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Forschen für alle in Frankfurt

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Von: Thomas Stillbauer

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Beißt nur Bleistifte: der Waschbär in der Forschungswerkstatt. Wer will, darf sein Fell fühlen.
Beißt nur Bleistifte: der Waschbär in der Forschungswerkstatt. Wer will, darf sein Fell fühlen. © christoph boeckheler*

Senckenberg macht seine „Aha?!“-Werkstatt zum Mitmachen auf. Darin können Laien von Profis lernen – und umgekehrt. Anfassen erlaubt.

Es ist die Wissenschaft, immer wieder die Wissenschaft, die uns wachsen, aber vor allem staunen lässt – und die interessante Fragen stellt. Tugba Kalkan stellt gerade eine: „Lieber erst mal die Menschenschädel anfassen?“ Die Frage können sich Besucherinnen und Besucher des Senckenberg-Naturmuseums künftig häufiger stellen. Und mal ganz ehrlich: Wo kann man das sonst?

Diverse Schädel lassen sich in der neuen Senckenberg-Abteilung namens „Aha?! Forschungswerkstatt“ widerstandslos anfassen. Es sind allerdings keine echten. Aber der Waschbär schon, der hat mal gelebt, und man darf ihn anfassen. Ein Fuchsfell streicheln. Oder – festhalten – einen mindestens 100 Millionen Jahre alten Ammoniten berühren. Hundert Millionen? Steht jedenfalls auf dem Schild. Es ist aber auch immer jemand in der Nähe, um Nachfragen zu beantworten: Ist dieser 100 Millionen Jahre alte Ammonit wirklich echt – und wirklich so alt? Ja, original. Was ist eigentlich ein Ammonit? Ein leider ausgestorbener Kopffüßler. Daneben liegt eine Schnecke. Eine große Schnecke. Genauso alt. Und genauso echt.

An die 100 Objekte haben die Kuratorinnen Eva Roßmanith und Tugba Kalkan für das Herzstück des neuen Angebots zusammengetragen, das an diesem Samstag öffnet. Wer will, kann einem Hai ins Maul fassen oder einem Floh ins Auge schauen. Fünf verschiedene Eier vergleichen, von der Wachtel bis zum Strauß. „Das ist der Startpunkt“, sagt Eva Roßmanith, „der Raum zum Aktivwerden.“ In einer immer digitaleren Welt einfach mal was anfassen. „Das gefällt nicht nur Kindern, das finden auch Erwachsene toll. Einfach entdecken lernen, das war die Kernidee.“ Mit ein wenig Anleitung von den Profis.

Dieses Herzstück des Raumes besteht aus verschiebbaren, rollbaren Regalen, wie sie wissenschaftliche Sammlungen haben, es ist eine sogenannte Kompaktusanlage und wirkt enorm authentisch. Drumherum hat das Künstlerkollektiv „YRD.works“ einen Rahmen für seine Rauminstallation entwickelt: Arbeitsplätze quasi, um selbst Forscherin und Forscher zu werden. Da lassen sich Mollusken und Insekten mikroskopieren („Was hat Haare auf den Augen?“), es gibt alles über das Forschungsschiff „Sonne“ zu erfahren, und das Citizen-Science-Projekt „WildLive“ führt direkt zu den wilden Tieren Boliviens, zum bedrohten Wald dort und zum „Mensch-Jaguar-Konflikt“ wegen des schwindenden Lebensraums. Citizen Science bedeutet so viel wie: Bürgerinnen und Bürger als Forschende. Wer will, kann dort tatsächlich forschen helfen und auch später, von daheim, weiter am Ball bleiben.

Aha?!

An diesem Samstag, 25. Juni, eröffnet die Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung die „Aha?! Forschungswerkstatt“ im Museum an der Senckenberganlage in Frankfurt. Dort können Besucherinnen und Besucher, Groß und Klein selbst Forscherinnen und Forscher werden.

Anfassen ist erlaubt. Wer mag, kann Sammlungsobjekte vermessen, Schubladen öffnen, mikroskopieren, Forschungsboxen untersuchen, zeichnen, modellieren, mit Naturmaterialien gestalten. Der neue Museumsraum ist bewusst so angelegt, dass mit ganzem Herzen experimentiert werden kann. Die Stiftung Polytechnische Gesellschaft fördert die Werkstatt.

Im Juli und in den Schulferien gibt es spezielle Angebote für Kinder, aber auch für Erwachsene dort.

