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Das Alte Zollhaus an der B3 zwischen Frankfurt und Bad Vilbel.
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Das Alte Zollhaus an der B3 zwischen Frankfurt und Bad Vilbel.

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Frankfurt: Rund um das Alte Zollhaus ticken die Uhren ein wenig anders

  • Stefan Behr
    VonStefan Behr
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Merkwürdigkeiten gibt es in Frankfurt genug. Das Alte Zollhaus auf dem Heiligenstock ist ein Beispiel dafür.

Frankfurt - Mittenmang der B3, welche die Mainmetropole mit der weiten Wetterau verbindet, klafft ein Riss im Zeitgefüge. Frankfurter, die zu Besuch in Bad Vilbel sind, stellen immer wieder fest, dass einem die Hinfahrt viel länger vorkommt als die Rückfahrt. Das liegt daran, dass sie tatsächlich länger dauert. Das macht der Riss.

Die Zeit ist hier aus den Fugen geraten. Auf dem Heiligenstock rast sie. Wunderschön, aber viel zu schnell geht dort die Sonne unter. Noch während man eine der saftigen Brombeeren vom Strauche klaubt, sind zwei neue nachgewachsen. Gegenüber auf dem Lohrberg hingegen fließt der Strom der Zeit zäh wie geschmolzener Handkäs. Wer an einem sonnigen Feiertag im Main-Äppel-Haus auf sein Schmalzbrot wartet, der kann lange warten. Und manch unglücklichem Besucher der Lohrberg-Schänke ist in der Agonie nach der Rippchen-Bestellung der Bart durch den Tisch gewachsen und musste gegen üppiges Trinkgeld freigeschnitten werden.

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„Frankfurt steckt voller Merkwürdigkeiten“, hat Goethe einst gesagt. Merkwürdig ist auch, dass Frankfurt heute voller Goethe steckt. Aber ein paar Merkwürdigkeiten haben den Dichterfürsten überlebt. Andere sind gar neu dazugekommen.

Die FR stellt sie in loser Reihenfolge vor. Einige davon könnten Ihnen merkwürdig vorkommen. Aber genau das sollen Merkwürdigkeiten ja auch.

Das Alte Zollhaus in Frankfurt wurde 1775 erbaut

Aber das sind Kleinigkeiten. Der Riss in der Zeit macht noch ganz andere Dinge möglich. Hoch oben auf der Heiligenstock-Seite steht das Alte Zollhaus. Im Alten Zollhaus steckt eine alte Kanonenkugel. Über diese informiert ein Schild: „Diese Kanonenkugel stammt aus der Schlacht bei Bergen im ,Siebenjährigen Krieg‘ am 13. April 1795 zwischen Preußen und Frankreich. Sieger war der französische Marschall Herzog von Broglie, der gegen Generalfeldmarschall Prinz von Braunschweig-Wolfenbüttel gewann.“

Das ist nun in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Zum einen tobte der Siebenjährige Krieg nach offizieller Geschichtsschreibung von 1756 bis 1763. 1795 hatte er sich längst ausgetobt. Und tatsächlich wurde an einem 13. April die Schlacht von Bergen geschlagen, allerdings im Jahre des Herrn 1759. Das Alte Zollhaus hingegen wurde 1775 erbaut und wäre, so die Kugel in jener Schlacht abgefeuert worden wäre, 16 Jahre vor seiner Fertigstellung beschossen worden – und so schnell schießen selbst die Preußen nicht.

Hier eingeschlagen hat die Kanonenkugel offensichtlich nicht.

Altes Zollhaus in Frankfurt: Hier fliegen Kugeln durch die Zeit

Gibt’s doch gar nicht? In Frankfurt schon. Hier fliegen Kugeln nicht nur durch den Raum, sondern auch durch die Zeit. Hier wähnt sich ein taufrischer Franzosenmarschall in der Zeitrafferzone im Sechs-Tage-Krieg, während der Slow-Mo-Preußenprinz gegenüber sich gefühlt in der Endphase des Dreißigjährigen Krieges befindet, ein wenig die Lust verloren hat und die Schlacht verliert. Da kann ihm keiner einen Strick draus drehen.

Es gibt noch eine andere Kanonenkugelgeschichte. In der wird behauptet, dass es „während des Koalitionskrieges 1779 zum Gefecht im Gelände zwischen der Berger Warte und dem Zollhaus am Heiligenstock kam. Die Kugel, die einst im Hause einschlug, hat man neben dem Eingang in der Mauer befestigt. Zur Erinnerung entstanden in süßer Form die ,Frankfurter Kugeln‘“.

Auch das wäre zeitlinear außergewöhnlich, denn nach historischer Lesart begannen die durch die Wirren der Französischen Revolution ausgelösten Koalitionskriege 1792 und endeten 1815. Aber es steht zu vermuten, dass diese Version vom Langener Naschwerkfabrikanten „Concorde“ in die Welt gesetzt wurde, um dessen „Frankfurter Kugeln“ an die Kunden zu bringen. Eine mit 20 Waffelkugeln bestückte Tüte kostet 5,50 Euro und ist „derzeit nicht lieferbar“. Jedenfalls nicht auf der Lohrberg-Seite des Zeitrisses. (Stefan Behr)

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