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Flirtkurs mit Heimatkunde

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Von: George Grodensky

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Karl (links) und Ernst Leißner spazieren vergnügt durch Goldstein.
Karl (links) und Ernst Leißner spazieren vergnügt durch Goldstein. © Rolf Oeser

Einst als sozialer Wohnbau geplant, ist Goldstein heute ein schmuckes Wohngebiet. Karl und Ernst Leißner führen durch die Siedlung und erklären auch ihren Spitznamen: Scheißkübelhausen.

Der Spaziergang beginnt in der kargen Landschaft der Bürostadt. Der Bus muss den zögernden Reisenden regelrecht aushusten in die Ödnis kurz vor der Autobahn. Der Passant marschiert los, unterquert die A5 und staunt. Ein schmuckes Wohngebiet liegt da, die Häuser nicken freundlich, mit jedem Schritt ebbt der Lärm der großen Straße ab. Aus der Ferne brummen Flugzeuge einen entspannten Gruß herüber, kaum hörbar. Hier lässt’s sich’s leben, denkt sich der Besucher.

Das finden auch Karl und Ernst Leißner. Die zwei Brüder sind gebürtige Goldsteiner. Am Park sitzen sie auf einer Bank und blinzeln in die Frühlingssonne. Die Einladung zum gemeinsamen Rundgang nehmen sie gerne an. Das Problem: Die zwei sind so in Goldstein verwurzelt, dass sie kaum vom Fleck kommen. Beide hat das Land Hessen mit Ehrenbriefen ausgestattet – für ihr großes Engagement im Stadtteil. Sie kennen nahezu alles und jeden in Goldstein.

Ernst Leißner, Jahrgang 1937, bleibt alle paar Meter stehen und sinniert. Er schaut sich die Häuser an, die bizarren Verformungen der Architektur und gleicht die Bilder mit seinen Erinnerungen ab. „Das ist meine Lieblingsbeschäftigung“, sagt er. Spazieren, schauen, nachforschen, Geschichte aufspüren, das alles aufschreiben, als Buch herausbringen. Und: Gästen alles zeigen und erklären. „Jetzt ist die schönste Zeit, wenn die Bäume blühen.“

Karl Leißner, Jahrgang 1936, bleibt ebenso oft stehen. Er sinniert etwas weniger, dafür schäkert er ausgiebig und schüttelt Hände. Unter anderem ist er lange Vorsitzender des Vereins für Kultur und Natur gewesen. So hat er sich erfolgreich dafür eingesetzt, dass der Goldstein-Park unter Denkmalschutz steht. „Darf ich bei Ihnen abkassieren“, fragt Leisner unvermittelt zwei Damen auf einer Bank hinter der Seniorenwohnanlage. „Wieso?“, wundern die sich. „Sie haben einen Platz an der Sonne“, antwortet der Galan. Woraufhin, der etwas nüchternere Ernst dem Besucher zuzwinkert und raunt: „Da können Sie noch was lernen.“

Das stimmt allerdings, von beiden Leißners lässt sich allerhand Wissenswertes aufschnappen. Zum Beispiel, woher die bereits erwähnte bizarre Vielfalt an Gebäudeformen herrührt. Früher einmal gab es genau drei Typen, Doppelhäuser auf Erbpachtgrundstücken. Die Siedlung Goldstein war eine Art Arbeitsbeschaffung kombiniert mit sozialem Wohnbau. „Dem sozialsten , den ich kenne“, sagt Ernst Leißner, der selbst lange Jahre für eine Wohnbaugesellschaft gearbeitet hat.

1909 hatte die Stadt (zum zweiten Mal) das Hofgut Goldstein gekauft – bestehend aus Gut, Park, Ländereien, Herrenhaus. Zunächst führte die Kommune den Hof zur Nahrungsversorgung. Unter dem Eindruck der Wirtschaftskrise entschied die Stadt 1931 das Quartier zur Kleinsiedlung zu machen – für Arbeitslose, meist Bauhandwerker. Die bezogen weiterhin ihre Stütze und konnten zu günstigen Konditionen das Recht auf ein Haus erwerben. Das mussten sie allerdings selber bauen, in Trupps von zehn bis zwölf Mann.

