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Ohne Aus-und Weiterbildung haben Flüchlinge nur wenig Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Arbeitsmarkt

Flüchtlinge in Frankfurt finden kaum Jobs

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Der "Großteil bringt nur einen sehr geringen Bildungsstand mit": Arbeitsexperte Conrad Skerutsch über die Chancen und Probleme von Geflüchteten auf dem Frankfurter Arbeitsmarkt.

Conrad Skerutsch (58) ist Geschäftsführer der FRAP-Agentur. Um rund 80 Projekte bei etwa 40 Trägern zu fördern, hat die Stadt 16,2 Millionen Euro für das Frankfurter Arbeitsmarktprogramm (FRAP) im Haushalt 2017 zur Verfügung gestellt. Die FRAP-Agentur verwendet etwa die Hälfte dieser Mittel und steuert rund 40 Projekte bei etwa 20 Trägern, die sich an vorwiegend erwachsene Menschen richten. Die andere Hälfte des FRAP-Budgets wird direkt vom Jugend- und Sozialamt für Angebote verwendet, die sich an junge Menschen richten.

Herr Skerutsch, wie ist die Situation für Geflüchtete und Migranten auf dem Arbeitsmarkt in Frankfurt?
Die Situation ist gut, der Arbeitsmarkt ist sehr interessiert an Arbeitskräften. Allerdings kommt man ohne Zertifikate auf dem deutschen Arbeitsmarkt nicht sehr weit. Gesucht werden vor allem Fachkräfte, aber ein Großteil der Flüchtlinge bringt einen sehr geringen Bildungsstand mit.

Auf dem Höhepunkt der sogenannten Flüchtlingskrise war unklar, welche Flüchtlinge welche Kompetenzen und Interessen haben. Überblicken Sie die Situation nun?
Heute wissen wir mehr als damals. Am besten sind die Informationen dann, wenn der Asylantrag bewilligt wurde und das Jobcenter die Unterlagen der Menschen geprüft hat. Vor der Bewilligung des Asylantrags ist das Bild oft noch sehr lückenhaft, obwohl wir durch Interviews und Beratungsgespräche viel über den Bildungsstand der geflüchteten Menschen erfahren.

Woran fehlt es den Migranten und Geflüchteten?
Es mangelt vor allem an Sprachkenntnissen. Viele können bestenfalls rudimentär Englisch. Manche sind selbst in ihrer Heimatsprache Analphabeten, und ein Großteil ist nur für vier bis sechs Jahre zu Schule gegangen. Ich schätze, dass 70 Prozent der Menschen ein Bildungsniveau haben, das deutlich unter unserem Hauptschulabschluss liegt. Das macht den Einstieg in eine Ausbildung natürlich besonders schwierig.

Aber die Arbeitgeber können auch profitieren.
Ja, die Flüchtlinge sind sehr motiviert und bereit, auch schwierige oder unattraktive Arbeiten zu machen.

Wie ist die „Aufnahmebereitschaft“ der Arbeitgeber?
Sehr groß. Die Arbeitgeber sind sehr offen und auch bereit, in Ausbildung, Nachhilfe oder Sprachförderung zu investieren. Sie sind sehr flexibel, aber müssen natürlich gewisse Anforderungen stellen, denen ein Großteil der Flüchtlinge bisher nicht gerecht werden kann.

In der Geschichte der Bundesrepublik mussten immer wieder Zuwanderer in den Arbeitsmarkt integriert werden. Welche Unterschiede gibt es beispielsweise im Vergleich mit der Integration von Flüchtlingen der Jugoslawienkriege?
Der Unterschied ist frappierend. Damals war nur das Thema der Unterbringung wichtig. Darüber, wie die Menschen in den Arbeitsmarkt integriert werden können, wurde nicht gesprochen. Sehr gut ausgebildete Flüchtlinge sind in Helferjobs hängengeblieben, weil man sich nicht um sie gekümmert hat. Ausbildung und Qualifizierung haben praktisch keine Rolle gespielt.

Deswegen haben Sie gemeinsam mit anderen Organisationen Zukunftsmessen veranstaltet. Dort trafen Flüchtlinge auf Arbeitgeber. Welches Fazit ziehen Sie?
Die Messen waren sehr erfolgreich. Auf der ersten Zukunftsmesse ging es nicht so sehr um Vermittlung, sondern um ein Kennenlernen. Für viele Arbeitgeber waren Flüchtlinge lange ein Phantom, von dem sie nicht wussten, was es kann. Und auch viele Flüchtlinge wussten nicht, wie hoch die Ansprüche an sie sind. Zum Beispiel ist den meisten inzwischen klargeworden, wie wichtig es ist, die Sprache zu lernen. Bei vielen jungen Flüchtlingen besteht nun ein großes Interesse daran, eine Ausbildung zu machen.

Wie geht es weiter mit den Zukunftsmessen?
Die Kontakte sind geknüpft; wir kennen die Unternehmen und wissen, was sie erwarten. In der Vorbereitung auf die Messen haben wir mit den Flüchtlingen zum Beispiel Lebensläufe erarbeitet. Das kam bei den Unternehmen sehr gut an. Zukünftig werden wir die Menschen individueller betreuen. Das Format einer Messe ist dafür nicht mehr zweckmäßig.

Warum ist eine Ausbildung für die Integration von Geflüchteten überhaupt so wichtig?
Das ist der eigentliche Schlüssel zur Integration. Wenn wir jetzt den Fehler machen zu sagen: „Ach, Hauptsache sie kriegen irgendeinen Job“ – dann sorgen wir für die prekäre Beschäftigung der Zukunft. Wenn man aber als Fachkraft integriert ist und auf dem Arbeitsmarkt viel Deutsch spricht, dann gelingt Integration ungleich viel besser.

Eine Ausbildung zu bekommen, reicht aber nicht. Wie müssen die Menschen am Arbeitsplatz begleitet werden?
Zumindest im ersten Ausbildungsjahr brauchen Flüchtlinge eine Anlaufstelle, die bei Problemen in Berufsschule oder im Betrieb vermittelt. Alles in allem bin ich zuversichtlich: Wir wissen jetzt, was Integration heißt, und ich glaube, dass wir es dieses Mal besser hinbekommen.

Interview: Steffen Herrmann

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