Timmo Scherenberg (44) ist Geschäftsführer des hessischen Flüchtlingsrates.  

Interview

Flüchtlinge in Frankfurt: „Diese Unterkünfte sind nur Provisorien“

  • Hanning Voigts
    vonHanning Voigts
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Timmo Scherenberg vom hessischen Flüchtlingsrat spricht  über provisorische Massenunterkünfte, die zu einem Dauerzustand geworden sind.

Timmo Scherenberg (44) ist Geschäftsführer des hessischen Flüchtlingsrates. Die Dachorganisation unterschiedlicher Initiativen setzt sich seit 1991 für die Interessen geflüchteter Menschen in Hessen ein.

Herr Scherenberg, seit 2015 sind überall in Deutschland, auch in Frankfurt, Massenunterkünfte für Flüchtlinge entstanden. Sie haben das von Anfang an kritisch gesehen. Warum?
In einer Notsituation sind solche Unterkünfte sicher das, womit man kurzfristig reagieren kann. Aber so kann man langfristig keine Menschen unterbringen. Ein Großteil der Leute wohnt immer noch in Mehrbettzimmern, häufig müssen sich drei, vier fremde Menschen über Jahre hinweg ein Zimmer teilen. Diese Standards sind nur Provisorien, die sich in einen Dauerzustand verselbstständigt haben. Wenn die Leute dauerhaft hier leben, ist es menschenrechtlich, aber auch vom Standpunkt der Integration, absolut geboten, dass sie eine Wohnung bekommen. Man darf auch nicht vergessen, dass diese Unterkünfte teurer sind, als es eine normale Wohnungsunterbringung wäre.

Der Wohnungsmarkt in Frankfurt ist leergefegt. Wie soll es denn gehen, dass man allen Flüchtlingen eigene Wohnungen bieten kann?
Es braucht eben Wohnungen, Wohnungen, Wohnungen. Außerdem gibt es das Problem, dass die Leute sich wegen dieser verrückten Wohnsitzauflage keine Wohnung außerhalb Frankfurts suchen dürfen. Das verhindert, dass die Menschen sich im Umland eine Wohnung suchen. Ich sehe natürlich, dass die Stabsstelle Flüchtlingsmanagement, die derzeit noch 4500 Menschen in den Unterkünften hat, vor einer großen Aufgabe steht. Aber die Antwort darauf kann nicht sein, alte Unterkünfte zu schließen und sie dann durch neue Provisorien zu ersetzen. Der Stadtrat von Potsdam hat neulich beschlossen, alle großen Unterkünfte aufzulösen und einen Zeitplan zu erarbeiten, wie alle Bewohner in Wohnungen kommen können. So etwas wünschen wir uns natürlich auch in Frankfurt und ganz Hessen. In diese Richtung müsste auch die derzeit laufende Reform des Landesaufnahmegesetzes weisen.

Über die Unterkünfte wird seit 2015 durchgehend diskutiert. Was sind aus Ihrer Sicht ansonsten derzeit die drängendsten Probleme im Bereich der Flüchtlingspolitik?
Im Moment fangen leider die Abschiebungen wieder an, die durch Corona zum Erliegen kamen. Auch die Flüchtlingsaufnahme in Europa ist aktuell ein riesiges Thema, also die Frage, was mit den Menschen in Lagern auf den griechischen Inseln oder außerhalb Europas geschieht. Es wäre wichtig, dass die Landesregierung endlich ein hessisches Aufnahmeprogramm startet, das diesen Namen verdient, anstatt nur vereinzelt minderjährige unbegleitete Flüchtlinge aufzunehmen.

Interview: Hanning Voigts

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