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Gemüse Müller verschenkt Karotten und andere Gemüsesorten, die sich nicht mehr verkaufen ließen.

Lebensmittel

Foodsharing: Der letzte Stopp vor der Mülltonne

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Bei Foodsharing in Frankfurt sorgen rund 1300 Menschen dafür, dass frische Lebensmittel nicht weggeworfen werden.

Lisa Villioth (32) hat das Erkennungszeichen dabei. Mit einer blauen Ikea-Tüte in der Hand wartet sie am Donnerstagnachmittag vor der Kleinmarkthalle am Liebfrauenberg auf zwei Menschen, mit denen sie gleich „Lebensmittel retten will“, wie sie sagt. Die Tüte stellt sie vor sich auf den Boden. Darin sind weitere Beutel und Tupperwaren. „An den Ikeatüten erkennen sich die Lebensmittelretter.“ Denn die Menschen, sie sich auch „Foodsaver“ nennen, haben sich über eine Plattform vernetzt und kannten sich vorher meist noch nicht.

Kobra Todil (29) und Doris Peck (57) kommen dazu, auch sie haben Ikeatüten dabei. Lisa Villioth holt einen Lageplan heraus. „Ich würde zu diesen Ständen gehen.“ „Ok, ich nehme diese Stände“. „Ich gehe zu diesen.“ Die Glocke der Liebfrauenkirche schlägt 16 Uhr, als die drei aus der Winterkälte in die beheizte Kleinmarkthalle treten und sich schnell verteilen.

Verschrumpelt, aber noch essbar.

Lisa Villioth läuft zu einem Gemüsehändler, der sie freundlich begrüßt. Seit Jahrzehnten verschenke Gemüse Müller schon Lebensmittel an die Kirche, an Obdachlose, an die Tafel, und nun an Foodsharing, sagt der Mitarbeiter mit dem wettergegerbten Gesicht. Er holt die Körbe, in die er Lebensmittel sortiert hat. Lisa Villioth hält ihre Ikeatüte auf. Weiße Champignons landen darin, braune Champignons, Karotten, Brokkoli, Tomaten, Paprika, Bohnen. Dann ist die Tüte voll.

An einem nördlichen Seitenausgang der Kleinmarkthalle trifft sie sich wieder mit den anderen. Es ist 16.07 Uhr, als sie die Tüten abstellen und die Lebensmittel sortieren. „Was möchtest Du noch haben, Bohnen, Ingwer?“ „Ich mag Scharfes so gerne, ich würde ein paar Stücke Ingwer nehmen.“ „Ich nehme noch von der Wurst.“ Tiefgefrorene Ahle Worscht und Fleischwurst wechselt von einer Tüte in die andere. Jede der Frauen hat nun zwei halbvolle Tüten, die sie mitnehmen kann.

Was machen sie nun mit den vielen Lebensmitteln? „Ich fahre jetzt nach Hause und sage einer Gruppe von bestimmten Menschen Bescheid, die kommen dann vorbei und holen die Lebensmittel ab“, sagt Kobra Todil. Etwa zwei Drittel verteile sie, den Rest behalte sie für sich.

„Ich poste Bilder von den Lebensmitteln in einer Whatsapp-Gruppe, dann kommen die Leute um Viertel nach acht zu mir, um sich die Lebensmittel abzuholen“, sagt Doris Peck. Ein alleinerziehender Vater sei oft dabei, eine Polizistin, ein Hartz-IV-Empfänger, ein Oberstudienrat.

Foodsharing

Interessiertekönnen sich auf der Website www.foodsharing.de informieren und an einem Quiz teilnehmen, um sich für Probe-Abholungen zu qualifizieren.

Die Foodsharing-Initiativeentstand 2012 in Berlin. Mittlerweile hat sie den Angaben zufolge mehr als 200 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Europa.

In Frankfurtmachten 1300 Menschen beim Foodsharing mit, sagt Lisa Villioth. „Täglich kommen neue hinzu.“ fle

Grundsätzlich gehen die Lebensmittelretter in Bäckereien, Restaurants, Kantinen, Cafés und Filialen von Supermärkten, zu Catering-Services, Obst- und Gemüsehändlern, auf Wochenmärkte und Bauernhöfe. Wer sich fürs Foodsharing interessiert, muss zunächst zeigen, dass er es Ernst meint. Am Anfang steht ein Quiz, unter anderem mit Fragen zur Lebensmittelhygiene. 

