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Frakfurt: Die Kinder retten – und stets erinnern

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Von: Thomas Stillbauer

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Angelika Rieber engagiert sich beim regelmäßigen Besuchsprogramm.
Angelika Rieber engagiert sich beim regelmäßigen Besuchsprogramm. © Andreas Arnold

Ein Vortrag am Freitag und ein Rückblick auf den Besuch jüdischer Nachfahren in Frankfurt.

Aus dem Buch „Rettet wenigstens die Kinder“ liest die Historikerin Angelika Rieber am Freitag, 8. Juli, ab 19.30 Uhr in der Zentralbibliothek der Stadtbücherei, Hasengasse 4. In dem Buch beschäftigen sich die Autorinnen und Autoren mit Kindertransporten aus Frankfurt zur Zeit der Nazidiktatur: Etwa 20 000 Kinder seien nach dem Novemberpogrom 1939 aus der Stadt gerettet worden. Das Buch macht die Lebenswege und die Schicksale der Angehörigen anhand von Briefen, Bildern, Dokumenten und Tagebucheinträgen lebendig, kündigt Mitherausgeberin Rieber an. Der Eintritt ist frei.

Rieber engagiert sich auch beim regelmäßigen Besuchsprogramm für die Kinder und Enkel der vom nationalsozialistischen Terror verfolgten Frankfurterinnen und Frankfurter. Eine Gruppe war im Juni auf Einladung der Stadt in der früheren Heimat der Eltern und Großeltern zu Gast.

Viele der Teilnehmenden seien mit dem Schweigen ihrer ausgewanderten Angehörigen über die Vergangenheit aufgewachsen, berichtet Rieber. Andere seien mit Geschichten aus Frankfurt groß geworden, und allen sei es wichtig, die Orte des Lebens ihrer Vorfahren in Frankfurt und der Umgebung kennenzulernen: Wohnadressen, Schulen, die Arbeitsstätten – und die Gräber.

Das Projekt Jüdisches Leben in Frankfurt, an dem Angelika Rieber seit Jahren arbeitet, unterstützt diese Spurensuche, recherchiert für die Gäste und begleitet sie während ihres Aufenthalts. Sie konnten einander bei „Get-togethers“ kennenlernen, an einer Stadtrundfahrt teilnehmen, und sie sprachen in Schulen, um mit jungen Menschen in Kontakt zu kommen.

Es gab einen Besuch im Bunker an der ehemaligen Synagoge und einen am Kindertransportdenkmal – bewegend vor allem für die Brüder Melwyn und Danny Kalman in der Besuchergruppe; ihr Vater Hans hatte mit seinem Bruder Erich dank eines Kindertransports fliehen können, so wie auch Renate Adler.

An einem Abend besuchten die Gäste den Shabbat-Gottesdienst in der Westendsynagoge, dort, wo viele der Vorfahren ihre Bar-Mizwa erhalten hatten. Am Wochenende fuhren einige der Besucherinnen und Besucher in die Orte, in denen Verwandte gelebt hatten. Susan Merzbach etwa nach Wickrath, wo ihr Urgroßvater einst eine Lederfabrik besaß, Susan und Carrie Berman nach Mannheim, von wo die Familie der Großmutter stammte. Frederico Lubelski war als einziger Teilnehmer der Besuchergruppe noch in Frankfurt geboren worden. Seine beiden Söhne und die Tochter begleiteten ihn nach Langsdorf – dort war er bei seinem Großvater aufgewachsen, ehe beide 1939 den Eltern nach Argentinien folgten.

Die Geschwister Wendy und John Schmelzer führte der Besuch unter anderem nach Offenbach, wo ihr Vater aufgewachsen war und die Großeltern ein großes Bekleidungsgeschäft besaßen. In Hanau wandelten sie auf den Spuren des Großonkels Fritz und der Urgroßmutter Jeanette, die nach Theresienstadt deportiert worden waren. In Wehrheim, wo die fünf Kinder von Jeannette Hirsch geboren wurden, war die Familie über Generationen verwurzelt – das zu erleben, berichtet Angelika Rieber, „weitete den Blick auf einen Teil der deutsch-jüdischen Geschichte, der ihnen bislang nicht bekannt war“. Ihr Bild von Deutschland sei zuvor allein auf die Verfolgung in der Zeit des Nationalsozialismus fokussiert gewesen.

Die Erfahrungen hätten die Gruppe beim Besuchsprogramm sehr bewegt, sagt Rieber. In ihrer auf Englisch gehaltenen Abschlussrede sagte Wendy Schmelzer, viele von ihnen hätten nur vage Informationen über die Wurzeln ihrer Vorfahren gehabt. Die Entdeckungen auf der Reise in die Vergangenheit seien tiefgreifend und hätten in ihr vieles verändert.

Nun sind einige neue Stolpersteine für Angehörige aus der Gruppe beantragt, und viele Frankfurter Schülerinnen und Schüler wissen nach den Gesprächen mehr darüber, welche Verantwortung sie für das Zusammenleben haben: „Sie sind die Zukunft“, lautet eines der Resümees. Ein anderes: dass der zunehmende Antisemitismus Sorge bereitet. Der Schluss daraus: „Zusammen haben wir noch viel Arbeit vor uns.“

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