held vom Frauenhaus: „Vielen Frauen wird erst nach der Trennung bewusst, was es heißt zu leben, Freiheiten zu haben, tun und lassen zu können, was sie wollen.“

Linda hat es bis zu dem Punkt nicht geschafft, sondern „sie hat resigniert“, sagt ihr Anwalt. Sollte sie einen neuen Versuch wagen, werde er aber für sie da sein. Natürlich sei es erst mal frustrierend, alles wieder von vorne zu beginnen, aber wenn es dann klappe, gebe es einem das Gefühl, etwas bewirkt zu haben.

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