Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Im House of Labour untergebracht: die Europäische Akademie der Arbeit (EAdA).
+
Im House of Labour untergebracht: die Europäische Akademie der Arbeit (EAdA).

Arbeitswelt

Franfurter Hochschuldirektor: „Ziel ist die Teilhabe der Beschäftigten“

  • Peter Hanack
    vonPeter Hanack
    schließen

Die Akademie für Arbeit in Frankfurt wird 100 Jahre alt. Ihr Direktor Martin Allespach will die Mitbestimmung stärken. Die Anfänge der Hochschule sind kurios.

Das Datum könnte symbolträchtiger nicht sein. Am 1. Mai, dem Tag der Arbeit, begeht die Europäische Akademie der Arbeit das 100-jährige Bestehen der gemeinsamen Stiftung des Deutschen Gewerkschaftsbundes DGB, des Landes Hessen und der Stadt Frankfurt. Die Stiftung trägt die Akademie und wurde am 1. Mai 1921 gegründet. Die offiziellen Feierlichkeiten wurden wegen Corona auf den Herbst verlegt. Wir haben Akademie-Direktor Martin Allespach gefragt, warum er denkt, dass eine gewerkschaftsnahe Hochschule auch heute noch gebraucht wird.

Professor Allespach, stimmt die Geschichte, wonach die Akademie für Arbeit gegründet wurde, weil die Handwerker und Bauarbeiter, die damals die Goethe-Universität errichteten, dort nicht auch studieren durften?

Theodor Thomas, Mitgründer der Akademie, war Dachdecker und ein Arbeiterintellektueller. Er weigerte sich, als Zimmermann beim Richtfest der Goethe-Universität mit dem Oberbürgermeister auf das neue Gebäude anzustoßen. Darauf angesprochen erklärte er, dass es ihn wurme, dass die Arbeiter die Universität zwar bauen, aber nicht darin studieren dürften. Einige Jahre später, nämlich 1921, gelang dann die Gründung der Akademie der Arbeit in der Universität Frankfurt. Frankfurt war schon damals eine recht offene Stadtgesellschaft mit einem aufgeklärten Bürgertum; in diesem Klima war es hier Thomas und Hugo Sinzheimer möglich, eine Arbeiteruniversität zu schaffen.

Was verbinden Sie mit diesem, nennen wir es Gründungsmythos?

Das Ziel war es, Beschäftigten ohne formellen Hochschulzugang die Teilhabe an Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zu ermöglichen. Ich denke, das ist bis heute auch nachweislich gut gelungen. Zum anderen erweitert es inhaltlich die Perspektive, bei der Beschäftigte nicht als abhängige Variable wirtschaftlicher Entscheidungen in den Blick genommen werden.

Inzwischen kann man auch andernorts ohne traditionelle Hochschulreife studieren ...

Aber einmalig geblieben ist das Angebot, ein Jahr lang auf wissenschaftlichem Niveau Arbeitsbeziehungen zu studieren. Das reicht dann von Arbeitsrecht über Tarifpolitik, Betriebswirtschaft, Sozialpolitik bis zur Zukunft der Arbeit und dem Erlernen von Projekt- und Konfliktmanagement.

Wer ist es, der heute bei Ihnen studiert?

VON DER ARBEITERUNIVERSITÄT ZUM HOUSE OF LABOUR

Wenn man so will, hat die Akademie der Arbeit zwei Geburtstage. Am 3. März 1921 wurde sie als „erste deutsche Hochschule für das Volk der Arbeit“ in Frankfurt gegründet. Die heutige gemeinsame Stiftung des Deutschen Gewerkschaftsbundes DGB, der das Land Hessen und die Stadt Frankfurt angehören und die die Akademie trägt, wurde am 1. Mai 1921 ins Leben gerufen.

Gründungsväter waren neben anderen Hugo Sinzheimer und Theodor Thomas. Sinzheimer war Sozialdemokrat und Jurist, er gilt in Deutschland auch als „Vater des Arbeitsrechts“. Der gelernte Dachdecker Thomas war Autor und SPD-Stadtverordneter in Frankfurt. Er leitete lange das sozialistische Bildungswesen in Hessen-Nassau.

1933 wurde die Akademie von der SA und der Kriminalpolizei zwangsweise geschlossen. Unter den Dozenten befanden sich viele Juden und Sozialisten. 1947 nahm sie ihren Lehrbetrieb wieder auf.