Angehende Foodsaver gehen drei Mal probeweise mit, um Lebensmittel abzuholen, um zu zeigen, dass sie verlässlich sind. Geld gibt es für das ehrenamtliche Engagement nicht. Benzin wird auch nicht bezahlt. Wer sich zum Foodsaver qualifiziert hat, kann eine oder mehrere Abholungen pro Woche machen. 

Kommen in die Tüte: Bohnen, Karotten, Paprika, Champignons, Brokkoli.

Wer sich darüber hinaus engagieren will, wird Betriebsverantwortlicher, kurz „Bieb“, und spricht Betriebe an. Der Leiter einer Ortsgruppe, der Foodsharing nach außen repräsentiert und alle organisatorischen Fragen klärt, heißt Botschafter. Lisa Villioth ist Botschafterin. Kobra Todil ist Foodsaverin. Doris Peck ist Bieb.

Auf dem Foodsharing-Ausweis, den Doris Peck vorzeigt, steht ihre Funktion. Der sei für die Händler wichtig. Es sei nämlich schon vorgekommen, dass sich Menschen als Foodsaver ausgäben, aber keine seien.

Wie viele Lebensmittel ohne die Foodsaver weggeschmissen würden, findet sie kurios. „Einmal war ich in einer Bäckerei, die haben mir kurz vor Ladenschluss hundert Brötchen mitgegeben. Die waren noch warm!“, sagt sie.

Die teilnehmenden Betriebe seien oft „heilfroh“, wenn sie die Lebensmittel los würden, sagt Lisa Villioth. Durch die Lebensmittelretter sparten die Betriebe die Kosten für die Entsorgung.

Doris Peck, Kobra Todil und Lisa Villioth (von links) klären vor der Kleinmarkthalle in Frankfurt, wer welche Stände besucht.

Auf der Welt, so ist es dem Wikipedia-Eintrag von Foodsharing zu entnehmen, werden jedes Jahr vier Milliarden Tonnen Lebensmittel hergestellt. 1,3 Milliarden Tonnen davon würden nicht gegessen und landeten im Müll. In Industriestaaten wie Deutschland würden sogar rund 40 Prozent der genießbaren Lebensmittel weggeworfen. Wäre Lebensmittelverschwendung ein Land, wäre es der drittgrößte CO2-Emittent der Welt, nach China und den Vereinigten Staaten. Foodsaver und teilnehmende Betriebe haben es demnach in der Hand, eine großen Teil der Lebensmittelverschwendung zu beenden.

„Das alles würde sonst weggeschmissen“, sagt Lisa Villioth und zeigt auf eine grüne Paprika, die leicht verschrumpelt ist. Dann hievt sie eine Ikeatüte über jede Schulter, läuft zur Bahn und fährt zum Uni-Campus Westend, um einen Teil der Lebensmittel abzugeben.

Eine Konkurrenz zur Frankfurter Tafel wolle Foodsharing nicht sein, sagt sie. „Wir geben den Tafeln, die Menschen in Not versorgen, gerne den Vortritt.“ Die Foodsaver würden im Vergleich eher kleine Mengen an Lebensmitteln mitnehmen, einzelne Tüten, während die Lebensmittel für die Tafeln oft ganze Lieferwagen füllten. Die Organisationen ergänzten sich, sagt sie.

Auf dem Lageplan steht, welche Stände mitmachen.

Hanna Thiele (27) wartet schon in der Katholischen Hochschulegemeinde auf dem Uni-Campus Westend. In der Küche liegen zwei Dutzend Gurken, Brötchen und Brote, Artischocken, Granatäpfel. „Viele Studierende kommen zu dieser Abgabestelle, um sich Lebensmittel kostenlos mitzunehmen“, sagt sie und nimmt die Lieferung von Lisa Villioth entgegen. Abholen lassen sich die Lebensmittel zu den Öffnungszeiten des Sekretariats, das unter der Woche von 9 bis 17 Uhr, freitags von 8 bis 13 Uhr geöffnet ist. „Für die Lebensmittel ist das der letzte Stopp vor der Tonne“, sagt sie.

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