Mehr Informationen unter museumfrankfurt.senckenberg.de

Öffnungszeiten der Forschungswerkstatt: Dienstag und Donnerstag 13 bis 17 Uhr, Mittwoch 10 bis 18 Uhr, Freitag bis Sonntag 10 bis Uhr.

Warum diese neue Form der Beteiligung im Museum, wo die Menschen seit Jahrhunderten daran gewöhnt sind, nur anzuschauen, was andere entdeckt haben? „Eva Roßmanith kam und sagte: Es muss mehr Räume geben, die aktiv sind“, blickt Museumsdirektorin Brigitte Franzen zurück. Das leuchtete ein. Ohnehin ist es das Anliegen der kunstgelehrten Direktorin, durchaus Grenzen zu überschreiten. „Wir wollen verschiedene Räume anbieten, um aktiv zu werden“, sagt sie, „auch Künstler ins Boot holen, die Orte für uns neu definieren.“ Ein wichtiges gesellschaftliches Projekt der Zeit sei es, Erkenntnisse herauszubringen aus den Museen. Aber ebenso: dass Forscherinnen und Forscher erfahren, was die Menschen interessiert. Auch so ein Ort soll das werden: Treffpunkt der Wissenden und der Wissbegierigen. Austausch in einer im wahrsten Sinne offenen Form, so wünscht es sich Brigitte Franzen.

„Wir sind begeistert von dem, was hier entsteht“, sagt Co-Kuratorin Kalkan. „Das Gefühl vermitteln: Ich helfe der Wissenschaft“ will Eva Roßmanith. Zum Beispiel, indem man Tierfotos sortiert – „auch gern mal nach hässlich und schön“, die Kuratorinnen lächeln, „oder taxonomisch“. Also zum Beispiel nach Tierart und Gattung sortieren.

Ein äußerst beachtliches Gebiss des Tigerhais gehört zur Aha?!-Sammlung. „Allein über dieses Haifischgebiss lässt sich so viel erzählen“, sagt Senckenberg-Generaldirektor Klement Tockner. Der Klimawandel gefährde den Lebensraum vieler Haie, hinzu komme die Jagd. „Wenn Haie aus Ökosystemen wegfallen, können diese aus dem Gleichgewicht geraten“, erklärt er – schon sei über die Faszination eines einzelnen Objekts der Zusammenhang mit der aktuellen Zwillingskrise hergestellt: Klimawandel und Verlust der Biodiversität. Tockner: „Wir können in der ,Aha?! Forschungswerkstatt‘ für die Natur faszinieren, sie erfahrbar machen und vermitteln, wie wir sie erforschen und warum wir das tun.“

Und wie gesagt: Sachen sind da erlaubt, die sonst verboten sind. Aber wenn man in diesem Raum jetzt plötzlich alles anfassen darf – am Ende glauben die Leute, das sei neuerdings im gesamten Museum so? „Die Leute können unterscheiden, das wird sich einspielen“, sagt Brigitte Franzen. „Sie werden verstehen: Hier ist der Nukleus eines neuen Museums, in dem wir vom Sehen zum Handeln kommen.“ Ein Hauptanliegen des Kampfes gegen die Krisen der Welt. „Vergleichendes Sehen üben und im übrigen Museum reflektieren.“

Eine große Attraktion der Forschungswerkstatt werden Liveschaltungen zu entfernten Orten oder auch in ein Labor um die Ecke sein. Dann können die Besucherinnen und Besucher mit Leuten sprechen, die gerade am Forschen sind. Eine Tribüne ist eigens dafür gebaut worden. Mit welchen Mitteln findet Wissenschaft statt: Das könne das Publikum künftig hautnah erleben, sagt Eva Roßmanith. „Aber auch, dass Wissenschaft Spaß macht und kreativ ist“, sagt Brigitte Franzen.

Möglich, dass dazu gerade ein Menschenschädel im Regal gezwinkert hat. Kann aber auch Einbildung gewesen sein. Wer vor Ort ist, darf jederzeit fragen. Die Leute vom „Aha?!“-Team sind an der Kleidung zu erkennen.

Rollregale schaffen eine Atmosphäre wie in einer wissenschaftlichen Sammlung. Und das ist sie ja auch.
Rollregale schaffen eine Atmosphäre wie in einer wissenschaftlichen Sammlung. Und das ist sie ja auch. © christoph boeckheler*
Kuratorin Eva Roßmanith erklärt das Konzept.
Kuratorin Eva Roßmanith erklärt das Konzept. © christoph boeckheler*
Acht Beine, aber nicht alleine. Forschungsmaterial.
Acht Beine, aber nicht alleine. Forschungsmaterial. © christoph boeckheler*

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