Die Grundstücke waren recht groß, 750 Quadratmeter konnten, nein mussten, die Familien dort bewirtschaften, auch Kleintiere halten. Die Stadt kontrollierte das genau, „kein Unkraut durfte wachsen, wer die Siedlungsnorm nicht erfüllte, musste wieder wegziehen“, erzählt Ernst Leißner. Anfangs achtete die Stadt bei der Grundstücksvergabe noch auf handwerkliches Geschick, ab 1933 aber eher auf die politische Gesinnung.

Das Leben in der Siedlung war nicht einfach. Es gab keine Kirche, keine Schule, keine Kindergärten. „Dafür war aber immer Arbeit da“, sagt Ernst Leißner. In die Schule sind er und seine drei Brüder und zwei Schwestern nach Schwanheim gegangen – zu Fuß. Den weitesten Marsch legten sie nach Kriegsende zurück.

1944 verschlug es die Brüder im Rahmen der Kinderlandverschickung in ein Dorf bei Wetzlar. „Von heute auf morgen hatten wir neue Eltern, neue Geschwister“, erzählt Karl Leißner. Nur die Arbeit blieb weitgehend gleich: auf einem kleinen Hof. Nach dem Krieg hat sie ihre Mutter abgeholt, zu Fuß. „Eineinhalb Tage ist sie gelaufen“, erzählt Karl Leißner, er war mit seinem Bruder gefahren worden. Alle drei machten sie sich am nächsten Tag aber zu Fuß auf die Rückreise. Die Mama mit „einem Rucksack voller Zeug“.

Der Respekt ist groß vor den Leistungen der Eltern. Nicht nur, dass sie die Gemäuer selbst errichtet haben. Auch des Wirtschaftens wegen. Die Häuser hatten weder Gas-, noch Wasser- noch Kanalanschluss. Gartenabfälle, der Kleintier-Mist und die menschlichen Ausscheidungen kamen alle in die Puddelkaut, eine Art Jauchegrube auf dem Grundstück. Das Gemisch darin diente als Dünger für die Gärten. „Da ist nichts von übrig geblieben, es ist alles verwertet worden“, sagt Ernst Leißner.

Daher rührt auch der Spitzname der Siedlung: Scheißkübelhausen. Für die Goldsteiner „ist das kein Schimpfwort“, sagt Karl Leißner. „Da sind wir stolz drauf.“ Die umliegenden Stadtteile seien alles reiche Leute gewesen. Die Goldsteiner dagegen, haben sich alles selbst aufgebaut. Karl Leißner baut heute noch Gemüse auf seinem Grundstück an.

Es ist also kein Wunder, dass sich das Gesicht der Siedlung immer mehr gewandelt hat. Die Goldsteiner haben einfach immer an ihren Häusern weiter gearbeitet. Die klassischen Gründerzeit-Häuschen sind kaum mehr zu sehen. Die Siedler haben einfach größer angebaut oder umgebaut, erweitert, riesige Schwarzwald-Balkone errichtet. Viele haben auch abgerissen und eine neue Immobilie errichtet.

„Trutzburgen und babylonische Türme“ nennt sie Ernst Leißner. Wegziehen wollte er aber nie. Nach seiner Heirat 1959 lebte er eine Zeit lang mit seiner Frau in Sachsenhausen. In Goldstein war kein Platz. Aber 1972 ist er samt Familie wieder zurückgekehrt. „Unser Haus war fertig“, sagt er lapidar. Woanders zu bauen ist ihm gar nicht in den Sinn gekommen. „Wir wollten zurück nach Goldstein.“

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