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FR Serie: Beziehungsstatus: Befreundet

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Von: Andreas Hartmann

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Italien und Deutschland als beste Freundinnen: Lithografie von Nikolaus Hoff nach Johann Friedrich Overbeck, 1830. Foto; Freies Deutsches Hochstift/Frankfurter Goethe-Museum (2)
Italien und Deutschland als beste Freundinnen: Lithografie von Nikolaus Hoff nach Johann Friedrich Overbeck, 1830. Foto; Freies Deutsches Hochstift/Frankfurter Goethe-Museum (2) © Freies Deutsches Hochstift/Frankfurter Goethe-Museum

Das Deutsche Romantik-Museum in Frankfurt befasst sich mit den ganz großen Gefühlen. Hier forscht Wolfgang Bunzel über eines der schönsten – die Freundschaft. Er ist überzeugt: Die ist heute ständig gefährdet

Menschliche Beziehungen sind eine komplexe Sache. Da gibt es natürlich die Familie, aber auch die Nachbarin und den Kollegen, die Sportkameradin und den Bekannten. Und dann die Freundschaften. Die kann man heutzutage bei Facebook mit einem Mausklick über Grenzen hinweg schließen, unkompliziert und wohl auch ziemlich unverbindlich.

„Da haben wir Likes und Friends, aber keine wirklichen Freundschaften“, sagt Wolfgang Bunzel vom Deutschen Romantikmuseum, Teil des Freien Deutschen Hochstifts, zu dem auch das Frankfurter Goethehaus gehört. „Freundschaft ist heute ständig gefährdet.“ Es seien keine einfachen Zeiten für wahre Freundschaften, meint er. „Moderne Kommunikationsmittel spielen eine ambivalente Rolle. Ständig piepst das Handy. Das ist sehr schädlich. Das setzt Freundschaft unter eine ständige Spannung. Im Internet ist ‚Friends‘ eine Allerweltskategorie, in der Romantik war Freundschaft die höchste Steigerungsform. Das wünschen sich Menschen auch heute und bekommen nur Like-Freundschaften. Man hat viele Kontakte, aber das funktioniert nicht, obwohl sich das viele sehr, sehr wünschen.“

Bunzel könnte man mit Fug und Recht einen Freundschaftsexperten nennen. Der 62-jährige Germanist forscht nicht an sentimentalen Liebesschwüren, Blinkherzen oder ähnlichem Kitsch, sondern beschäftigt sich mit einer der wichtigsten geistesgeschichtlichen Epochen Europas, die uns bis heute prägt.

Im vor einem Jahr neu eröffneten Romantikmuseum geht es um die ganz großen Gefühle, klug und spielerisch präsentiert mit herausragenden originalen Briefen, Gemälden, Tagebüchern oder Manuskripten. Und natürlich stehen auch die Beziehungen von Denkerinnen und Dichtern untereinander im Mittelpunkt.

Nun ist Freundschaft sicher keine Erfindung der Romantik. „Gewaltsam lässt sich ein Freund weder gewinnen noch halten, dagegen machen ihn Güte und liebevolles Wesen zugänglich und anhänglich“, rät schon der antike Philosoph Xenophon. Man könnte Konfuzius zitieren, die Bibel oder Cicero. Dass Menschen sich mögen, auch ohne erotische Anziehungskraft, das gibt es wohl, seit unsere Spezies zusammenlebt.

Und doch könnte man von einer Neuentdeckung, einer Weiterentwicklung dieser zutiefst menschlichen Sache in der Zeit um 1800 sprechen. „Damals verändert sich das Konzept der Freundschaft - sie wird zu einer engen Beziehung von zwei oder mehr Menschen, die sich abkapseln. Es gibt dafür keine Bedingungen. Wenn zwei das Gefühl haben, dass sie miteinander befreundet sind, ist es schon eingetreten. Das nähert Freundschaft ans Liebeskonzept an“, sagt Bunzel. „Da ist man ohne Sexualität in romantischer Liebe als idealer Freundschaft verbunden.“ Diese Nähe der beiden Konzepte sei um 1800 neu, noch Kant habe im 18. Jahrhundert die Ehe als Vertrag verstanden.

Achim von Arnim und Clemens Brentano sind so etwas wie ein Vorzeigefreundespaar im Museum. Die beiden jungen Männer hatten sich beim Studieren kennengelernt. „Das ist ein Klassiker, in der Schule oder bei der Ausbildung finden junge Menschen bis heute zusammen“, erzählt Bunzel. „Damals hat man sich an der Uni gesiezt, das war eine hohe Schwelle. Duzen hatte einen Intimitätscharakter. Das gab es nur zwischen Eheleuten und Verwandten. Goethe und Schiller zum Beispiel haben sich immer gesiezt. Heute gibt es die Tendenz, jeden zu duzen. Das suggeriert Nähe und Zuwendung.“

Arnim und Brentano wollten ihre noch ziemlich neue Beziehung mit einem gemeinsamen Erlebnis auf feste Beine stellen, bevor Arnim – alleine – auf eine mehrjährige Kavaliersreise durch Europa gehen sollte, wie es die Familie wünschte. „Ohne Whats-app war das ein absoluter Härtetest für eine Freundschaft“, sagt Bunzel. „Man konnte ja kaum kommunizieren.“

