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Gut aufgestellt: die Pflegekräfte Marzena Slabosz und Johannes Gebri.

Arbeitsmarkt

Frankfurter Verband AiQuA bildet Pflegekräfte in Fach und Sprache aus

Dank eines von der EU geförderten Projekts bildet der Frankfurter Verband dringend benötigte Pflegefachkräfte aus.

Seit 15 Jahren arbeitet Marzena Slabosz schon in der Pflege, Sie gehört damit zur Gruppe der auf dem Arbeitsmarkt dringend gesuchten Pflegekräfte. Doch ihr Abschluss als Krankenpflegerin aus Polen wird in Deutschland nicht anerkannt. „Ich habe mich für AiQuA entschieden, weil ich so einen Berufsabschluss bekomme und gleichzeitig beim Sprachenlernen unterstützt werde“, sagt sie. Menschen mit Pflegeerfahrung wie Slabosz berufsbegleitend zu qualifizieren, ist Ziel von AiQuA, der „Arbeitsintegrierte Qualifizierung in der Altenpflege“ des Frankfurter Verbandes.

„Es war eine schöne Zeit, aber anstrengend“, erinnert sich auch Malika Ouali. Sie hat 2011 die dreijährige Ausbildung im Rahmen von AiQuA begonnen. Inzwischen hat sie die Pflegedienstleitung im Victor-Gollancz-Haus in Sossenheim und betreut nun Slabosz während ihrer AiQuA-Zeit. „Die Ausbildung bekommt man nicht geschenkt“, sagt sie. Denn das besondere Konzept von AiQuA sieht vor, dass sich die teilnehmenden Auszubildenden den Stoff der drei Lehrjahre quasi selbst aneignen.

Und damit fehlende Sprachkenntnisse kein Hindernis darstellen, wird allen Interessierten ein Sprachkurs angeboten. Im Unterschied zu einer regulären Ausbildung bekommen die Auszubildenden bei vollem Gehalt einen Tag in der Woche, also 20 Prozent ihrer Arbeitszeit, als Lernzeit zur Verfügung gestellt. „Ich wollte schon länger eine Ausbildung machen, aber meine Familie war auf mein Gehalt angewiesen“, erzählt Ouali.

„An dieser Stelle kann ich ein Lob an die EU aussprechen“, sagt Conrad Skerutsch, Ideengeber für AiQuA von der Werkstatt Frankfurt. Der Europäische Sozialfonds förderte den ersten Durchgang des Projekts mit knapp einer Million Euro. Damit wurden neues Lernmaterial erstellt und eine wissenschaftliche Begleitung ermöglicht. „Dieses Geld war eine große Hilfe“, sagt Skerutsch. Denn im Altenpflegebereich seien die finanziellen Möglichkeiten sehr begrenzt.

Von den anfangs mehr als 70 Teilnehmenden haben letztlich etwa 30 die Ausbildung im ersten Durchgang erfolgreich abgeschlossen. „Ohne den Rückhalt der Familie geht es nicht“, sagt Ouali. „Das war dann manchmal schon witzig zu Hause, wenn wir zeitweise die Rollen getauscht haben: Die Kinder haben sich dann um den Haushalt gekümmert - und die Mama hat für ihre Prüfung gelernt.“

Dass diese 30 Menschen durchgehalten haben, liege auch an der engen Bindung der Teilnehmenden zur Einrichtung, sagt Ute Bychowski von der Fachbereichsleitung beim Frankfurter Verband, zu dem auch das Victor-Gollancz-Haus gehört. So konnte Bychowski die Auszubildenden besser unterstützen. Dass sie ihnen sage: Ich traue dir das zu, habe viele ermutigt, sagt Bychowski. „Ich komme aus einem muslimisch geprägten Elternhaus; meine Eltern haben mir nach der Schule erst mal von einer Ausbildung abgeraten“, erzählt Ouali.

Nach dem ersten Durchgang finanzierte der Frankfurter Verband AiQuA allein weiter. Insgesamt konnten so zwischen 2011 und 2020 rund 130 Hilfskräfte zu professionellen Pflegekräften ausgebildet werden. „Sozusagen auf Vorrat“, sagt Bychowski. Denn nun, nach dem fünften erfolgreichen Durchgang, läuft das Projekt aus. Im Bereich der Pflegeausbildung steht eine deutschlandweite Reform an.

Den Erfolg von AiQuA verdanke sich dem überaus großen Engagement der beteiligten Personen, sagt Büchowski. So hatte die Schulleiterin der Altenpflegeschule die „geniale Idee“, den Lernstoff entsprechend einzelner Pflegesituationen aufzuteilen, erzählt Anna Maurus. Die Soziologin hat das Konzept für AiQuA mitentwickelt. Jede Woche bekamen die Lernenden also einen konkreten Pflege-Fall, den sie sich zuerst theoretisch erarbeiten und dann ihre Ergebnisse auch praktisch umsetzen mussten. So konnten die Teilnehmenden an das anknüpfen, was sie schon aus der Praxis kannten.

Außerdem waren die Teilnehmenden mit viel Fleiß und Motivation dabei. „Wir wollten beweisen, dass wir es schaffen können“, sagt Ouali. Gerade in schwierigen Phasen haben sich die Teilnehmenden gegenseitig unterstützt. In den kleinen Gruppen, in denen sie sich wöchentlich getroffen haben, fiel das Lernen leichter, sagt Ouali.

„Viele Teilnehmende haben mir erzählt, dass sie in einen regelrechten Lernrausch verfallen sind“, sagt Anna Maurus. Angetrieben durch ihre große Neugier kamen sie von einem Stichwort zum nächsten. So hätten die Auszubildenden letztlich mehr Zeit in die Theorie gesteckt als bei einer regulären Ausbildung, sagt Maurus. Und noch dazu gelernt, sich eigenständig Wissen anzueignen.

„Nach dem Abschluss habe ich mich gefreut, dass ich auch bei Fachgesprächen mitreden kann – und endlich für meine Arbeit anerkannt werde“, sagt Ouali.

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