Der ursprüngliche Standort war die Mertonstraße im Stadtteil Bockenheim. 2015 bezog sie ihr heutiges Domizil an der Eschersheimer Landstraße, Ecke Miquelallee. Die Baukosten in Höhe von 25 Millionen Euro trug die IG Metall. Das Land Hessen stellte das Grundstück kostenlos in Erbbaurecht zur Verfügung.

Absolventen waren neben anderen Bundesarbeitsminister Walter Riester, der ehemalige IG-Metall-Vorsitzende Jürgen Peters, der hessische Sozialminister Armin Clauss, der Frankfurter Bürgermeister Achim Vandreike und der Darmstädter Oberbürgermeister Walter Hoffmann sowie Bundesarbeitsminister Walter Arendt.
Zu den Dozenten zählen Erik Nölting, Franz Oppenheimer, Otto Kahn-Freund, Henri de Man und Ernst Fraenkel sowie Wolfgang Abendroth.

2009 wurde sie zur Europäischen Akademie der Arbeit. Heute bildet sie zusammen mit den Schwesterorganisationen Academy und University of Labour das House of Labour.

Die Geschichte als Buch: Martin Allespach und Rainer Gröbel (Hrsg.), 100 Jahre Europäische Akademie der Arbeit, Bund Verlag, Frankfurt am Main,
ISBN 978-3-7663-7154-6. pgh

Das sind Menschen von 21 Jahren bis weit über die 50 hinaus. Voraussetzung ist eine abgeschlossene Ausbildung und zusätzlich mindestens zwei Jahre Berufserfahrung. Hinzu kommt eine Aufnahmeprüfung mit drei Klausuren und einer mündlichen Prüfung, bei der es um die Studierfähigkeit geht. Außerdem ist uns wichtig, dass die Studierenden bereits Erfahrungen und Kenntnisse etwa über die Mitbestimmung haben. Bei uns finden sich Kolleginnen und Kollegen aus ganz unterschiedlichen Beschäftigtengruppen: die Restaurantfachfrau genauso wie der Facharbeiter aus dem großen Automobilunternehmen.

Müssen alle, die an der Akademie studieren wollen, Mitglied in einer Gewerkschaft sein?

Nein, grundsätzlich sind wir als Stiftung für alle Interessierten offen. Gewerkschaften, die die Akademie zu einem erheblichen Teil mit finanzieren, haben aber selbstverständlich Vorschlagsrechte. Ein Viertel bis ein Drittel eines Jahrgangs verfügt übrigens bereits über einen akademischen Abschluss.

Es schadet für eine Gewerkschaftskarriere aber sicher nicht, die Akademie der Arbeit besucht zu haben, oder?

Nein, im Gegenteil. Das zeigen ja auch eindrücklich die beruflichen Laufbahnen unserer Absolventinnen und Absolventen. Die Akademie ist bei Gewerkschaften eine bestens bekannte Institution.

Immer mehr Menschen arbeiten als Selbstständige, sind nicht gewerkschaftlich organisiert, arbeiten in Unternehmen ohne Tarifbindung oder zunehmend im Homeoffice. Was heißt das für Ihre Arbeit?

Die Voraussetzungen dafür, Menschen dazu zu bringen, sich zu organisieren und zu engagieren, sind in der Tat voraussetzungsvoller geworden. Im House of Labour, zu dem die Akademie heute gehört, versuchen wir das unter anderem in unseren Curricula abzubilden. So ist zum Beispiel das Thema, wie Beteiligungsprozesse gestaltet werden können, Gegenstand unseres Seminarangebots. Es geht darum, Politik für die Menschen zu machen, und das geht nur mit ihnen zusammen. Als Herausforderung bleibt, die Arbeit zu gestalten und zwar so, dass sich für die Beschäftigten dabei Teilhabe und Entwicklungsperspektiven verbinden.

Interview: Peter Hanack

Martin Allespach (59) ist seit 2014 Leiter und Direktor der Europäischen Akademie der Arbeit; gemeinsam mit Rainer Gröbel ist er Geschäftsführer der 2015 gegründeten Academy of Labour und Präsident der neu gegründeten University of Labour. Zuvor war er viele Jahre in verschiedenen Fach- und Führungsfunktionen bei der IG Metall.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare