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Die Villa Speyer, Frankfurt-Sachsenhausen, Forsthausstraße 70, im Jahr 1902. Heute bekannt als Villa Kennedy an der gleichnamigen Allee

NS-Zeit

Frankfurt und die „Arisierungen“

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Die Stadt bringt endlich eine Studie zu ihrer Rolle bei der Enteignung jüdischer Immobilien in der NS-Zeit auf den Weg. 

Mit einer auf drei Jahre angelegten Studie will die Stadt Frankfurt ihre Rolle bei der Enteignung jüdischer Grundstücke und Immobilien während der NS-Zeit erforschen. Der Frankfurter Magistrat hatte die Studie im November vergangenen Jahres beschlossen. Die Forschungsarbeit soll laut einer Sprecherin des Kulturdezernats „Mitte des Jahres“ beginnen.

Derzeit besprechen die Stadt und das Fritz-Bauer-Institut, das den Forschungsauftrag vergeben soll, die genaue Ausgestaltung. Nach FR-Informationen will die Stadt Frankfurt für die Studie 300 000 Euro zur Verfügung stellen.

Frankfurt hatte vor dem Krieg eine der größten jüdischen Gemeinden in Deutschland. Es wirft kein gutes Licht auf die Stadt, dass es 74 Jahre dauert, bis zu diesem Themenkomplex eine Studie beginnt. Sybille Steinbacher, seit Mitte 2017 Direktorin des Frankfurter Fritz-Bauer-Instituts, das die Geschichte des Holocaust erforscht, formuliert es so: „Ich bin erstaunt, dass es historisch noch nicht tiefer erforscht wurde.“

Andere Städte sind weiter. Der Historiker Frank Bajohr veröffentlichte 1996 seine Schrift „Arisierung in Hamburg – Die Verdrängung jüdischer Unternehmer 1933-1945“. In den folgenden Jahren zogen zum Beispiel München, Mannheim und Berlin nach und beleuchteten das dunkle Kapitel der eigenen Stadtgeschichte. „Das ist in Frankfurt ausgeblieben, das erstaunt mich“, sagt Steinbacher.

Wer weiß, ob es die Studie überhaupt gäbe, wenn nicht der Stadtführer Dieter Wesp die Verantwortlichen wachgerüttelt hätte. Nachdem er das Fritz-Bauer-Institut über die umfassende Liste der „arisierten Immobilien“ informiert hatte, initiierte das Institut im Februar 2018 an der Goethe-Uni einen Workshop zu dem Thema. Teilnehmer waren neben Wesp jene Wissenschaftler, die sich in den zuvor genannten Städten mit dem Thema befasst hatten. 

Frankfurt: Ausstellung im Historischen Museum geplant

Ziel des Workshops war es laut einem Handout, „anhand der verschiedenen kommunalen Beispiele, zu denen Impulsvorträge gehalten werden, den Forschungsstand zu diskutieren und zu überlegen, wie in Bezug auf Frankfurt die Quellensituation einzuschätzen ist und welche weiterführenden, neue Fragestellungen sich gegebenenfalls entwickeln lassen“. Ziemlich genau ein Jahr später findet heute Abend im Haus am Dom eine Podiumsdiskussion mit einer ähnlichen Fragestellung statt.

Wie der Zuschnitt der Studie aussehen soll, will Steinbacher vor Abschluss der Gespräche mit der Stadt nicht verraten. „Es geht darum, die Besonderheiten der Stadt herauszuarbeiten“, sagt sie. Interessant sei die „Personalkontinuität“ in Frankfurt mit Adolf Miersch. „Die gibt es andernorts nicht.“

Die Inhaberin der Holocaust-Professur an der Goethe-Uni steht seit vergangenem Jahr im Austausch mit der Geschichtswissenschaftlerin Doris Eizenhöfer, die derzeit ihre Doktorarbeit zu dem Thema der „Arisierungen“ in Frankfurt verfasst. Miersch steht laut Eizenhöfer nicht im Fokus ihrer Arbeit. Sie versucht vielmehr die Kontinuität in der Baupolitik herauszuarbeiten und beleuchtet die Geschichte einzelner Projekte bis in die 60er Jahre. Leicht werde die Arbeit mit der von Miersch erstellten Liste nicht, weiß Eizenhöfer: „Die Quellenlage ist extrem unterschiedlich.“

Der Podiumsdiskussion im Haus am Dom wird im März eine zweitägige Tagung des Historischen Museums mit dem Thema „Frankfurt und der Nationalsozialismus“ folgen. Unter diesem Namen soll es ab September 2020 auch eine Ausstellung im Historischen Museum geben. Es ist die erste große Ausstellung des Hauses zu dem Thema. 75 Jahre nach dem Ende des NS-Regimes.

Frankfurt: Podiumsdiskussion zur Arisierung im Haus am Dom

Das Haus am Dom (Domplatz 3) lädt für heute, 31. Januar, von 19.30 Uhr bis 21.30 Uhr zu einer Podiumsdiskussion mit dem Titel „Arisierungen und die Rolle der Stadt Frankfurt – Stand und Perspektiven der Forschung“ ein. Der Eintritt ist frei.

Auf dem Podium sitzen Heike Drummer vom Jüdischen Museum, Jan Gerchow vom Historischen Museum, Thomas Bauer vom Institut für Stadtgeschichte, Julius Reinsberg aus dem Kulturdezernat, Stadthistoriker Dieter Wesp und der Autor Armin H. Flesch. Moderieren wird Rachel Heuberber von der Goethe-Universität. ote

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