Der Gedanke, der hinter der gemeinsamen Reise und hinter dem Freundschaftskonzept der beiden steckte, sei doch sehr modern, betont Bunzel. Die Rheinreise, im Museum als Comic fantasievoll in Szene gesetzt, führte sie im Juni 1802 von Frankfurt nach Koblenz. Es sollte ein Zeichen sein, dass diese Freundschaft großgeschrieben werden muss. „Sie zelebrieren das regelrecht.“

Moderne Formen der Freundschaft – etwa zwischen den Geschlechtern, vorher kaum vorstellbar – sind in den vergangenen 200 Jahren selbstverständlich geworden, als Errungenschaft dieser Zeit, die viel ausprobierte. „Überholte Moralvorstellungen treffen auf Lebensexperimente. Von diesen vielfältigen Formen profitieren wir heute. Romantik war eine Form von Avantgarde, auch im Bereich der Lebensmodelle. Danach gibt es wieder eine Rekonventionalisierung bis zu einem neuen Aufbruch um 1900. Es ist wichtig, sich daran zu erinnern. Es wäre blind zu meinen, das hätten erst die 68er erfunden.“

Beschrieben wird das zum Beispiel im Skandalroman „Lucinde. Bekenntnisse eines Ungeschickten“ von Friedrich Schlegel, ebenfalls ein Ausstellungsstück des Museums. „Lucinde“ handelt vom Verhältnis eines jungen Mannes zu einer deutlich älteren Frau, wo auch die Freundschaft Teil des Liebeskonzepts ist. „Auch damals gehörte der Skandal schon zur Kunst – das hat die Romantik miterfunden. Es war eine Rebellion gegen festgesetzte Normen“, sagt Bunzel. Der Autor lebte selbst in wilder Ehe mit Dorothea Veit, geborene Mendelssohn. „Das Konzept der romantischen Liebe ist voller Sprengkraft. Die ideale Person zu finden, ist fast eine Unmöglichkeit. Ein Liebesverhältnis soll auch noch Freundschaft umfassen.“

Der Experte ist überzeugt: Die Romantik kann uns Heutigen „als ferner Spiegel dienen“, auch im Umgang mit Freundschaften. Denn selbst ein so grundlegendes, ein scheinbar ewig beständiges Gefühl wandelt sich – nicht unbedingt zum Besseren, wie Bunzel meint. „Heute hat man den Anspruch, dass die eigene Weltanschauung geteilt wird. Das unterscheidet uns von den Generationen vor uns. Freundschaft wird zum Ausweis für die eigene Individualität und damit zum Minenfeld. Das höhlt das Konzept Freundschaft aus. Denn dazu gehören Verstehen und Verzeihen, sonst funktioniert es nicht.“

Auch die „Herzensfreunde“ Brentano und Arnim gerieten nach großen Erfolgen, unter anderem dem gemeinsam herausgegebenen monumentalen Buch „Des Knaben Wunderhorn“, schließlich in eine Krise. Grund war die intensive Hinwendung Brentanos zum Katholizismus, die für den preußischen Protestanten Arnim nicht nachvollziehbar war. „Es gab aber keinen Krach“, berichtet Bunzel. „Beide beachteten einander weiterhin, auch als ihre Freundschaft in der Krise war. Weltanschauung als Wohl und Wehe, das ist hingegen etwas ziemlich Neues.“

Freundschaft sei fragil geworden. „Wie viele Zugeständnisse macht man? Habe ich 87 Prozent Matching oder doch 92 Prozent? Es geht scheinbar immer noch besser, auch bei Freundschaften. Wir sind ständig an vielfältige Optionen gewöhnt. Das kennen wir auch aus der Warenwelt, aber diese vielen Wahlmöglichkeiten befriedigen uns nicht.“

Der Charakter von Freundschaft verändere sich. „Wir sind heute Zeugen von konsekutiven Freundschaften, die einander ablösen, nach Wohnort und Lebensphasen. Das ist dann häufig Freundschaft auf Abruf. Man könnte von Lebensabschnittsfreunden sprechen. Wenn man umzieht an einen neuen Wohnort, dann mistet man auch seine sozialen Beziehungen aus. Das ist mit Trauer verbunden.“

Wie viele Freundinnen und Freunde kann man haben? „100 auf keinen Fall! Das kann man schon zeitlich gar nicht leisten, nicht einlösen. Nein, es kann kaum in den zweistelligen Bereich gehen. Aber einer, eine muss es auch nicht sein, nicht notwendigerweise“, sagt Bunzel überzeugt.

Er rät: Freundschaften muss man pflegen, die Rheinreise Brentanos und Arnims war dafür eine gute Idee. Gemeinsame Dinge zu erleben, das sei sehr wertvoll. „Schauen Sie sich doch mal gemeinsam das Romantikmuseum an! Und reden Sie darüber miteinander!“

Wolfgang Bunzel forscht nicht nur zur Freundschaft in der Epoche der Romantik.
Wolfgang Bunzel forscht nicht nur zur Freundschaft in der Epoche der Romantik. © Monika Müller

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