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„Lassen den Frust an uns aus“: Lufthansa am Boden – Passagiere werden handgreiflich

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Von: Sandra Busch

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Die Beschäftigten des Lufthansa-Bodenpersonals streiken für mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen. Flüge sind gestrichen und Fluggäste sitzen in Frankfurt fest.

Frankfurt – Laut skandierend zieht die Menge um zehn Uhr los. „We are ready for mehr Geld“, rufen die rund 800 Lufthansa-Beschäftigten, als sie am Mittwoch vom Busparkplatz am Flughafen Frankfurt mit Trillerpfeifen und in gelben Warnwesten Richtung Lufthansa Aviation Center laufen. Dort sagt Marvin Reschinsky von der Gewerkschaft Verdi bei der Kundgebung: „Wir wissen, wie hart die Belastung für euch ist.“ Gemeinsam solle Druck auf die Lufthansa aufgebaut werden, damit nächste Woche „es endlich zu einem Ergebnis kommt“.

Lufthansa und Verdi haben in zwei Runden bereits über künftige Gehälter und Arbeitsbedingungen der rund 20 000 Bodenbeschäftigten gesprochen. Nächster Termin ist der 3. August. Für Mittwoch (27. Juli) hatte Verdi die Lufthansa-Beschäftigten des Bodenpersonals zu einem eintägigen Warnstreik aufgerufen. Um 3.45 Uhr legten sie am Mittwoch die Arbeit nieder. Bis Donnerstag 6 Uhr. „Seit drei Jahren haben wir kein Urlaubsgeld, kein Weihnachtsgeld, keinen Bonus, keine Lohnsteigerung“, sagt Hariz Muslic, der bei Lufthansa Technik arbeitet. „Wir wollen mehr Anerkennung und Respekt.“ Das will auch sein Kollege Sinisa Petkovic. Vor allem gebe es auch zu wenig Personal, sagt er. „Leute fehlen, pro Mitarbeiter gibt es eine Mehrbelastung.“

Das Bodenpersonal der Lufthansa hat die Arbeit niedergelegt und demonstriert für mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen am Frankfurter Flughafen.
Das Bodenpersonal der Lufthansa hat die Arbeit niedergelegt und demonstriert für mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen am Frankfurter Flughafen. © Michael Schick

Lufthansa-Personal streikt: Personalmangel am Frankfurter Flughafen

Das sagt auch Lufthansa-Betriebsrat Christian Hirsch. Die Lufthansa habe während der Krise Personal abgebaut, „das Abbauprogramm war überzogen, das fällt uns jetzt auf die Füße“. Warnungen seien von der Lufthansa ignoriert worden, „Jetzt zahlen wir alle die Zeche.“ Es gebe zu wenig Personal, auch sei keins mehr zu bekommen. „Die Arbeitsbedingungen und Vergütungen sind nicht mehr attraktiv.“ Er fordert die Investition in Personal, denn „ohne gestärktes Personal bekommt man die Flieger nicht in die Luft“.

Am größten deutschen Flughafen wurden am Mittwoch laut des Betreibers Fraport 725 von 1160 geplanten Flügen abgesagt. Das lässt sich mit einem Blick auf die Anzeigetafel im Terminal sofort erfassen: Barcelona, Lissabon, Atlanta – hinter jedem Lufthansa-Flug steht „cancelled“. In Halle A des Terminals 1 sind die Schalter verwaist. Leute sitzen am Boden, müde ans Gepäck gelehnt. An einem Stand gibt es kostenlos Getränke, Chips, Gummibärchen, Studentenfutter.

Gestrandet sind vor allem Gäste aus dem Ausland, die keine Umsteigemöglichkeit in Frankfurt haben. Sie stehen an den einzigen geöffneten Schaltern an: „Umbuchungen“. Dort bilden sich Schlangen. Rina aus Kanada will mit ihrer Familie nach Mazedonien weiterfliegen. „Mit der Lufthansa habe ich nur schlechte Kommunikation gehabt, es kamen auch nur einsätzige E-Mails zu den Flugausfällen“, sagt sie. „Falls alles schiefgeht, müssen wir zu einem Teil der Familie in Regensburg. Dann sehen wir weiter.“ Mads Riis aus Dänemark hängt seit Dienstag in Frankfurt fest. Er kam aus Mallorca. „Wir haben im Urlaub vom Streik gehört und immer auf eine Information der Lufthansa gewartet – jetzt stecken wir hier fest.“

Unzufriedene Fluggäste am Frankfurter Flughafen werden handgreiflich

Für die Passagiere tut es Georgia, Petra und Dagmar leid. Sie arbeiten sonst am Check-in. An diesem Tag aber demonstrieren sie. „Wir haben einen eklatanten Personalmangel“, sagt Dagmar. Und der wirkt sich auf den Service aus, „wenn eben nur noch einer da steht, wo vorher drei waren“, sagt Georgia. „Wenn ich überarbeitet, unterbezahlt bin, körperlich und verbal angegangen werde, dann kann ich auch keinen Service mehr leisten.“ Die Gäste sind unzufrieden. „Und lassen den Frust an uns aus“, sagt Petra. „Sie werden handgreiflich, beleidigen uns, es wurden schon Computer herausgerissen.“ Deswegen, sagt Dagmar, „gehen manche mit schlotternden Knien zur Arbeit“.

Auf der Kundgebung sagt Katharina Wesenick von Verdi, dass die Mitarbeiter:innen „psychisch und physisch an die Grenzen des Zumutbaren gehen“. Die Gewerkschaft fordert bei zwölf Monaten Laufzeit 9,5 Prozent mehr Geld in den Lohntabellen, mindestens aber 350 Euro. „Das Angebot der Arbeitgeberin ist eine Unverschämtheit.“ Die Lufthansa hat nach eigenen Angaben bei einer Laufzeit von 18 Monaten eine zweistufige pauschale Gehaltserhöhung um zusammen 250 Euro angeboten, zu der ab Juli kommenden Jahres noch eine gewinnabhängige Steigerung um zwei Prozent käme.

Schlangen bilden sich nur vor den Umbuchungsschaltern.
Schlangen bilden sich nur vor den Umbuchungsschaltern. © Michael Schick

Flughafen Frankfurt: Lufthansa-Personalvorstand nennt Warnstreik „unzumutbar“

Unter Pfiffen spricht Lufthansa-Personalvorstand Michael Niggemann bei der Kundgebung. Er nennt den Warnstreik „in seiner Breite und Länge unzumutbar und unnötig“. Schließlich sitze man nächste Woche wieder zum Verhandeln zusammen. Er verstehe den Wunsch nach Respekt und mehr Gehalt, aber „die Forderungen und die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit müssen in Balance gebracht werden“. Nur pfeifen „wird es nicht richten können“.

Axel Gerntke von der Linken- Fraktion im Hessischen Landtag findet „es eine Unverschämtheit, den Streikenden vorzuwerfen, dass sie jetzt streiken“. Wenn es nach den Arbeitgebern ginge, „wären Streiks nur am 30. Februar passend“. Auch Reschinsky wendet sich an Niggemann. „Den Warnstreik haben Sie als Management zu verantworten.“ Die Tariferhöhung abhängig vom Konzernergebnis zu machen, komme nicht infrage. Der Wille sei da, in der nächsten Verhandlung fertig zu werden. „Wenn ich aber die Aussagen vom Management höre, dann habe ich wenig Hoffnung.“ (Sandra Busch)

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