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Foto-Projekt spiegeltVielfalt im Viertel

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Jannis Plastargias (l.) und die Teilnehmer:innen des Foto-Workshops begutachten die Ergebnisse.
Jannis Plastargias (l.) und die Teilnehmer:innen des Foto-Workshops begutachten die Ergebnisse. © Michael Schick

Jugendmigrationsdienst im Gallus in Frankfurt fördert Teilhabe und Zusammenarbeit von jungen Menschen aus aller Welt. Von Elisa Schwarzer.

Mit leicht vorwurfsvollem Blick schaut Jannis Plastargias auf seine Armbanduhr. Es ist kurz vor halb sechs. Eigentlich sollte das Treffen an der Frankenallee 103 um 17 Uhr beginnen. Aber „pünktlich ist hier fast niemand“, sagt der 46-Jährige lachend, „daran haben wir uns schon gewöhnt.“

Plastargias leitet den Jugendmigrationsdienst im Quartier (JMDiQ), ein Modellprojekt für Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf. Es ergänzt das Angebot der Jugendmigrationsdienste (JMD), die in 492 deutschen Städten tätig sind. Im Gegensatz dazu konzentrieren sich die Jugendmigrationsdienste im Quartier auf einen bestimmten Teil der Stadt, den die Kinder und Jugendlichen durch Aktionen und Projekte aktiv mitgestalten können. Sie erhalten die Möglichkeit, sich in das Quartiersgeschehen einzubringen, Kontakte zu knüpfen und kreative Ideen zu verwirklichen – alles in einem kleineren, vertrauten Bezugsrahmen. Die Räumlichkeiten und den Träger teilen sich JMDiQ und JMD.

In Frankfurt unterstützt der Internationale Bund das Projekt. Angesiedelt ist es im Gallusviertel, einem der bevölkerungsreichsten und am schnellsten wachsenden Stadtteile, der lange Zeit mit Arbeitslosigkeit und Kriminalität zu kämpfen hatte.

Unter den 16 Standorten in der gesamten Bundesrepublik ist der Jugendmigrationsdienst Gallus der einzige, dessen Budget und Personalschlüssel auch nach Ablauf der offiziellen Projektförderung Ende 2021 nicht gekürzt wurden. „Anscheinend waren wir erfolgreich“, sagt Plastargias erfreut. Mehr als 100 Projekte haben er und sein Team in den vergangenen vier Jahren umgesetzt – das ist Rekord.

Teilnehmen konnten Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 12 und 27 Jahren. Ob jemand eine Migrationsgeschichte habe, sei egal: Prinzipiell stünden die Angebote allen Interessierten offen. „Der Name ‚Jugendmigrationsdienst‘ ist eigentlich etwas irreführend“, räumt Plastargias ein.

Umso wichtiger ist es, dass die Projekte eine breite Spanne von Interessen abdecken. Im Gallus wurden bislang mehrere Filme gedreht, Wände mit Graffiti verschönert oder während einer Gaming-Session Computerspiele gespielt. Es gab Tanz- und Musikkurse sowie mehrtägige Projekte im Bereich der politischen Bildung. Auch der Fotoworkshop, dessen Nachbesprechung heute stattfinden soll, gehört zum Angebot des Jugendmigrationsdiensts im Quartier.

Mittlerweile haben sich die ersten Teilnehmer:innen am großen Holztisch im Kellerraum eingefunden. Unter ihnen der 19-jährige Malte, der mit seinem langjährigen Freund Till das Fotoprojekt betreut hat. Die Arbeit war für ihn nicht frei von Hindernissen: „Zuerst wusste ich nicht, ob das, was ich erkläre, überhaupt ankommt“, erzählt der Abiturient. Doch schon nach kurzer Zeit konnten die anfänglichen Sprachbarrieren überwunden werden.

Acht Monate lang übten sich Till, Malte und die Jugendlichen in technischen Grundlagen, Motivauswahl und Bildbearbeitung. Die Grenzen zwischen „leiten“ und „teilnehmen“ verliefen fließend: Der Workshop sei ein „Gemeinschaftsprojekt“, bei dem Austausch, Partizipation und Zusammenarbeit im Vordergrund stünden – wie auch sonst beim JMDiQ. „Ich versuche, die Rahmenbedingungen zu schaffen, aber umsetzen sollen die Jugendlichen die Dinge selber“, sagt Plastargias.

Dieser Ansatz gefällt auch Malte. Trotz vorheriger Erfahrung habe er während des Workshops viel dazugelernt. „Hier werden uns Vertrauen und Freiheiten geschenkt“, sagt er. Das Abschlussprojekt, einen Jahreskalender mit Motiven aus ganz Frankfurt, hat er gemeinsam mit Till bearbeitet und zusammengestellt – zu sehen sind Fotos der Jugendlichen, die ihren Workshop besucht haben.

Eine von ihnen ist Atena, die vor zweieinhalb Jahren aus dem Irak nach Deutschland gekommen ist. Schon vor ihrer Ankunft in Frankfurt habe sie gerne fotografiert, erzählt die Schülerin, am liebsten Blumen oder die Natur. Nach dem Besuch des Workshops habe sie ein Praktikum in einem Fotostudio absolviert und im Anschluss regelmäßig dort ausgeholfen. „Ich liebe Fotografieren“, schwärmt sie.

Für die kommenden Monate hat das Team des Foto-Workshops schon die nächste Aktion geplant. Im Frühjahr werden am Quartierspavillon an der Quäkerwiese Porträts und kurze Texte der Teilnehmer:innen gezeigt. Das größte Projekt folgt jedoch im Sommer: eine eigene Ausstellung im Internationalen Theater, mit Vernissage, Finissage und Erzählgespräch. Die ersten Bilder sollen in wenigen Wochen entstehen.

Atena wird wieder dabei sein. Und auch den Ort für ihr nächstes Praktikum kennt sie schon: selbstverständlich ein Fotostudio.

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