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Der Bundespräsident und seine Ehefrau Elke Büdenbender besuchen das „Mädchenbüro Milena“ in Frankfurt.

Steinmeier in Frankfurt

Signal der Zuwendung

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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besucht das „Mädchenbüro Milena“und lädt Menschen zum Dialog an eine Kaffeetafel im „Frankfurter Salon“.

Wie eine Welle flutet die Kolonne des Bundespräsidenten die stille Straße am Rande von Rödelheim. Eine Motorrad-Staffel der Polizei mit Blaulicht vorneweg, eine Reihe schwerer schwarzer Limousinen hinterher. Letzte geparkte Autos in der Umgebung sind kurz vorher abgeschleppt worden. Im „Mädchenbüro Milena“ fiebern sie seit Tagen dem Besuch entgegen. Etwa 70 Mädchen und junge Frauen mit und ohne Fluchthintergrund betreut der 2014 gegründete Verein.

Salamatu Jacobs ist eine von ihnen. Die 17-Jährige, in Ghana geboren, vor vier Jahren nach Deutschland gekommen, kommt seit zwei Jahren fast täglich ins Mädchenbüro. Sie wird später beim Mittagessen an der Seite des Bundespräsidenten sitzen und hat schon überlegt, was sie ihm sagen wird. „Er soll uns unterstützen“, wünscht sie sich, „wir brauchen größere Flächen.“ Und sie will ihn fragen, ob „er noch einfach so einkaufen gehen kann“. Aber das tut sie dann doch nicht.

Frank-Walter Steinmeier gelingt es mit wenigen Worten, eine Gesprächsatmosphäre herzustellen. Diese Signale sollen von seinem Besuch in Frankfurt ausgehen: zuhören, sich zuwenden, Verständnis zeigen. Auf dem Tisch dampfen afghanische Nationalgerichte mit Reis in den Schüsseln, Steinmeier und seine Ehefrau Elke Büdenbender nehmen sich zurück, lauschen, lassen sich berichten.

Ohne Umschweife

Und am Tisch kommen die Gastgeber denn auch ohne Umschweife zum Punkt. Ann-Kathrin Linsenhoff, die frühere Dressurreiterin, die mit ihrer Stiftung das Mädchenbüro unterstützt, berichtet, dass die Räume in Rödelheim zum Ende des Jahres geräumt werden müssen. Schon vorher sei die Suche nach einem Domizil in Frankfurt nicht leicht gewesen. „Man wollte uns einfach nicht in der Nachbarschaft.“

Bei der Suche nach einer neuen Unterkunft „könnte die Stadt was tun“, sagt die frühere Weltsportlerin. Steinmeier nickt und lächelt, er hat verstanden. Maneesorn Koldehofe, die Mitbegründerin des Mädchenbüros, skizziert ihre Pläne: Eine Kita soll zusätzlich entstehen, „wir brauchen 300 Quadratmeter innen, 200 außen“. Heute drängt sich alles auf 230 Quadratmeter zusammen.

Der Bundespräsident fragt die jungen Frauen nach ihren Zukunftswünschen. Salamatu Jacobs möchte Sozialpädagogin werden. „Ich will Bio studieren“, sagt eine andere Jugendliche. Steinmeier fragt eine der 38 ehrenamtlichen Helferinnen, selbst noch Schülerin, nach den Reaktionen in ihrer Klasse auf ihre Engagement. „Manche sagen, das ist komisch“, antwortet die – und fügt hinzu: „Mir ist egal, was andere denken!“ Lachen am Mittagstisch.

Drei Deutschkurse bietet „Milena“ täglich an, sie sind ausgebucht. Eine junge Türkin berichtet, wie rasch sie hier Deutsch gelernt hat. Ein Baby auf dem Schoß einer jungen Mutter kräht.

Einige der jungen Frauen haben gerade ein Praktikum bei Fraktionen des Frankfurter Stadtparlaments absolviert, das kam aber nicht so gut an. Salamatu Jacobs, der jungen Ghanaerin, hat ihr Praktikum bei einem Zahnarzt auch nicht so gefallen. „Haben Sie die Schreie der Patienten abgeschreckt?“, fragt der Bundespräsident und nimmt sich noch ein wenig Salat. Großes Gelächter. Vom Protokoll kommt ein Nicken: Zeit zum Aufbruch, der Terminkalender drängt.

Szenenwechsel. Eine Stunde später. Ganz bewusst im „Frankfurter Salon“ an der Braubachstraße, der Menschen mit Handicaps oder in sozialer Not beschäftigt, lädt der Bundespräsident zur Kaffeetafel ein.

An dem langen, festlich eingedeckten Tisch sitzen Menschen, die Steinmeier geschrieben, ihn um Hilfe oder Rat gebeten haben. Ein Flüchtling aus Äthiopien ist genau so dabei wie Nassif Khalil, der Migrationsbeauftragte der Frankfurter Polizei. Oder Frauen mit Kopftüchern.

Hier bleiben die Medienvertreter ausgesperrt, nur so soll ein wirklicher Dialog zustande kommen. Hinterher tritt Steinmeier vor eine Mauer aus Fernsehkameras und berichtet, dass er etwas „sehr Altmodisches“ versucht habe – nämlich „Menschen miteinander ins Gespräch“ zu bringen. Um die „Fragen von Zuwanderung und Integration“ sei es gegangen, auch um „die Dealer auf der Straße im Bahnhofsviertel“. Die Polizei, urteilt der Bundespräsident, tue ihr Möglichstes, um im Bahnhofsviertel „zu rechtsstaatlichen Verhältnissen zu kommen“.

Drei Monate vor der Europawahl, bei der ein Erstarken der rechtspopulistischen Parteien befürchtet wird, sucht Steinmeier das Gespräch mit den Menschen. „Lösungen aushandeln, das muss man trainieren“, sagt er.

Natürlich weiß auch der Politiker: „Das Problem ist nicht gelöst, wenn man darüber spricht“. Aber ein erster Schritt sei doch getan. Er will „viele anregen, Ähnliches zu tun“. Und er will seine Kaffeetafel „auch an anderer Stelle wieder aufbauen“.

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